"Cobra Verde" (D 1987) Kritik – Das Ende des Wahnsinns

„Dies hier gibt es nicht umsonst. Meine Damen und Herren, wenn Sie mir etwas Geld geben wollen, erzähle ich die Ballade von Francisco Manoel, dem Banditen Cobra Verde, dem Ärmsten der Armen, dem Herrn über die Sklaven, der es zum Vizekönig brachte. Er war der Einsamste von allen.“

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Nun hieß es für mich Abschied nehmen. Abschied von der Zusammenarbeit zweier Menschen die mich tief beeindrucken und faszinieren. Abschied von einer Zusammenarbeit, die 1971 ihren Start mit ‚Aguirre, der Zorn Gottes‘ erlebte und 1987 mit ‚Cobra Verde‘ ihr Ende fand. Abschied von der Zusammenarbeit von Werner Herzog und Klaus Kinski. Heute widme ich mich dann natürlich, wie könnte es auch anders sein, ihrem erwähnten letzten gemeinsamen Film: ‚Cobra Verde‘. Doch die großen Zeiten der Gemeinsamkeit ist vorbei und ‚Cobra Verde‘ ist leider ihr mit Abstand schlechtester Film.

„Wieso? In dem Land aus dem ich komme war ich selbst eine Schlange, mir nach, Angriff!“

Wie in jedem Herzog/Kinski-Film, kleine Ausnahme an dieser Stelle ist wohl ‚Woyzeck‘, setzt Herzog auf eine imposante Bildersprache. Und ebenfalls wie von ihm gewohnt ist ‚Cobra Verde‘ optisch ein wahrer Leckerbissen. Gedreht wurde der Film in Brasilien, Ghana und Kolumbien und hält wunderschöne Strände und garstige Wüsten eindrucksvoll fest, bietet aber nicht die vollkommene Kraft eines ‚Aguirre‘ oder gar ‚Fitzcarraldo‘. Auch der Soundtrack von Popol Vuh, der in den sonstigen Filmen immer ein klares Highlight war und die Filme berauschend und hypnotisch untermalte, muss klare Abstriche machen. Afrikanischen Klängen angepasst verliert der Score immer mehr an Fahrt und geht irgendwann in der Flut der Bilder völlig zugrunde und richtet sich selbst.

Klaus Kinski ist ein grandioser Schauspieler, ohne Frage. In den anderen vier Herzog-Filmen hat er das mehr als nur unter Beweis gestellt und diese Filme meisterhaft auf seinen Schulter durchs Ziel und weit darüber hinaus getragen. Mit nuancierten, facettenreichen Schauspiel begeisterte er immer wieder, dosiert zwischen purem Wahnsinn und stillem Einklang. In ‚Cobra Verde‘ ist davon nicht mehr die Rede. Kinskis Auftreten ist und bleibt natürlich eindrucksvoll, seine Ausstrahlung ist nach wie vor unbezahlbar, doch das feine Schauspiel ging verloren. Die große Schauspielkunst ist abhandengekommen und endet nur noch in wütenden Schreianfällen und Ausrastern. Auch in den ruhigen Szenen ist Kinski nicht anwesend, irgendwie immer mit den Gedanken woanders und umorientiert, bis auf eine Szene. Es ist die Schlussszene in der ich Kinski doch nochmal so erleben durfte wie ich ihn immer vergöttert habe, doch dazu später mehr. Als schlechte Leistung kann man Kinskis Darstellung nicht bezeichnet, nein, aber im Gegensatz zu seinen anderen fantastischen Auftritten ist es ein mehr als deutlicher Sturz in den schwachen Bereich.

Die Dreharbeiten mit Klaus Kinski waren für Werner Herzog immer nervenzerrend und kraftraubend. So wie auch die ganzen Drehstrapazen an sich. Das viele Reisen, die unglaubliche Last die alle auf sich nahmen, der ständige Kampf gegen die Natur und die Unglücke die das Team immer wieder ausbremsten. Dieses Mal sollten Unglücke und Natur kein Problem darstellen, doch Kinski war schlimmer denn je. Kaum zu fassen ließ er seine Tobsuchtsanfälle jeden Tag aufs Neue raus. Dementsprechend war die Stimmung am Set. Die Statisten hatten zu große Angst vor Kinski um ihn noch in die Augen zu schauen, Herzog hatte jegliche Lust am Film verloren und war völlig genervt von Kinski. Und Kinski? Kinski selbst wollte von Herzog nichts mehr wissen und war mit seinen Gedanken bei seinem ganz eigenen Film. Die Stimmung war am Ende, der Tiefpunkt war erreicht und das spürt man dem Film deutlich an. Nicht umsonst würde Herzog diesen Film zu gern streichen und nicht von ungefähr distanziert er sich immer wieder von ‚Cobra Verde‘. Doch er gehört zu ihm und wird für Ewig ein Teil von ihm sein.

Herzog inszeniert mit ‚Cobra Verde‘ einen Film über einen abtrünnigen. Ein Mann, wieder eine Naturgewalt. Unaufhaltsames Temperament, von niemand zu stoppen. Ein Mann, der alles an sich reißt und wenn es ein Land auf einem fremden Kontinent ist. Ein Mann, der seine Grenzen nicht kennt und sie trotzdem überschreitet. Ein einsamer Mann der sich zum Kämpfen berufen fühlt und gegen jeden Gegner in die Schlacht ziehen würde. Ein Mann, der drei große Fehler begeht und auf einem unbekannten Kontinent sein blutiges Ende finden soll. Doch alles kommt anders wie gedacht. Auch einem neuen interessanten Blick auf das Thema der Sklaverei widmet sich Herzog und eröffnet eine andere Sichtweise: Schwarze Herrscher/Könige verkaufen ihre eigenen schwarzen Sklave an weiße. Herzog setzt auf Realismus, zeigt uns Bräuche und Sitten der afrikanischen Stämme die auf uns wohl immer sehr fremd wirken, ist dabei aber völlig politisch inkorrekt. Viel mehr möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht auf den Themenbereich des Films eingehen, denn es würde im Wesentlichen nicht mehr wirklich weiter führen.

Interessant klingt das ja alles schon, aber woran liegt es denn nun, dass ‚Cobra Verde‘ deutlich vom Standard der anderen Filme abfällt? Das liegt zuerst natürlich an Kinski, dem leider das Besondere fehlt, was ihn sonst so ausgezeichnet und begnadet gemacht hat. Das richtige in Szene setzen von Kinski fehlt und er wirkt nicht nur einmal völlig deplatziert und verschossen. Auch die Kreativität und der Einfallsreichtum fehlen und ein zertrümmertes Ganzes zerbricht endgültig in zwei Teile. Der Film wirkt viel zu überladen, überschlägt sich nicht nur einmal und ist deutlich zu rasend. Die stillen Momente, die mich in ‚Aguirre‘, ‚Fitzcarraldo‘ und ‚Nosferatu‘ so überwältigten, sind hier einfach viel zu künstlich, gewollt und ganz ehrlich gesagt auch langweilig. Schade…

Das Highlight des Films offenbart sich jedoch nochmal in der letzten Szene, in der Kinski versucht mit einem Boot vom schwarzen Kontinent zu fliehen und im Hintergrund langsam ein behinderter Eingeborener ins Bild kommt. Selten war ein Moment symbolischer und nie verfügte ‚Cobra Verde‘ auch nur Ansatzweise über eine Szene die es mit der unglaublichen Kraft und Tragik dieser Szene aufnehmen könnte.

Fazit: Mit ‚Cobra Verde‘ findet die Zusammenarbeit von Kinski und Herzog keinen würdigen Abschied. Lediglich der Film bekommt ein grandioses Ende gutgeschrieben, das Kinski dann doch noch mit einer fantastischen Szene verabschiedet. Lange hab ich ‚Cobra Verde‘ vor mir hergeschoben, aus Angst vor der Enttäuschung, Angst der Wahrheit ins Auge blicken zu müssen, doch der Moment musste kommen. ‚Cobra Verde‘ ist etwas Besonderes, natürlich, wenn Kinski und Herzog zusammentreffen ist das immer etwas Besonderes, aber diesmal ist es nicht besonders gut. Etwas völlig anderes ist es ebenfalls. Aber ein Meisterwerk oder gar ein guter Film? So schwer es mir auch fällt: Nein, das ist ‚Cobra Verde‘ lange nicht und das macht mich einfach nur traurig. Optisch ist ‚Cobra Verde‘ natürlich klar über dem Durchschnitt, auch die Inszenierung ist durchaus gelungen, doch viel zu zäh und abwesend wirken Hauptdarsteller und der Film selbst. Die Liebe fehlt einfach. Und nun? Nun hat der Wahnsinn sein unwürdiges Ende gefunden, leider…

„Francisco Manoels Mutter sagt
Francisco mir tut alles weh.
Francisco Manoels Mutter klagt
Francisco, das Leben verlässt mich, geh!“

Bewertung: 5/10 Sternen