"Cleanskin" (GB 2012) Kritik – Sean Bean zwischen Zweifel und Gnadenlosigkeit

„We have no time for emotions now.“

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Seitdem sich Liam Neeson als Bryan Mills im französischen Selbstjustizreißer „96 Hours“ durch Paris prügelte, keinen Stein auf dem anderen gelassen hatte und für seine Tochter sicher auch durch die Hölle gegangen wäre, nur um seine Familie wieder zu komplettieren und dem Teufel die Hörner mal so richtig zu stutzen, gibt es alljährlich unzählige Nachkömmlinge, die sich nun in der Pflicht fühlen, auch richtig handfeste und politisch fragwürdige Action aufzuweisen. Ob es „Harry Brown“, „Safe“, oder „Stolen“ ist. Männer haben die Nase voll von den gesellschaftlichen Missständen, von gewaltbereiten Teenagern bis durchtriebene Menschenhändler, und nehmen das Gesetz selber in die Hand, um wirklich etwas zu bewirken. Regisseur Hadi Hajaig ging mit seinem Thriller „Cleanskin“ aus dem Jahre 2012 einen ähnlichen Weg, vor allem wenn man seinen Hauptakteur betrachtet, ließ die Geschichte um diesen Mann jedoch mit dem brisanten Thema des Terrorismus umkreisen und das schlussendliche Ergebnis kann sich auch durchaus sehen lassen.

Ash ist ein muslimischer Brite und gehört einer extremen Terrororganisation in London an, die einige schwere Anschläge in der Millionenstadt plant, die das Leben von unzähligen Unschuldigen beenden werden. Der erfahrene aber ebenso desillusionierte Regierungsagent Ewan bekommt den Auftrag, Ash zu stoppen, doch Ash ist ein Cleanskin und das bedeutet, er ist ein völlig unbekanntes Gesicht im Terrorbereich und hat sich in der Vergangenheit nie auffällig gemacht. Ewan bekommt von seiner direkten Vorgesetzten Charlotte McQueen einen Freifahrtschein und darf die Methoden anwenden, die er will, auch wenn die Brutalität dabei keine Grenzen kennt. Die Suche nach dem unbekannten Attentäter erweist allerdings als schweres Unterfangen und die Zeit tickt ganz klar gegen Ewan, der sich immer mehr dazu gezwungen sieht, seine Methoden zu verschärfen.

Das London, in welches uns „Cleanskin“ zieht, ist durchgezogen von Kälte und grauer Trostlosigkeit. Hier gibt es keine Wärme und einladende Farbtöne sind verlorenes Gedankengut. Kameramann Ian Howes versteht es, seine Aufnahmen in einen eisigen Schleier zu packen, die die hoffnungslose Atmosphäre genau auf den Zuschauer überträgt und so auch die Situationen wie Charaktere in der pessimistischen Gefühlslosigkeit wiederspiegelt. Einen großen Teil zu diesem wirklich dichten und realistischen Feeling bringt auch Simon Lambros starker Score bei, der die Szenen mit antreibenden wie zurückhaltender Musik begleitet und sich zu keiner Zeit in belanglosem Getöse verläuft, sondern seinen Score den Szenen und Momenten fein anpasst.

Mit Sean Bean als Ewan haben wir unseren neuen Liam Neeson, wobei Bean keine stumpfe Karikatur des „96 Hours“-Kämpfers ist, sondern ein eigenständiger und interessanter Charakter. Bean versteht es, obwohl er zu nicht im Ansatz eine Sympathiefigur ist, seine ambivalente Figur, gefangen zwischen Zorn und Desillusion, gekonnt und charismatisch darzustellen, auch wenn man sich wirklich etwas mehr Einsatzzeit von Bean gewünscht hat, denn sein Schauspiel ist mal wieder ein wahres Highlight. Der unbekannte Gegenspieler Ash wird von Abhin Galeya dargestellt, der zwar nicht die standhafte Ausstrahlung von Bean besitzt, aber auch eine überzeugende Performance abliefert und seinen Schläfer als rekrutierten Menschen darstellt, aber nie als herzloses Monster. Die weiteren Rollen sind mit Charlotte Rampling als Charlotte, Tom Burke als Mark, Tuppence Middleton als Kate und Peter Poycarpu als Nabil ebenfalls passend besetzt.

Vorteilhaft an Hajaigs Inszenierung ist das Beleuchten von beiden Seiten des Terrorismus. Wir blicken in das Leben von Ash, der sich selbst finden muss und in einer Glaubenskrise von einem Fanatiker rekrutiert wird, um als Cleanskin seinen Sprengstoff zu positionieren. Auf der anderen Seite steht Agent Ewan, der für seinen Job alles tun würde, aber auch schon längst Opfer von ihm ist und seine Zweifel nicht mehr verbergen kann, genau wie sich das eingefallene Äußere in seinen tiefen Gesichtszügen immer deutlicher abzeichnet. Freude und Geborgenheit ist bei beiden Männern nur noch ein Bestandteil der Vergangenheit und das es in „Cleanskin“ keine Gewinner oder Verlierer geben wird, ist nach kurzer Laufzeit schon abzusehen. Die Vorgehensweisen von Täter und Jäger unterscheiden sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr und die Identifikationsmöglichkeit wird vollends aus dem Weg geschoben. Regisseur Hadi Hajaig inszeniert einen düsteren, kompromisslosen und auch realistischen Thriller, in dem es keine schönen Kampfchoreografien gibt, sondern dreckige und intensive Schlägereien und Schusswechsel. Wenn hier jemand die Fäuste einsetzt, dann brechen Knochen und wenn Kugeln fliegen, dann bohren die sich durch die Körper und das Blut bedeckt nicht nur einmal die Zimmerwände.

Das Problem von „Cleanskin“ ist, so ansprechend die doppelte Erzählweise auch sein mag, sie ist auch immer wieder zu ausufernd und bewegt sich zuweilen nicht von der Stelle, gerade wenn es um Ash geht, was dazu führt, dass der andere Charakter immer wieder etwas zu kurz kommt und Hajaig sich an nebensächlichen Dingen festhält, die die Geschichte nicht antreiben, sondern vielmehr Sehnsucht nach dem harten Gegenspieler Ewan machen. Nichtsdestotrotz ist „Cleanskin“ ein durchaus spannender und solider Thriller, der die Motivation und Manipulation beider Seiten offenbart, politisch alles andere als korrekt ist die schwierige Frage in den Raum wirft, auf welche Weise man den Terror stoppen sollte.

Fazit: „Cleanskin“ ist reinrassiges und dreckiges Thriller-Kino, wie es aus den 70er Jahren stammen könnte. Protagonisten und Antagonisten unterscheiden sich nicht, die Vorgehensweise ist auf beiden Seiten politisch vollkommen inkorrekt und die Methoden und Handlungen werden immer wieder infrage gestellt. Die Schauspieler, vor allem Sean Bean, zeigen gute Leistungen, die Atmosphäre ist dreckig und kalt, der Score fein eingesetzt und die Kämpfe sind kompromisslos dargestellt. „Cleanskin“ hat jedoch auch seine Schwächen und gerade die unübersehbaren Längen machen dem Film doch zu schaffen. Gut ist „Cleanskin“ zwar auf jeden Fall und wer ihn sich ansieht, wird es nicht bereuen, doch das volle Potenzial wurde nicht ausgeschöpft.

Bewertung: 6/10 Sternen