"Candy" (AU 2006) Kritik – Die Reise der Engel

„Es sprach viel für uns. Wir hatten den geheimen Klebstoff gefunden, der alles zusammen hielt. An einem perfekten Ort, zu dem der Lärm nicht vordringen konnte. Unsere Welt war absolut vollkommen.“

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Bei Drogenfilmen liegt die Messlatte in Sachen Qualität inzwischen extrem hoch. Bei Vertretern wie ‚Trainspotting‘, ‚Enter the Void‘ und dem wohl besten Genre-Beitrag ‚Requiem for a Dream‘ von Darren Aronofsky haben es neue Filme mit der gleichen oder ähnlichen Thematik äußerst schwer zu begeistern oder etwas Neues zu bieten. Mit der australischen Drogen-Romanze Candy von 2006 gelang Regisseur Neil Armfield zwar sicher kein Meisterwerk, aber er schaffte einen tragischen und äußerst ernüchternden Blick in die rosige Welt zweier Verlorener.

Für die talentierte Malerin Candy und dem Philosophen Dan ist es einfach Liebe auf den ersten Blick. Schnell ziehen Wolken am Himmel auf und Heroin kommt ins Spiel. Candy prostituiert sich für den nächsten Schuss. Dan sieht ihr dabei tatenlos zu. Der Absturz ist vorprogrammiert und dennoch heiraten sie. Die Sucht drückt das Paar immer enger zusammen, bis Candy es nicht mehr länger aushält.

Die Kamera ist immer ganz nah am Geschehen und an den Protagonisten. Mal mit ruhigen, versöhnlichen Einstellungen, mal mit wackelnder und aufbrausender Handkamera. Das Ganze gibt dem Film streckenweise eine ganz eigene Intensivität, der man sich kaum entziehen kann. Dazu der ruhige Score von Paul Charlier, der sich genau dem tragischen Leidensweg des Pärchens anpasst und auf seine berührende Art und Weise dem Film den richtigen Schliff gibt.

In den Hauptrollen sehen wir Superstar Heath Ledger und Newcomerin Abbie Cornish. Heath Ledger spielt den trostlosen, selbsternannten Dichter und Denker Dan und zeigt, wie in ‚Brokeback Mountain‘ im Vorjahr, eine äußerst berührende und glaubwürdige Leistung. Die Harmonie zwischen ihm und Kollegin Cornish ist einfach toll. Als Zuschauer lebt und weint man mit Dan und folgt ihm überall mit hin. Abbie Cornish als Candy, die von Dan in die Drogenszene verleitet wird, bringt ebenfalls eine sehr starke Leistung und schafft es, genau wie Ledger, die eigenen Emotionen glaubwürdig auf den Zuschauer zu übertragen und mitfühlen zu lassen. Geoffrey Rush rundet den Cast als gutmütiger „Helfer in der Not“ Casper ab. Rush ist zwar nur in wenigen Szenen vertreten, kann aber wie gewohnt überzeugen und durch sein tolles Auftreten einige Impulse setzen.

Armfield inszenierte mit ‚Candy‘ einen rauschartigen Zustand und vermischt die eigene Tragik des Seins mit der reinen Wärme von unberührter Liebe. Die hoffnungslose und qualvolle Sucht nach dem Stoff, der das Leben von Candy gleichermaßen erleichtert und verkürzt, schleicht sich immer gravierender in diese Welt hinein. Auch auf die unantastbare scheinende Liebe und die eigene Lebensdauer selbst bezogenen. Alles hat hier ein Ende, nur der Weg dorthin ist eine unerträgliche Strecke und doch nur einen Wimpernschlag lang. ‚Candy‘ zeigt uns zwei Menschen, die sich längst in ihren Gefühlen und der Abhängigkeit verloren und vergessen haben. Blind vor Liebe und gleichzeitig zerstört von Sucht. Sie sind ganz unten angekommen und alles was im Leben noch zählt, ist der Weg zum nächsten Schuss, egal was es auch kosten mag. Selbst die eigene Körperruine wird verschandelt und verkauft. Zwei Menschen, die unendlich verliebt sind und doch vollkommen erfroren in ihrem Inneren.

Erwähnenswert an dieser Stelle ist die unglaublich traurige und doch so herzliche Szene, in der Dan und Candy zusammen ihre tote Frühgeburt im Arm halten und streicheln, kaum größer als die eigene Handfläche. Eine der dunkelsten und schlimmsten Augenblicke überhaupt, der doch so unglaublich viel familiäre Wärme ausstrahlt. Doch ‚Candy‘ lebt nicht nur von den Problemen zwischen Candy und Dan. Auch die Familien der beiden bekommen ihre Rollen zugesprochen. Candy selbst kommt aus einer stabilen und aufrechten Familie. Dan hingegen stammt aus zerrütteten Verhältnissen. Candys Familie bemerkt schnell, was mit dem Paar nicht stimmt, doch sie wollen der Wahrheit zu keiner Sekunde in die Augen sehen. Sie leugnen alles, gehen den schweren Problemen einfach aus dem Weg und sehen zu, wie die eigene Tochter immer tiefer in ihren Abgrund fällt.

Genau von diesem bitteren und nachhaltigen Ton lebt ‚Candy‘ und genau das macht ihn in seiner Inszenierung und Darstellung einfach überdurchschnittlich und ehrlich. Man muss auch das Ende loben, welches den Zuschauer einfach leer zurücklässt und genau den richtigen Schlusspunkt für diesen Film setzt. Keine erzwungene Gefühlsduselei. Allerdings hat ‚Candy‘ auch seine Schwächen. Zuerst braucht der Film seine Zeit bis er den richtigen Schwung hat und den Zuschauer wirklich fesseln kann und selbst wenn dieser Punkt überwunden ist und man auch im Geschehen gefangen ist, gibt es leider noch einige klare Szenen, die zu langatmig geworden sind und das erzeugte Interesse wieder etwas abflachen, aber immer wieder rechtzeitig in die richtige Spur zurückfinden. Die große Klasse kann ‚Candy‘ daher nicht durchgehend halten.

Fazit: Neil Armfield inszenierte mit ‚Candy‘ einen berührenden, erschreckenden, bitteren und auch schweren Film, der sicher nichts für zwischendurch ist. Leider geht dem Film ab und an immer wieder die Puste aus und verliert sich in seiner unnötigen Länge. Doch ‚Candy‘ bleibt in jedem Fall ein guter Film, ganz besonders wegen seiner tollen Darsteller und nimmt uns mit auf eine Reise durch Himmel und Erde und die Hölle.

Bewertung: 7/10 Sternen