"Die Brücke – Transit in den Tod" Staffel 2 (SW/DN/D, 2013) Kritik – Hoffnung, die von der Klippe springt

Autor: Sebastian Groß

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„Die Welt ist größer als wir.“

Das ZDF macht sich. Als einer der ersten Sender Deutschlands überhaupt versuchten sich die Programmverantwortlichen daran, von ihrem Image des „Seniorensenders“ zumindest rudimentär zu trennen. Der Spartenkanal zdf_neo ging on air und auf dem Mainzer Lerchenberg, der Zentrale des zweiten deutschen Fernsehens, versuchte man ein attraktives Programm zu gestalten. Dazu wurden zig hochgelobte Formate eingekauft, die zunächst zwar nur im kleinen neo gesendet wurden, die aber später auch den Sprung ins Hauptprogramm schaften. Noch vor wenigen Jahren wäre es ein Novum gewesen, wenn im ZDF neben „Derrick“, „Ein Fall für Zwei“, „Der Alte“ oder „Siska“ auch Serien wie „Luther“ mit Idris Elba und Ruth Wilson oder „Downton Abbey“ mit Maggie Smith und Hugh Bonneville laufen würde. Mittlerweile ist es zwar immer noch nicht wirklich alltäglich, dennoch gibt es vor allem für jüngere Gebührenzahler (und Schwarzseher) mittlerweile mehrere, gute Gründe das ZDF einzuschalten. Einer dieser Gründe ist sicherlich auch „Die Brücke – Transit in den Tod“. Eine schwedisch-dänisch-deutsche Ko-Produktion, in der das ZDF beteiligt ist. Diese Kriminal-, oder besser gesagt Thriller-Serie, schaffte es bereits mit Staffel eins sich in den Köpfen und Herzen vieler Zuschauer einzunisten. Dank guter Kritiken und Quoten wurde auch die amerikanische TV-Industrie auf „Die Brücke“ aufmerksam. Das Ergebnis: „The Bridge – America“. Ein Serienremake mit Diane Kruger („Das Vermächtnis der Tempelritter“), Demian Bichir („Machete Kills“) und Ted Levine („Das Schweigen der Lämmer“).

Da Erfolg nun mal der beste Grund ist, etwas fortzuführen, gab es 2013 von „Die Brücke – Transit in den Tod“ auch eine zweite Staffel, die nach der Ausstrahlung im ZDF, genau wie Staffel eins, nun auch fürs Heimkino verwertet wurde. Jeder der mag, kann also den zweiten Fall der beiden Kommisare Noren und Rohde nun ohne einwöchige Pause zwischen den Folgen sehen. Das ist wohl auch gut so, denn genau wie in der vorangegangen Staffel, erschufen die Serienmacher erneut ein weitumspanntes Handlungsnetz, welches zunächst wie ein undurchdringliches Dickicht aus Locations, Charakteren, Vermutungen und Absichten besteht und sich erst nach und nach entwirrt und erklärt. Dabei geht „Die Brücke – Transit in den Tod“ in seiner narrativen Weite in die Offensive. Think Big! ist das Motto, wenn militante Öko-Terroristen, große Unternehmen und mysteriöse Todesfälle sich zu einem großen Ganzen verweben. Das Markante daran sind die persönlichen Entwicklungen der darin enthaltenen Rollen. Gerade zu Beginn, wenn alles noch etwas undurchschaubar scheint, hält die Serie eine gelungene Balance aus genre-typischen Spannungsaufbauelementen und evolutionärer Charakterformung. Bei der Fülle von Figuren, die „Die Brücke – Transit in den Tod – Staffel 2“ nutzt um seine inhaltlichen Rahmen abzustecken, kommt es allerdings öfters vor, dass sich die Narration in eine Sackgasse navigiert. Das generiert deutliche Längen, vor allem innerhalb der ersten beiden Episoden.

Ein Frachter läuft unter der Öresundbrücke auf Grund. Statt der Besatzung findet die Küstenwache angekettete und betäubte Jugendliche aus Schweden und Dänemark. Im Krankenhaus wird klar, dass die Teenager mit einer gefährlichen Krankheit infiziert sind, die höchstansteckend ist. Die schwedische Kommissarin Saga Noren und ihr dänischer Kollegen Martin Rohde ermitteln.

Das komplexe Handlungskonstrukt, wird, genau wie bei der Vorgängerstaffel, erneut von den beiden Kommissaren Saga Noren und Martin Rohde getragen. Noren sticht dabei natürlich klar heraus. Als Kommissarin mit dem Asberger-Syndrom, einer Form von Autismus, sind ihr soziale Notwendigkeiten fremd. Das erschwert zwar den Umgang mit Menschen, hat allerdings auch einen klaren, nüchternen Blick zur Folge, die bei der Polizeiarbeit öfters mehr als nur hilfreich ist. Ihr dänischer Kollege erscheint da alleine schon aus narrativer Sicht als unumgänglicher Konterpart, der ihr nicht nur helfend bei den Ermittlungen zur Seite steht, sondern auch bei ihren alltäglichen Problemen mit emotionalen Fremdkörpern. Gewiss resultiert daraus auch immer wieder Komik, aber anders wie bei anderen sonderbaren Kriminalisten der Serienhistorie, nutzt „Die Brücke – Transit in den Tod“ diese Form des comic relief nur dezent und wohl dosiert. Mehr funktioniert das ungleiche Duo als Katalysator für die teils wirklich abschreckenden Verbrechen, die die Serie ihren Zuschauer serviert. Es sind zwei Perspektiven: Expansiv und Expressiv. Gemeinsam ergibt sich ein großes Ganzes und dank der gut geschriebenen Bücher, bleiben die beiden Protagonisten gleichberechtigte Kräfte innerhalb der Narration.

Die reservierte Saga Noren und der bullige Gefühlsmensch Martin Rohde. Die Öresundbrücke, die Regisseur Henrik Georgsson immer wieder als Szenenfüller einsetzt, ragt wie ein Symbol der Verbindung aus der Serie heraus. Schweden und Dänemark, Saga und Martin. Zwei Polizisten, wie sich unterschiedlicher nicht sein könnten, aber dennoch verbunden durch eine gemeinsame Vergangenheit (die Ereignisse aus Staffel 1), die vor allem Martin noch nicht verarbeitet hat. Dies nimmt einen überaus interessanten wie intensiven Nebenstrang der Handlung ein und endet schließlich in einer tosenden Ambivalenz, die letztlich mehr Kraft innehat, als der eigentliche Hauptfall, mit dem die beiden Ermittler beschäftigen. Aber egal ob Haupt- oder Subplot, über allem legt sich Schwere. „Die Brücke – Transit in den Tod“ schwelgt in grauer Tristesse und ausweglosem Pessimismus. Die Kühle der Inszenierung erinnert an Michael Manns „Collateral“. Dort war es Taxifahrer Max (Jaime Foxx), der als verkörperte Hoffnung auf eine bessere Welt fungierte. Hier ist es Kim Bodnia als Martin, der diese Aufgabe erfüllt. Doch während Taxifahrer Max zum Helden wurde, schickt „Die Brücke – Transit in den Tod – Staffel 2“ seinen good boy einmal quer durch die trostlose Hölle Skandinaviens und lässt ihn dort alleine und gebrochen zurück. Ja, in der Serie sterben Menschen, aber noch öfters springt die Hoffnung über die Klippe.

Nicht nur das skandinavische Kino mit seinen Nicolas Winding Refns („Pusher“), Lars von Triers („Nymph()maniac“), Anders Thomas Jensen („Adams Äpfel“), Thomas Vinterbergs („Die Jagd“) und Susanne Biers („Nach der Hochzeit) ist einen Blick wert. Auch viele der dortigen TV-Produktionen lohnen sich. Die zweite Staffel von „Die Brücke – Transit in den Tod“ lässt daran keinen Zweifel. Staffel 2 funktioniert wunderbar als Wechselspiel zwischen groß angelegtem Krimi, bzw. Thriller und subtextuell aufgeladener Charakterstudie. Das Ergebnis ist so frostig wie mitreißend. Defätismus in Reinkultur. Damit gehört „Die Brücke – Transit in den Tod“ zu der aktuell äußerst gefragten wie erfolgreichen Seriengattung, die keine Angst davor hat, mit der Grausamkeit verlorener Hoffnung auf eine bessere Welt zu kontrahieren. Harter Tobak also, der wegen seiner erwähnten Längen schon ein wenig selbstverliebt daher kommt. Wenn aber am Ende, zum letzten Mal für diese Staffel, der Abspann über das Bild der Öresundbrücke läuft, sind packende 600 Minuten zu Ende. Danach empfiehlt sich ein Sonnenbad und wenn man sich wieder damit zurecht gefunden hat, dass die Welt mehr zu bieten hat, als Fatalismus, sollte man sich auf 2016 freuen. Dann will das ZDF die dritte Staffel ausstrahlen, die 2015 produziert wird.