"Choral des Todes" (BE/FR 2013) Kritik – Im nebulösen Zirkel der Vergangenheit

Autor: Pascal Reis

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„Das Konzert kann beginnen.“

Den intellektuellen Status eines Cormac McCarthy („All die schönen Pferde“) trägt der international gefragte Bestsellerautor Jean-Chistophe Grangé nicht inne, nicht einmal in seiner französischen Heimat würde man ihn zu dem literarischen Phänomen erklären, für das ihn viele Fans der wahrhaft gelungenen Verfilmung seines Kassenschlagers „Die Purpurnen Flüsse“ im Nachhinein leichtfertig bezeichneten. Aber bei einer wenig differenzierten Kollision der Medien sind derartige Superlativen seit jeher Gang und Gäbe. Grangé aber versteht etwas von seinem Handwerk und weiß, wie er diverse Nebenstränge innerhalb seiner fokussierten Handlung kohärent unter einen Hut bekommt und das Finale gekonnt zur großen Klimax, anstatt zur lachhaften Enthüllung verquerer kriminalistischer Versatzstücke stilisierte, wie es in den überladenen Drehbuchadaptionen (beispielsweise „Das Imperium der Wölfe“ mit Jean Reno) oftmals der Fall war. Mit Sylvian Whites Mystery-Thriller „Choral des Todes“ hat nun eine weitere Verfilmung einer beliebten Romanvorlage von Grangé ihren Weg in die breiten Regale der Videotheken gefunden.

Eigentlich hatte Frank Salek, ein Interpolagent, den gesuchten Kinderhändler Vargos schon in der Hand und die Chance, wichtige Informationen aus ihm zu quetschen, die dem florierenden Ring endgültig den Garaus machen könnte. Sein Kollege jedoch hat Vargos in einem Moment der Unaufmerksamkeit auf der Toilette die Möglichkeit zum Selbstmord gewährleistet und wird daraufhin Opfer eines Wutanfalls Saleks. Die Folge: Salek wird vom Dienst suspendiert, kann sich, auch aus persönlichen Antrieben, nicht von dem Fall lösen und stößt bei den Ermittlungsarbeiten auf eigene Faust auf den kurz vor seiner Pensionierung stehenden Polizeikommissar Lionel Kasdan. Dieser ist dabei, eine Mordserie aufzuklären, bei denen den Opfern offensichtlich mit einem einzigen Stoß der gesamte Gehörgang durchstoßen wurde. Die beiden ungleichen Gesetzeshüter tun sich vorerst widerwillig zusammen und versuchen gemeinsam mit unkonventioneller Handhabung das brutale Rätsel um den wahren Mörder zu lüften…

Eingangs wurde die defizitäre Auflösung einzelner Plots erwähnt, die sich nicht harmonisch in das große Ganze der eigentlichen Handlung integrieren wollen. „Choral des Todes“ ist für diese fatale narrative Schwachstelle ein echtes Paradebeispiel. Was in Grangés Roman mit dem Umfang von angemessenen 600 Seiten noch funktionieren mochte, macht aus der filmischen Interpretation ein überfrachtetes Sammelsurium aus unzähligen Eckpfeilern und nichtssagenden Querverweisen, die in Whites hastiger Dramaturgie keinerlei Zeit für Entfaltung geschenkt bekommen und dadurch nicht die referenzielle Intensität schüren, um die sich in aller Hetze bemüht wird. „Choral des Todes“ ist nämlich per se nicht nur in einer Kriminalgeschichte verwurzelt, die sich stringent im Hier und Jetzt bewegt, die benannten Subplots dringen sowohl in die Vergangenheit des Frank Saleks ein, wie sie auch mit politischen und historischen Quellen digerieren – Und dabei gleichzeitig versuchen, das mysteriöse Klima konsequent aufrecht zu halten. Verwaschen und unnötig verkompliziert ist daher auch das enttäuschende Endergebnis in seiner gesamten Konzeption Struktur.

Dabei fängt „Choral des Todes“ wirklich ansprechend an und Sylvian White beweist in der ersten halben Stunde, dass er es durchaus versteht, eine ansprechende Spannungskurve zu modellieren, ohne sich in der vielfältigen Tonalität zu verhaspeln. Das liegt allerdings auch an dem gut aufgelegten Hauptgespann, in dem sich Joey Starr als Frank Salek und Gerard Depardieu als Lionel Kasdan gekonnt die Bälle zuspielen und ihre Beziehungen aus anfänglichen Reibereien langsam in die Anklänge eines amerikanisierten Buddy-Movies verlegen. Wirklich etwas erfahren darf man über die Figuren – bis auf einige Rückblicke in die Kindheits Saleks – aber nicht, was bei einem Genre-Film dieser Gattung zu erwarten war. Der seriöse Einlass auf die Psychologie der Charaktere wäre nur ein weiterer immanenter Störfaktor gewesen, der der Narration jeden zusammenhaltenden Faden entgerissen hätte. Die zwei repräsentativen Schlagworte wie ‚Suspendierung‘ und ‚Pensionierung‘ sagen dem klischeeerfahrenen Geek doch bereits alles.

Fazit: Menschenhandel, Naziverbrecher, diktatorische Mechanismen Lateinamerikas und tödliche Chöre, verwoben in eine Kriminalgeschichte, die sich ihr rätselhaft-mysteriöses Gemüt fortwährend bewahren möchte, sich aber im Überfluss an Nebensträngen und Reizen schnurstracks in der überladenen Belanglosigkeit verirrt. „Choral des Todes“ hat mit Gerard Depardieau und Joey Starr zwar noch ein solides Duo in den Hauptrollen zu bieten, verliert sich aber nach einer halben Stunde schon im konzeptionellen Wirrwarr aus endlosen Ungereimtheiten und von jeder Logik befreiten Wendungen.

„Choral des Todes“ erscheint am 6. Dezember 2013 auf DVD, Blu-ray und VoD.

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