Charaktervorstellung: Sansa Stark und die Rolle der Frau in Game of Thrones

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Die Welt von Game of Thrones ist ein hartes, unnachgiebiges Pflaster. Es bleibt kein Platz für Schwäche, wer zögert wird aussortiert und segnet schnell das Zeitliche. Man sollte meinen dass gerade Frauen einen schweren Stand im Universum von George R. R. Martin haben aber es sind gerade die weiblichen Protagonistinnen, die uns wahrlich mitreißen. Sei es der Aufstieg von Daenerys Targaryen, von dem durch ihren Bruder zwangsverheirateten grauen Mäuschen, zur taffen, alleserobernden Herrscherin, die ganze Armeen befehligt und die Welt verändern möchte. Oder der intriganten Cersei Lannister, welche im Hintergrund ihrer Familie still und leise die Strippen zieht und ihre Kontrolle tief in das Königshaus schlägt. In einer Welt in der momentan ausführlich über das desaströse Verhältnis von Leinwandzeit zwischen Mann und Frau diskutiert wird, ist Game of Thrones ein Beispiel dafür, wie man beiden Seiten interessante Charaktere erschaffen kann, welche die Entwicklung und das Voranschreiten der Geschichte konstant und auf entscheidende Art und Weise beeinflusst.

Beispielhaft für mich ist hierbei die Figur Sansa Stark. Nicht nur dass es sich hierbei um eine meiner absoluten Lieblingsfiguren handelt, anhand ihrer Erlebnisse bekommen wir die Entwicklung eines kleinen, verwöhnte und rotznäsigen Kindes, zur starken, unabhängigen und selbstentscheidenden Frau mit. Wenn man zurück an Staffel eins denkt, als es die junge Sansa gar nicht abwarten kann mit ihrem Verlobten Joffrey nach Königsmund zu reisen um ihn zu heiraten. Die in ihrer Naivität nicht an das unaussprechliche Leid, welches ihr und ihrer Familie widerfahren wird, denken kann. In der vierten Folge der sechsten Staffel, spricht sie ganz konkret ihren Bruder Jon an, dass sie niemals ihr Zuhause hätten verlassen dürfen, dass sie gerne zurückgehen und sich selbst anschreien würde. Ihr klarer Blick auf ihre Erlebnisse haben sie zu der Frau gemacht die sie jetzt ist und wenn sie dann nach der Schlacht der Bastarde ihrem größten Peiniger gegenübersteht und dabei zusieht, wie er von seinen eigenen Hunden zerfleischt wird, kann man die Last die ihr von den Schultern fällt förmlich ansehen. Ein deutliches Zeichen wenn eine Frau nur dadurch ein wenig Erleichterung widerfährt, in dem sie der Hinrichtung ihre verhassten Mannes beiwohnt.

George R. R. Martin setzt in seiner Welt ganz bewusst auf ein divergentes Frauenbild. Einerseits oft als Ware benutzt, ist es das weibliche Geschlecht, welches das von Daenerys erwähnte Rad (welches sie eigentlich zerstören will) ins Rollen bringt. Gerade auch wenn man Sansa noch genauer betrachtet (unter Berücksichtigung des Sachbuches Winter is coming – Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones) erkennt man zu was für einem Spielball eine Frau werden kann und was passiert wenn diese das Ganze durchschaut und anfängt die Situation für sich auszunutzen. In Sansa fließt das Blut von Eddard ‚Ned‘ Stark, das macht sie zu einer enorm mächtigen Erbin in der Blutlinie ihrer Familie. Nicht nur dass die Starks schon immer den Norden kontrolliert haben und so die gesamten Familie unter sich einigen können, durch die Verbindung mit einem (beliebigen) anderen Haus, können Konflikte vermieden und Bündnisse geschlossen werden. So ist die erste Verlobung mit Joffrey Barratheon eine reine Vernunftentscheidung, auch wenn Sansa denkt dass sie aus Liebe geheiratet wird. Beide Familien denken, dass es das Beste wäre die Häuser Lannister und Barratheon miteinander zu verbinden. Danach wird sie dem kleinwüchsigen Tyrion Lannister versprochen, welche in ihrer Verbindung noch mehr der Pflicht ihrem jeweiligen Haus entspricht, als tatsächlicher Zuneigung oder Liebe.

Der Stand der jungen und zu Beginn wehrlosen jungen Frau, verschlechtert sich von Staffel zu Staffel, bis sie in ihrer Hochzeitsnacht gar eine Vergewaltigung über sich ergehen lassen muss. Zu einem Zeitpunkt in dem immer mehr und offener über sexuellen Missbrauch in unserer heutigen Zeit gesprochen wird, war diese Szene ein handfester Skandal (auch wenn die Vergewaltigung nicht zu sehen, nur zu hören war). Es wurde offen über die Rolle der Frau diskutiert und die brutale Szenerie wurde als frauenverachtend beschrieben und rezepiert. Dabei folgt George R. R. Martin hauptsächliche der klassischen Rollenverteilungen im Mittelalter. So wie Sansa muss es vielen Jungfrauen in ihrer Hochzeitsnacht ergangen sein. Ein deutliches Zeichen des Mannes um seine Überlegenheit gegenüber seiner Frau zu demonstrieren. Der jungen, zarten Dame wird das Letzte geraubt, was sie noch für sich hat, nachdem sie den Tod an ihrem Vater beiwohnen musste und nach und nach immer mehr Familienmitglieder verlor. Eine unmenschliche aber unbedingt notwendige Szene für das Mädchen das zur Frau werden muss, denn Erfahrung ist ein elementarer Schlüssel für das Überleben und die kann sie sich nur langsam und auf äußerst schmerzhaft und erniedrigendem Weg aneignen. Ein Umstand, der ihr zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar sein mag, doch wenn sie am Ende vor der Zelle von Ramsay steht und dem blutigen Spektakel gebannt zuschaut, wissen wir dass aus der quengelnden Göre eine starke Frau geworden ist, die das Zepter in die Hand nehmen kann und an der Seite ihres Bruders für einen Unterschied in der Welt von Westeros sorgen wird.