"Chernobyl Diaries" (USA 2012) Kritik – Tschernobyl heißt Sie herzlich willkommen!

„Tell me if you see something moving in the water.“

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26. April 1986: Im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl kommt es zu einer Explosion des Reaktors. Die nahegelegene Arbeiterstadt Prypjat wird evakuiert, jedoch lassen viele der Bewohner in dem glauben, dass sie bald wieder in die Stadt zurückkehren können, ihr gesamtes Hab und Gut in ihren Wohnungen. Ein Irrglaube, denn seit nunmehr 25 Jahren mahnen die leerstehenden Wohnblöcke, stumme Zeugen einer der größten nuklearen Katastrophen unserer Zeit, vor den Gefahren der Kernenergie. Prypjat ist eine moderne Geisterstadt und scheint damit geradezu prädestiniert als Kulisse für einen Horrorfilm. Denn wenn man im Kino die Aufnahmen der menschenleeren Straßen und verfallenen Häuser sieht, erzeugen diese unkommentiert gelassenen Bilder größeres Unbehagen als die meisten Horror-Schlachtplatten während des gesamten Films. Doch leider versteht es der ehemalige Spezialeffekt-Spezialist Bradley Parker in seinem Hollywood-Debüt „Chernobyl Diaries“ nicht, den besonderen Reiz seines außergewöhnlichen Settings gewinnbringend zu nutzen und kreiert lediglich einen weiteren uninspirierten „The Hills Have Eyes“-Klon.

Die Freunde Chris (Jesse McCartney), Natalie (Olivia Dudley) und Amanda (Devin Kelley) befinden sich auf einer Reise quer durch Europa. Nach Stationen wie London und Paris soll es nun in den Osten Europas gehen, genauer gesagt nach Kiew. Hier erwartet sie Chris großmäuliger Bruder Paul (Jonathan Sadowski) bereits mit einer Überraschung: Er hat einen Trip nach Prypjat, der verlassenen Stadt nahe des Atomkraftwerks Tschernobyl gebucht. Gemeinsam mit einem anderen Pärchen und ihrem einheimischen Reiseführer Uri (Dimitri Diatchenko) geht es am nächsten Tag auch schon los. Doch als die Gruppe nach einem abenteuerlichen Tag in Prypjat wieder den Weg nach Hause antreten möchte, stellen sie zu ihrem entsetzen fest, dass sich jemand an den Kabeln zu schaffen gemacht hat. Sind sie etwas doch nicht allein?

Obwohl Prypjat inzwischen immer häufiger zum Ausflugsziel schaulustiger Touristen wird, wurde „Chernobyl Diaries“ aus verständlichen Gründen nicht in der Geisterstadt nahe des Kernkraftwerks Tschernobyl gedreht. Allein die permanente Strahlenbelastung über mehrere Tage wäre ein zu großes Gesundheitsrisiko für Geist und Körper aller Beteiligten gewesen. Jedoch hat man sich würdigen Ersatz gesucht und sich dabei weitestgehend am realen Stadtbild Prypjats orientiert. Neben halbverfallenen Häuserblocks und einem riesigen Autofriedhof findet sich auch das von Fotos hinlänglich bekannte stillgelegte Riesenrad mitsamt Autoskooter in Bradley Parkers Film wieder. Und auch im Inneren der einsturzgefährdeten Ruinen kommt echte Gänsehaut-Stimmung auf, denn die verstaubten Klassenzimmer, verlassenen Wohnungen und düsteren Kellergewölbe beflügeln die Fantasie des Zuschauers und man erwartet quasi hinter jeder Ecke seinen schlimmsten Albtraum. Würde nur das Setting bewertet werden, wäre „Chernobyl Diaries“ wohl einer der besten Filme dieses Jahres.

Natürlich sind die Protagonisten, eine amerikanische Touristengruppe, von denen jedes Mitglied weitestgehend charakterlos, und damit bis zum Schluss absolut austauschbar bleibt, an diesem gespenstischen Ort nicht allein. Schon bevor diese die Stadtgrenze überhaupt überschritten haben, stoßen sie an einem Bach auf einen mutierten Fisch, der lustigerweise ein wenig an eine bösartige Variante des berühmten dreiäugigen Fischs „Blinky“ aus den Simpsons erinnert. Doch nicht nur die Fische sehen im verstrahlten Gebiet furchterregend aus, auch die restliche Tierwelt scheint nicht gut auf Touristen zu sprechen sein: So treffen die Protagonisten auf verstrahlte und ungewöhnlich aggressive Hunde und einen echten Tscherno-Bären. So langsam kommt auch bei den Protagonisten eine dunkle Ahnung auf: Wenn selbst Bären die Auswirkungen der Katastrophe überlebt haben, warum dann nicht auch – Schreck lass nach – Menschen?! Wurde bis zu diesem Zeitpunkt noch die Frage offengelassen, wer oder was denn nun die Reisegruppe dezimieren wird, entschließt man sich nach der ersten Nacht die Katze aus dem Sack zu lassen. Scheinbar wurde Prypjat eher schlecht als recht evakuiert, denn gleich Dutzende mutierter Einwohner machen nun der verängstigten Reisegruppe das Leben schwer und jagen diese in einem mauen Katz-und-Maus-Spiel durch die Katakomben der Stadt.

Diese wilde Hatz könnte sich als ganz unterhaltsam erweisen, wenn die Auftritte der Mutanten auch nur halbwegs gruselig oder spannend in Szene gesetzt werden würden. Doch meistens erinnern diese eher an schwerfällige, hirnlose Zombies, die ihre Opfer in Gruppen ziellos durch die Gassen treiben, bedrohlich in der Gegend rumstehen und sich nach ihrer ersten Entdeckung kaum mehr die Mühe machen, im verborgenen zu agieren. Dabei sollte man doch annehmen, dass 25 Jahre Versteckspiel mit dem russischen Militär und neugierigen Touristengruppen aus den verstrahlten Einwohnern wahre Meister der Tarnung hätte machen müssen. Auch sehen diese mutierten Touristenjäger alles andere als bedrohlich aus, denn diese erinnern, dank ihres Erkennungszeichens Glatze und aschfahler Haut, eher an kränkliche Rentner, als an mörderische Mutanten. Wenn man sich da die liebevoll-ekelhaft gestalteten Kostüme in dem „The Hills Have Eyes“-Remake ins Gedächtnis ruft, ist es durchaus verwunderlich, dass sich gerade der Debütfilm des ehemaligen Spezialeffekt-Spezialisten Bradley Parker durch fehlende Kreativität im Mutanten-Design auszeichnet. Und auch das Ableben der amerikanischen Touristen erweist sich als erstaunlich uninspiriert: Nach Schema F werden diese nacheinander von den Mutanten verschleppt und/oder hingerichtet. Nicht ganz klar ist hierbei, ob diese nun aus reinem Spaß an der Freude morden, oder in den Touristen wirklich etwas Essbares sehen, denn die Überlebenden stoßen auf ihrer Flucht immer wieder auf unversehrte Leichname früherer Weggefährten und anderer Mutanten-Opfer.

Fazit: Ein guter Schauplatz ist eben doch nicht alles. Austauschbare Charaktere, langweilige Mutanten und ein uninspiriertes Drehbuch verhindern, dass aus Bradley Parkers Regie-Debüt „Chernobyl Diaries“ mehr wird, als ein unterdurchschnittlicher Genre-Vertreter.

Bewertung: 3/10 Sternen