"Casino" (USA 1995) Kritik – Gefangen in der Stadt der Sünde

„Sie sollten nicht nur aufhören, Sie sollten weglaufen.“

null

Wir schreiben das Jahr 1995. Martin Scorsese ist längst eine lebende Legende unter den Regisseuren und hat sich mit Filmen wie ‚Taxi Driver‘, ‚Wie ein wilder Stier‘ und ‚GoodFellas‘ bereits unsterblich gemacht. Die Ungerechtigkeit des Geschäfts verfolgte ihn dabei allerdings all die Jahre und den mehr als überfälligen Oscar für seine immer wieder grandiose Arbeit konnte er noch nicht entgegen nehmen. Mit ‚Casino‘ hielt diese Serie leider weiterhin an und nur eine einzige Nominierung, für die beste Hauptdarstellerin, gab es für den Film. Das wirkt sich natürlich in keiner Weise auf den Film selbst aus und Scorsese zeichnet wieder ein beeindruckendes Portrait dreier Menschen die sich zwischen Macht und Gier selbst verlieren.

Mit einer fantastischen Ausstattung lässt Scorsese das Las Vegas der 70er und 80er Jahre auferstehen. Dicke Autos, der schrille Kleidungsstil und das unbeschreibliche Meer der Farben
flackern über den Bildschirm und ziehen den Zuschauer schnell in seinen Bann. Robert Richardson fängt diese mehr als trügerische Scheinwelt in grandiosen Bildern ein und liefert eine tolle Kameraeinstellung nach der anderen ab. Untermalt wird der Film dabei ausschließlich von Songs aus dieser Zeit, die ‚Casino‘ natürlich das perfekte Feeling geben und eine wirklich dichte Atmosphäre erzeugen können.

Mit Scorseses damaligen Lieblingsschauspieler Robert De Niro als Sam „Ace“ Rothstein in der Hauptrolle, kann Scorsese natürlich so rein gar nichts falschen machen. Dass De Niro unter seiner Regie immer wieder zur Bestform auffährt, hat er auch mehr als einmal bewiesen und auch hier zeigt sich De Niro wieder in absoluter Hochform und liefert eine seiner stärksten Karriereleistungen ab. Mit Joe Pesci ist das geniale Trio wieder vollständig. Joe Pesci kann als tobender Mafioso Nicky Santoro auch wieder so richtig auffahren und schafft es sogar De Niro gelegentlich die Show zu stehlen. Den dritten Part übernimmt Sharon Stone als Edelprostituierte Ginger. Stone kann die Klasse von Pesci und De Niro nicht erreichen, zeigt aber dennoch eine ihrer besten, vielleicht sogar ihre beste, Darstellung und kann durch ihr vielschichtiges Schauspiel überzeugen. In einer kleineren Rolle ist James Woods als Ex-Zuhälter Travis zu sehen. Zwar kann Woods sich in seiner Rolle kaum entfalten, holt aber durch sein routiniertes Schauspielt das Beste aus seiner Rolle.

Wenn sich Martin Scorsese einem Gangster oder Mafiafilm annimmt dann darf man nicht nur mit einem erstklassigen Film rechnen, man darf vor allem auch einem realistischen und hochinteressanten Blick in diese Welt erwarten. Scorsese erzählt hier zwar zum größten Teile eine fiktive Geschichte, die Charaktere an sich bauen allerdings immer wieder auf reale Vorbilder. Der Charakter Sam „Ace“ Rothstein zum basiert auf dem US-Amerikaner Franky „Lefty“ Rosenthal. Dazu könnte man Casino auch gleich als Scorsese detailliertesten und vielschichtigsten Film bezeichnen der uns der eine Einblick in die kalten Machenschaften von Las Vegas offenbart.

Scorsese setzt auf eine feine und komplexe Charakterzeichnung. Angefangen wird das Ganze mit Ace, der durch seine Mafiakollegen in das große Tangiers-Casino eingeschleust wird und durch seinen perfektionierten Leitungsstil schnell die Umsätze in die Höhe treibt. Ace wird schnell zum angesehen Mann. Er hat Macht, Ruhm und das nötige Kleingeld in den Taschen. Seinen nötigen Schutz bekommt er durch den Mafioso Nickey, der Probleme lieber mit den Fäusten regelt als mit klärenden Worten. Das Geld häuft sich und die Gier ebenfalls. Ace hat alles, nur noch die Frau fehlt ihm um richtig „glücklich“ zu sein. In der Prostituierten Ginger scheint er die richtige Frau fürs Leben gefunden zu haben. Mit ihr kommen allerdings auch die ersten großen Probleme. Sie ist drogensüchtig und so kein Umgang für die gemeinsame kleine Tochter, dazu kommt sie von ihrem alten Zuhälter nicht los, den sie immer mit Geld versorgen muss. Nicky ist mit seiner plumpen Rolle als Beschützer ebenfalls unzufrieden und unterfordert und will sich selber einen Ruf in der Stadt der Sünden machen. Durch seine Brutalität und Gnadenlosigkeit wächst er schnell zum gefürchtetsten Gangster der Stadt heran und wird in das schwarze Buch eingetragen. Hausverbot für jedes Casino. Nachdem sich auch Ace ärger mit einem Lokalpolitiker einhandelt, pocht dieser darauf Aces nichtvorhandene Lizenz überprüfen zulassen. Die Lage spitzt sich auf allen Seiten zu. Ace und Nicky dürfen nicht mehr zusammen gesehen werden und werden von nun an auf Schritt und Tritt vom FBI verfolgt. Ginger will nichts mehr mit Ace zu tun haben und trifft sich dafür immer wieder mit Nicky. Die heile und sorglose Welt zerbricht immer mehr zu einem Haufen Scherben und jede Scherbe steht für ihr eigenes Problem.

In der ersten Stunde wird uns der Casino-Alltag und ihre Mitarbeiter ausführlich vorgestellt. Dabei immer aus dem Off von Nicky und Ace kommentiert. Wie auch der Rest des Films. Wir sehen Ace wie er Betrüger an den Spieltischen entlarvt und sie dafür gehörig bestrafen lässt. Wir sehen seine fast vollkommene Welt, aufgebaut auf einer Lüge. Ginger scheint diese endlich zu komplettieren. Allerdings verliert die Welt damit jeglichen Halt und Bodenständigkeit. Auch den Zorn seines Jugendfreundes Nicky zieht Ace auf sich. Aus einer jahrelangen Freundschaft wird Feindschaft. Aus Liebe wird Hass. Das glorreiche und farbefrohe Leben von Ace verkommt schnell zu einer eiskalten und gefühllosen Landschaft. Die Probleme mit Ginger drängen ihn dabei immer wieder aus der Bahn. Er muss sein Kind vor der unberechenbaren Mutter schützen, so wie er sein eigenes Leben jeden Tag aufs Neue schützen muss. Jeden Tag könnte er der nächste sein der in einem Loch in der Wüste landet. Wem kann er noch wirklich vertrauen und wer versucht ihn nur ans Messer zu liefern? Die Fassade zerbröckelt immer mehr. Las Vegas wird vom schimmernden Stern zu einer Hölle aus Blut, Lügen, Intrigen und Korruption. Dabei geht Scorsese, wie gewohnt, in seiner Gewaltdarstellung sicherlich nicht zimperlich vor (Füller und Baseballschlägerszene), will die Gewalt aber in keinem Fall in den Mittelpunkt rücken. Doch wir sind in der Geschichte an einen Punkt angekommen an der sie der einzige Ausweg zu sein scheint. Immer mehr Blut muss vergossen werden und doch befinden sich alle drei in einem Teufelskreis aus dem es kein Entkommen gibt. Jeder will Macht, doch keiner versteht es mit dieser richtig umzugehen. Es geht um Ehre. Doch jeder gibt sein bestes um die eigene Ehre und die Ehre anderer zu beschmutzen, bis man nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Das wahre Gesicht dieser Menschen zeigt sich erst wenn sie ganz unten angekommen sind und dann ist es zu spät.

Scorsese versteht es seine Charaktere, so machtbesessen und durchtrieben sie auch sein mögen, immer wieder dem Zuschauer nah zu bringen und ihr Verhalten und Handeln irgendwie nachvollziehbar zu machen. Vor allem Ace kann sich hier natürlich schnell die Sympathien des Zuschauers sichern und sogar so etwas wie Mitleid erzeugen lassen. Eine Welt voller zweifelhaftem Ruhm, aber ohne Helden. Eine Welt in der man schnell aufsteigen kann, aber noch schneller fallen. Eine Welt die schnell Süchtig macht und ihre Reize perfekt ausspielt um jeden direkt in eine gnadenlose Falle zu locken. Wenn du denkst endlich Ruhe zu haben, steht die nächste Sorge schon vor der Tür. Las Vegas ist nicht der Ort um Probleme zu lösen. Las Vegas ist der Ort der dir Probleme macht.

Fazit: ‚Casino‘ kann sich ohne Probleme in die Reihe der besten Gangster-/Mafiafilme aller Zeiten stellen. Mit den grandiosen Darstellern, der perfekten Ausstattung und den einmaligen Bildern, der tollen Songwahl, sowie Scorseses exzellenter Inszenierung wird ‚Casino‘ zu einem Film, den man im Leben gesehen haben sollte und der über seine knapp dreistündige Laufzeit durchgehend extrem fesseln und unterhalten kann.

„Sie haben hier drei Möglichkeiten etwas zu machen und zwar auf die richtige Art, die falsche Art und auf meine Art!“

Bewertung: 9/10 Sternen