Cineastische Highlights beim 36. Filmfest München

Gastbeitrag von Clemens Judersleben

Die endgültige Entscheidung erneut zum Filmfest München zu fahren erfolgte mit einem freudigen Aufschrei im Büro nach Bekanntgabe des finalen Programms und zig Nachrichten an all die befreundeten Filmnerds: Die Festivalkuratoren nutzen erneut den günstigen Post-Cannes Termin und präsentieren im CineMasters-Wettbewerb nicht nur den diesjährigen Gewinner der goldenen Palme Shoplifters, sondern auch den Kritikerrekorde brechenden und wohl von allen Filmgeeks am sehnsüchtigsten herbeigesehnten Film Burning. Insgesamt tummeln sich in den verschiedenen Programmreihen 24 Filme aus Cannes sowie weitere Preisträger aus Venedig und Sundance.

DAS MÜNCHER AUSGHÄNGESCHILD

In der öffentlichen Wahrnehmung bezieht das Festival jedoch sein kuratorisches Prestige als Ort der Premieren in der Sektion NEUES DEUTSCHES KINO. Zusätzlich erhält man in der Programmreihe NEUES DEUTSCHES FERNSEHEN die Chance TV-Filme einmalig auf der großen Leinwand zu sichten. Gesättigt von den wundervollen deutschen Berlinale-Beiträgen und dem Achtung Berlin Festival habe ich mich auf zwei Filme dieser Sektionen beschränkt. Thomas Stuber erzählt im TV-Film Kruso anhand einer fiktiven Geschichte auf Hiddensee im Jahr 1989 von Formen der Freiheit innerhalb des undemokratischen, freiheitsberaubenden Systems der DDR. Im anschließenden Q&A erweist sich Stuber ebenfalls als großer Erzähler und erklärt unter anderem den Unterschied zwischen der Realisierung eines TV- und Kinofilms. Das schlagende Argument stellt die Reichweite von bis zu mehreren millionen Zuschauern bei einer Ausstrahlung im Ersten Mittwochabend sowie die ausgiebige finanzielle Unterstützung dar. Die künstlerischen Ansätze müssen dem Medium im Vergleich zum Arthouse-Kinofilm natürlich angepasst werden: So spricht Stuber davon eine lange, behutsame Exposition der Charaktere in seinen üblichen Arbeiten gegen eine dringlichere emotionalere Einführung zu tauschen. Unterschiede kann der Zuschauer ebenfalls in der Wahl der Filmmusik, den Bildkadrierungen und der Dramaturgie im finalen Akt ausmachen. Auch wenn Kruso natürlich nicht an In Den Gängen heranreichen kann, hebt er sich doch wohltuend künstlerisch von üblichen TV-Produktionen ab.
Ende Neu ist als Abschlussfilm von Leonel Dietsche an der Filmhochschule Ludwigsburg entstanden und kann mit den großen Namen Sylvester Groth und Georg Friedrich aufwarten. Das Endzeitsetting, Männer herrschen brachial über die restlichen Wälder und die sich vereinzelt versteckenden Frauen, punktet einzig mit dem großartigen Score und den stimmungsvollen Cinemascope-Bildern von Roland Stuprich. In Hinblick auf die erzählerische Ambition, eine dystopische Überspitzung der „MeToo“-Debatte zu schaffen, enttäuscht Ende Neu; zu vieles wirkt platt und nur in Ansätzen durchdacht. Motive werden aufgegriffen und schlagartig vergessen. Wie so oft im selten finanzierten deutschen Genrefilm, ist das Resultat nur durchschnittlich.

Thomas Stuber (rechts) und seine Darsteller beim Q&A zu Kruso © Clemens Judersleben & Filmfest München

FOKUS CHINA

Bei den Berliner Filmfestivals beklage ich mich immer wieder über die geringe Anzahl asiastischer Beiträge. In den vier Tagen in München konnte ich meinen Fokus speziell auf das gesellschaftskritische, chinesische Kino zwischen kunstvollen Independentproduktionen und epischen Generationsportäts legen. Silent Mist erkundet die Auswirkungen von Missbrauch an drei jungen Frauen. Die patriarchalen Strukturen, Korruption, alte Familientraditionen, ablehnende Liebschaften oder perverse Einzeltäter: der Filmemacher richtet die Schuld an die ganze chinesische Gesellschaft. Die endlos langen Trackingshots durch ein provinzielles, chinesisches Venedig entfachen eine einnehmende, mythische Stimmung, welche leider durch unausgeglichenes Schauspiel der Laiendarsteller und unangebrachten Trancezuständen zu oft gebrochen wird. Eines der gebrandtmarkten Mädchen entlässt am Ende des Film, nach einem 10 minütigen Irrweg, einen Goldfisch in einen der unzähligen Kanäle: ein poetischer Hilfereich dem missglückten Gesellschaftssystem vielleicht doch zu entrinnen.
The Looming Storm zeichnet die Suche nach einem Serienkiller auf einem Fabrikgelände 1997 in China nach, erreicht aber nicht annähernd die Qualität von Klassikern wie Memories of Murder oder dem Gewinner des Goldenen Bären Feuerwerk am helllichten Tage. Zu sehr werden alte Klischees des Film noir durchdekliniert, zu wenig wird eine eigene Handschrift des Regisseurs sichtbar und zu spannungsarm fällt die Inszenierung für das Genre aus. Seine vereinzelten Stärken hat der Film dennoch: z.B. in der prägnanten Beschreibung des aufkeimenden Turbokapitalsmus Chinas und den gesellschaftlichen wie persönlichen Folgen, wo Gewalt oder der Freitod für viele der einzige Ausweg scheint. In Erinnerung bleibt vor allem eine Verfolgungsjagd inmitten eines an die dystopischen Bilderwelten von Terminator oder Blade Runner erinnernden Stahlwerkes.
Trotz der epischen Bandbreite seiner zwei Jahrzehnte umfassenden Liebesgeschichte erzählt der wohl bekannteste zeitgenössische Regisseur Ja Zhang-ke am subtilsten von den gesellschaftlichen Umbrüchen seines Landes. Ash is the Purest White beginnt als sehr präszise beobachtete Gangsterballade, wandelt sich zur Studie einer gebrochenen Frau auf ihrem Weg zurück ins Leben und mündet in einem zutiefst melancholischen Status Quo. Man braucht einen langen Atem für Zhang-kes neues Werk; so richtig packt einen das Konzept erst im finalen Akt. Dann sind die Täler des Dreischluchtendamms am Jangtsekiang bereits geflutet, die Liebenden gescheitert, der Traum der Globalisierung und des großen Reichtums nun in der Welt der Smartphones manifestiert. Zhang-ke variiert das Bildformat im Sinne des Zeitgeistes und schafft eine universelle Geschichte, die einen lange mitnimmt.

HIGLIGHTS IM CINEMASTER-WETTBEWERB

Es ist den Münchner Kuratoren hoch anzurechnen den Gewinner der goldenen Palme als zweites Festival überhaupt im Programm zu haben. Seltsam dagegen mutet dann das Kinoerlebnis an sich an: im kleinen Atelier-Saal findet der Film nicht die Entsprechung seiner Deutschlandpremiere und der fehlende Applaus am Ende wirkt auch befremdlich. An der Qualität von Shoplifters liegt es jedenfalls nicht: Hirokazu Kore-eda spielt erneut mit dem Konstrukt und der Bedeutung von Familie in der heutigen japanischen Gesellschaft, auch wenn der Film eine universelle Gültigkeit besitzt. Wirkt sein Film oberflächlich recht konventionell, so gelingt es dem Film trotz großer emotionaler Kraft, viele Fragen und eine Einordnung von Richtig oder Falsch offen zu lassen, um somit Zuschauer zum Nachdenken anzuregen. Kore-eda zeigt uns Menschen mit ihren vollkommen eigenen, teils emphatischen, teils egoistischen Motivationen. Es ist die große Kunst des Drehbuchs dem Zuschauer nach und nach die komplette Fülle der einzelnen Charaktere zu offenbaren. Komplizierte Konstrukte erfordern tiefe Charaktere, doch der Fokus bleibt immer auf dem Zusammenspiel als Familie. Es ist ein Film, der Herz für ein ganzes Kinojahr bereithält, ohne jemals kalkuliert zu wirken.

Und dann kam Burning. Nicht nur des Namens wegen der neue Ingebriff eines Slow-Burners. So richtig begreift man erst, wenn die Credits rollen, was man hier gerade gesehen hat. Wie die besten Romane von Haruki Murakami erzeugt der neue Film von Chang-dong Lee Gefühle von Einsamkeit und Isolation. Selten habe ich mich in Perspektivlosikeit und Resignation so gut einfühlen können. Es ist ein großer Verdienst von Lee und seinem formidablen Schauspielertrio, die traumhaft kühlen Bildkompositionen, den Unbehagen auslösenden und dennoch perfekt reduzierten Score sowie die zurückgenomme Erzählweise rund um soziale Ungleichheit im heutigen Südkorea, in ein so formvollendetes Werk mit großer emotionaler Resonanz zu verwandeln. Nach dem Kinobesuch war ich froh alleine zu sein, etwas entrückt und desorientiert, und doch voller Freude darüber, den vielleicht besten Film des Jahres schon jetzt gesehen zu haben.

Asiatische Highlights: Burning, Shoplifters, Ash is the Purest White & Silent Mist © Filmfest München

AMERICAN INDIES: SUNDANCE UND PAUL SCHRADER

Mit fünf von zwölf Filmen im Cinemasters-Wettbewerb, der Ehrung von Emma Thompson sowie der Retrospektive von Regisseurin Lucrecia Martel zeigt sich München derzeit fortschrittlich, was die Frauenquote angeht. Ich habe mir unter anderem zwei Beiträge von amerikanischen Filmemacherinnen angeschaut: Skate Kitchen bietet Kino an der Schnittstelle zwischen Dokumentation und Fiktion. Regisseurin Crystal Moselle begleitet eine junge Mädchengang auf dem Skateboard durch das vorbeirauschende New York. Im anschließenden Q&A erklärt sie wie die Mädchen (in dem Fall hervorragende Laiendarstellerinnen) nach jeder vergangenen Woche erzählten, was sie erlebt haben und wie viele der Anekdoten ihren Weg direkt ins Skript fanden. Skate Kitchen bietet Authentizität, Zeitgeist, ganz große POP-Momente, und ja, auch Instagram. Vor allem das kann befremdlich und oberflächlich wirken, doch Crystal Moselle schenkt ihren starken Protagonisten großartige Charaktermomente und viel Wahrhaftigkeit. Endgültig konnte mich die Filmemacherin mit dem Statement begeistern, der hervorragende, inszenatorisch analoge aber weitgehend unbekannte All These Sleepless Nights sei ihre Hauptinspiration gewesen.
Wirkt Skate Kitchen wie ein aktuelles optimistisches Pendant zum 90er Kulthit KIDS, so verschlägt es den Zuschauer im Sundance-Gewinner The Miseducation of Cameron Post von Desiree Akhavan endgültig thematisch in die 90er. Doch leider ist die moralisch wichtige Erzählung über ein christliches Umerziehungscamp, in dem homosexuelle Kinder geheilt werden sollen, noch kein Antik, sondern besitzt im heutigen Amerika noch immer große Relevanz. Es ist eine emphatische, intime Geschichte, die mit dem mittlerweile allzu typischen, tragikkomischen Sundance-Humor relativ überraschungsarm in einen subtilen Crowdpleaser verwandelt wird.
First Reformed ist das große qualitative Comeback von einem der Urväter des amerikanischen Independent Kinos Paul Schrader, der hier wie üblich auch das Drehbuch geschrieben hat. Behandelt wird die Verantwortung christlicher Glaubensträger in Anbetracht des Klimawandels, linkspolitischen Terrorismus und der Lobbyarbeit zwischen kirchlichen Institutionen und Wirtschaftsgiganten. Der Konflikt manifestiert sich im körperlichen und psychischen Zerfall von Pastor Ernst Toller, oscarwürdig gespielt von Ethan Hawke. Paul Schrader verzichtet zwar auf eine schrille, ultrabrutale Inszenierung wie zuletzt in Dog Eat Dog, doch wird dem Zuschauer in den Momenten moralischer Diskussion enorm viel abverlangt. Der Film wirkt in seiner fatalistischen Konsequenz apokalyptischer als jeder Endzeitfilm der letzten Jahre. Doch wir befinden uns im Hier und Jetzt in der amerikanischen Provinz. Ein harter und sehr guter Film, eine unglaubliche Regieleistung und dennoch ein Film, den man nur schwer mögen kann.

Regisseurin Crystal Moselle (links) beim Q&A zu Skate Kitchen. © Clemens Judersleben & Filmfest München

CINEMERIT-AWARD FÜR TERRY GILLIAM

Zeitliche Diskrepanzen ermöglichten es mir nicht, die CineMerit-Ehrung von Emma Thompson zu besuchen, doch war ich dankbar für einen weiteren Tag Urlaub um Regie-Visionär Terry Gilliam zu erleben. Das Filmfest München bietet mit Veranstaltungen wie FILMMAKERS LIVE eher Zuschauernähe zu den großen Stars als die Berlinale. Man kann es schon als einzigartig bezeichnen 40 Minuten den Anekdoten und dem ikonischen, schwarzen Humor von Terry Gilliam in kleinstem Ambiente zu lauschen. Selbst für die Preisverleihung war es kein Problem Tickets zu ergatten.
Egal ob als humanistischer Chronist der im Stich gelassenen, vom Schicksal deplazierten paranoiden Großstadtloners in König Der Fischer oder als moderner Twistkönig einer dystopischen Pandemie in Twelve Monkeys: Das Werk von Monty-Python-Mitbegründer Terry Gilliam liest sich einzigartig. Wie kein zweiter verbindet er den Wahnsinn der modernen Psyche, die gesellschaftliche Gleichschaltung, die Schrecken der psychischen Instabilität mit fantasievollen, grenzenlosen, einschüchternden und dennoch tröstenden Bilderwelten. Die Ehrung mit dem CineMerit-Award beim Filmfest München ist ein willkommener Anlass sich mit vergangenen Kunstwerken retrospektiv zu beschäftigen oder den 20-jährigen Schaffensweg zu The Man Who Killed Don Quixote nachzuvollziehen:
Noch zu Beginn des Online Ticket Verkaufes suchte man vergeblich Karten für Aufführungen von Gilliams jahrzehntelang ersehntem Werk. Grund dafür ist der bis jetzt nicht wirklich durchsichtige Rechtsstreit des Filmemachers mit den Produzenten. Nach der Premiere in Cannes stand plötzlich sowohl das Screening in München als auch eine weltweite Distribution unter keinem guten Stern. Doch Terry Gilliam war da, kündigte seinen Film sichtlich erleichtert und begeistert über das finale Ergebnis an und das Publikum schenkte dem charmanten Querkopf jede Menge Applaus. Der Film an sich ist das Unterhaltsamste, wenngleich bei weitem nicht das Beste, was ich dieses Jahr in München gesehen habe. Wie jeder von Gilliams Filmen, explodieren hier die kreativen Ideen in alle möglichen Richtungen. Es ist ein großes, selbstreferenzielles Meta-Abenteuer, mit deutlich weniger Schwermut inszeniert als die letzten seiner Werke, das in Ansätzen sogar wieder den politisch inkorrekten Humor Monty Pythons erkennen lässt. Sicherlich kein Meisterwerk, stellenweise wirr, aber als Zeugnis der unbändigen Fantasie und des unbedingten Schaffenswillens Terry Gilliams absolut sehenswert.

Terry Gilliam stellte The Man Who Killed Don Quixote in München persönlich vor. © Clemens Judersleben & Filmfest München

AUSSERHALB DES BLICKFELDES

Mit Zama und Petra habe ich mir noch zwei spanischsprachige Filme bei all der Programmfülle ausgewählt, die sich beide dadurch auszeichnen, was sie nicht zeigen. Egal ob die statische Kameraarbeit in Zama oder die Räume und Menschen umtastende Kamera in Petra: entscheidende Drehbuchentwicklungen spielen sich häufig im Off ab. Die Tonspur muss dem Zuschauer verraten, wovon er gerade nur halb Zeuge wird. Zama wirkt oft befremdlich mit seiner elliptischen Erzählweise, Petra verfolgt dagegen einen literarischen Ansatz, fordert den Zuschauer, präsentiert ihm aber gleichzeitig die emotionale Auflösung einer komplexen, an griechische Tragödien erinnernde Familiengeschichte sehr direkt. Getragen wird Petra von der wundervollen Schauspielerin Barbara Lennie und Zama vom überzeugend desillusionierten Daniel Gimenze Cacho. In München wird die Regisseurin von Zama, Lucia Martel, mit einer Retrospektive geehrt, das Arsenal Kino in Berlin tut es dem Filmfest gleich. Und für den Rest sind die geheimnisvollen, wunderschönen Bilder der südamerikanischen Kolonialgschichte Zama schon ab dem 12.07 offiziell in den deutschen Programmkinos zu sehen.

Spanischsprachiges Kino: Zama & Petra. © Filmfest München

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