"City of God" (FR/BR/US 2002) Kritik – Die ungeschönte Seite Brasiliens

„Die Sonne ist für alle da, der Strand nur für die, die es verdient haben.“

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Wenn wir Deutschen im lockeren Sprachgebrauch von dem berüchtigten „heißen Pflaster“ sprechen, dann ist jedem klar, was es mit diesem allseits bekannten Sprichwort auf sich hat. Simpel gesagt versteht man unter dem heißen Pflaster, einen bestimmten Fleck der Erde, an dem die dort herrschenden Sitten nicht gerade denen eines Wellnessurlaubes gleichen und man wäre als Außenstehender deutlich besser damit beraten, sich von diesen Orten fernzuhalten. Jedes Jahr gibt es immer wieder eine wirtschaftliche Darstellung in Listenform, in der die weltweit gefährlichsten Städte aufgelistet sind, reflektiert aus der Todesrate, Überfällen bzw. Verbrechen per se und dem blanken Terror. Darunter fallen immer wieder Metropolen wie Marseille, Mexico City, Mogadischu, Bangui, Abidjan und die unangefochtene Speerspitze: Bagdad. Aber auch ein ganz bestimmtes Land im Allgemeinen hat sich seinen festen Platz in der nicht sehr ehrenvollen Aufzählung gesichert: Brasilien. Wunderschöne Strände, türkisfarbenes Wasser, lächelnder Sonnenschein, jede Menge dominierende Kriminalität und soziale Missstände. Und wie es sein muss, in einem der extremsten Armenviertel Brasiliens aufzuwachsen, schildert uns Regisseur Fernando Meirelles („Der ewige Gärtner“) in seinem gefeierten „City of God“ aus dem Jahre 2002.

Wenn man in der sogenannten City of God, einem Armenviertel in Rio de Janeiro, aufwächst, dann hat man nicht gerade viel Zeit, seine Jugend unbesorgt und naiv auszuleben. Denn in der Cidade de Deus regiert die Gewalt und Verbrechen. Bandenkriege stehen hier an der Tagesordnung und wenn man nicht aufpasst, dann endet der Tag schnell mit einer Kugel im Kopf. In diesem Elend wachsen Dadinho und Buscapé auf. Während Buscapé davon träumt, irgendwann mal Fotograf zu werden uns aus den schrecklichen Umständen herauszuschaffen, beginnt Dadinho, anfangs noch Löckchen genannt, um dann zum gefürchteten Gangster Locke zu werden, eine astreine Verbrecherkarriere. Drogenhandel, Diebstähle und rohe Gewalt zeichnen Locke/Zé Pequeno aus. Die Jahre vergehen, die beiden jungen Männer kommen ihrem Ziel immer näher und laufen sich in ihrer mehr als unterschiedlichen Art inmitten unzähliger Probleme wieder über den Weg…

Fernando Meirelles war genau der richtige Mann, um Paulo Lins Romanvorlage „Stadt Gottes“ standesgemäß in eine abendfüllende Filmadaption zu verpacken. Woran sich das auszeichnet, lässt sich schnell beantworten: Meirelles ist ein ausgezeichneter Regisseur, der es nicht nur versteht, die richtige Atmosphäre einzufangen und „City of God“ so die nötige Authentizität zu verpassen, sondern auch in Sachen Schauspielerwahl scheint der Brasilianer vollkommen auf der Höhe zu sein. Meirelles setzt weitestgehend auf unbekannte Darsteller, sprich Laien, und kann dadurch aus den Vollen schöpfen. In der Hauptrolle sehen wir Alexandre Rodriques (in der deutschen Fassung übrigens von Xavier Naidoo gesprochen), der selber in der berüchtigten Cidade de Deus ausgewachsen ist. Wer könnte besser für diesen Charakter geeignet sein, als ein junger Mann, der die Umstände am eigenen Leibe erfahren hat? Niemand. Rodriques Darstellung ist dementsprechend Lichtjahre von der kontraproduktiven Unglaubwürdigkeit entfernt und weiß durch die Natürlichkeit und nuancierte Emotionalität durchgehend zu gefallen. Ebenso Leandro Firmino da Hora, der den aufsteigenden Gangster Locker verkörpert und mit seinem durchtriebenen Auftreten genau den richtigen Gegenpart zu Buscapé offenbart.

In den Wellblechdächern der rostroten Bruchbuden spiegelt sich der aufopferungsvolle Sonnenschein, für viele Menschen das letzte Gut, welches sie sich hier sorglos auf ihre von Armut geprägten Körper fallen lassen dürfen. Das Meer rauscht seine übliche Melodie, die Wellen peitschen an den Strand der getrübten Freiheit und in den Favelas ist mal wieder alles wie immer: Hier regiert die Gewalt und das Verbrechen. Zwischen aufgewirbeltem Staub und Sand verlieren Kinder ihre Unschuld, kommen in Berührung mit den ersten Waffen und finden Gefallen am bloßen Töten. In der verruchten City of God bestimmt all das, was ein Leben in Frieden und Normalität verhindert. Träume treffen auf die Perspektivlosigkeit und platzen im Bruchteil von Sekunden, Kinder werden zu Kriminellen, einfach weil sie keine andere Wahl hatten und in diese Lage hineingeboren wurden und sinken immer tiefer in den Sumpf der ausweglosen Brutalität. Aber es gibt hin und wieder auch Menschen, die sich nicht auf die schiefe Bahn ziehen lassen und auf ein Dasein in einer geordneten Umgebung hoffen. So zum Beispiel Buscapé. Er will seinen Unterhalt rechtmäßig als Fotograf verdienen, er will es aus dem Marginalviertel schaffen und die alltägliche Angst, das Blutvergießen und die Auseinandersetzungen hinter sich lassen. Ganz im Gegensatz zu Locke, der im zarten Kinderalter bereits in seinen ersten Blutrausch gefallen ist und anderen Menschen mit Freude eine Kugel in den Schädel jagt. Wenn es jemals einen Gott in der Cidade de Deus gegeben hat, dann hat er seine Sachen schon vor Ewigkeiten gepackt.

„City of God“ konzentriert sich auf diese beide Männer und ihr dreckiges Umfeld. Zwei Vollkommen unterschiedliche Charaktere, aber dennoch mit den gleichen Verhältnissen bestraft und wie das Schicksal es so will, begegnen sie sich auf ihrem steinigen Lebensweg immer wieder. Fernando Meirelles schafft es dabei, seine Gewaltdarstellungen nie in den Bereich der Überstilisierung ausarten zu lassen. Während sich der kindliche Teil des Viertels zu Anfang noch an den Schusskünsten der Jugendlichen ergötzt und alles mehr als cool findet, holt Meirelles den Zuschauer schnell auf den Boden der Tatsachen zurück, indem er ihn mit dem nötigen Realismus konfrontiert und seinen dokumentarischen Stil samt Handkamera nicht zum bloßen Selbstzweck verkommen lässt, sondern auch Profit daraus schlagen kann. „City of God“ zieht uns in eine Welt, in dem Leben und Tod Hand in Hand durch die hoffnungslosen Straßen streifen. Es könnte jeden erwischen. Immer. Und wenn ein gefürchteter Bandenboss das Zeitliche segnet, dann wird es nicht lange dauern, bis er einen noch schrecklicheren Nachfolger gefunden hat. Der ewige Kreislauf. Die kriminelle Gefühllosigkeit ist in ihrer lebendigen Dynamik immer spürbar und vertreten, aber Meirelles zeichnet auch ein unheimlich menschliches Bild dieser Lage. Neben Machtbesessenheit, Not und Desillusion gibt es die unstillbaren Sehnsüchte nach Nähe, Zuneigung, Verständnis, Spaß und nach Liebe, auch wenn der gewisse Grat an Emotionalität zuweilen gerne etwas weiter ausgereizt hätte werden können.

Fazit: „City of God“ ist ein authentisches, spannendes und intensives Porträt einer der schlimmsten Favelas Brasiliens. Durch Meirelles realistische Inszenierung bekommen wir den ungeschönten Eindruck in eine Welt voller Gewalt, platzender Träume und blanker Perspektivlosigkeit. Die Laiendarsteller wissen ihre Charaktere stark auszufüllen und der dokumentarische Stil macht sich im Laufe der Geschichte immer deutlicher bezahlt. „City of God“ ist ehrliches, ungeschliffenes und wirklich grandioses Genre-Kino.