Kritik: Cosmopolis (CA/FR 2012)

„Was bedeutet es dir Geld auszugeben?“

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Eric Packer (Robert Pattinson) ist achtundzwanzig und Milliardär. Heute will er zum Frisör, doch der Präsident ist in der Stadt und die Fahrt mit seiner Stretchlimo verläuft schleppend. Während seines Trips durch New York verspekuliert er Unsummen an Geld und seine ganze Existenz gerät gehörig ins Wanken.

Um Cronenbergs Bezug zur Literatur zu verstehen, muss man schon sehr weit zurück gehen. Bereits sein Vater war Schriftsteller und Verleger und auch Cronenberg wollte schreiben. Während seines Studiums schrieb er zahlreiche Sci-Fi-Geschichten, die aber schwerlich einen Verleger fanden, dann packte ihn das Kino. Dennoch verfolgen uns seine literarischen Vorbilder bis hierher. So wagte es Cronenberg William S. Burroughs Kultbuch „Naked Lunch“ für die Leinwand zu adaptieren, wobei er auf eine genaue Umsetzung verzichtete und einen Burroughs-Mix mit einem Schuss Making-Of ablieferte. Später folgte das Meisterwerk „Crash“ nach einem Sci-Fi-Roman von James G. Ballard. Cronenberg versetzte die Geschichte in die zeitlose Gegenwart und beraubte sie jeglicher Wertung.

Nun, nach zahlreichen Produktionen, für die der Filmemacher nicht das Drehbuch selbst schrieb, kommt nun mit „Cosmopolis“ ein waschechter Cronenberg-Film zurück auf die Leinwand. Auf den ersten Blick scheint es so, doch „Cosmopolis“ ist auch ein DeLillo-Film. Cronenberg adaptierte den Roman in sechs Tagen und übernahm praktisch alle Dialoge des Buchs. Das erste mal also ragt seine Neigung zur Literatur mitten ins Kino hinein, denn jedes gesprochene Wort im Film klingt wie ein geschriebenes Wort. Waren „Crash“ und „Naked Lunch“ noch äußerst freie Verfilmungen, so ist „Cosmopolis“ mit seiner Vorlage fest verwachsen. Die wenigen Änderungen, die Cronenberg vornahm, sind dafür umso stärker spürbar. Manche Begegnungen, die bei DeLillo außerhalb der Limousine spielen, verlegte Cronenberg ins Auto, was die Isolation Packers noch verstärkt. Während die angeblich schalldichte Limo im Roman trotzdem Straßenlärm durchsickern lässt, hört es sich innerhalb Cronenbergs Gefährt wie in einem Tonstudio an, absolute Stille.

All diese Änderungen zielen auf die Verengung und Abkapselung des Raums. In Cannes wurde „Cosmopolis“ oftmals mit dem Theater verglichen. Was beide verbindet, ist ihr Mut zur Abstraktion. Im Theaterraum, der an sich schon seine Künstlichkeit nicht verstecken kann, herrschen andere Regeln, ich nenne es Vorurteile, als im Kino. Das Publikum im Theater hat kein Interesse daran, die Wirklichkeit auf der Bühne zu sehen, deshalb kann Hamlet auch zeitgenössisch sein und die Schauspieler dürfen wundervoll geschriebene Zeilen sprechen, die im Alltag niemanden über die Lippen gingen. Dennoch funktionieren Theaterstücke und trotzdem können Geschichten erzählt werden. Die viel gelobte Einheit von Raum und Zeit hat damit auch nichts zu tun. Räume im Theater sind so wandelbar und entstehen sowieso erst in der Vorstellung. Zeitreisen sind auch kein Problem. Im Vergleich zum Mainstreamkino herrscht im Theater eine andere Freiheit. Cronenbergs experimenteller Ansatz DeLillos Dialoge von Schauspielern sprechen zu lassen und diese mit einer Kamera zu filmen ist daher näher am Theater, weil es sich von den „Regeln“ des gewöhnlichen Kinos emanzipiert.

Ohnehin wirkt „Cosmopolis“ im Vergleich zu Cronenbergs letzten Altherrenarbeiten, „Eastern Promises“ und „A Dangerous Method“ ungemein erfrischend und progressiv. In vielerlei Hinsicht ähnelt der Film dem Sci-Fi-Thriller „eXistenZ“. Auch der war eine kontroverse Überraschung, die man Cronenberg seit „Dead Ringers“ nicht mehr zugetraut hatte. Der leichte Hang zur Exploitation, der alle seine frühen Filme so unvergleichlich machte, war bei „eXistenZ“ wieder da und ist nun mit „Cosmopolis“ zurückgekehrt. Cronenbergs Kino lässt sich nicht auf bloße Genres und Stimmungen reduzieren. Irgendwie weiß man es einfach, wenn man sich einen seiner Filme ansieht, was auch vor allem daran liegt, dass er schon seit Jahrzehnten mit der gleichen Crew arbeitet.

Sein Hauskomponist Howard Shore versteckt sich recht gut in „Cosmopolis“. Nur in wenigen Momenten tritt der Score in den Vordergrund. Meistens ist es ein Brodeln, dass die Tonspur dominiert. Unterstützung holte sich Shore bei der kanadischen Synthie-Band Metric, die seine Kompositionen in fantastische Klangteppiche verwandelten, die dem futuristisch anmutenden Film gut zu Gesicht stehen.

Die Ironie ist kaum zu übersehen. 2003 veröffentlichte DeLillo den Roman, der sich damals wahrscheinlich noch wie Science-Fiction las, da die Finanzkrise noch in weiter Ferne schien, von der Occupy-Bewegung ganz zu schweigen. Dennoch stand das alles schon im Buch. Heute, mit Cronenbergs Verfilmung, ist das alles gar nicht mehr so prophetisch, eher schon länger aktuell, doch dagegen wehrt sich der Film vehement, alles in ihm. Beginnend bei Shores Zukunftsmusik bis hin zu Carol Spiers Production Design mit seinen Hightech-Waffen und Hightech-Limosinen. Eric Packers Straßenkreuzer ist ein Raumschiff, ein blauglühender Uterus, der Pattinsons Figur von der Außenwelt beschützt. Er braucht sein Gefährt nicht zu verlassen, weder um auf Toilette zu gehen, noch um seine Geschäfte zu führen. Sogar der Arzt kommt täglich zu ihm ins Auto und untersucht ihn gründlich. Sie alle steigen ein, führen ihre Gespräche und verschwinden wieder. Es ist eine Bühne.

Cronenberg hält an der Künstlichkeit dieser Bühne fest und setzt sogar bewusst sichtbar Blue-Screens ein, was schon an Hitchcocks Vorliebe für Rückprojektionen erinnert. Ähnlich wie bei „Dead Ringers“ oder „M. Butterfly“ nutzt er die literarische Vorlage um die Realität zu überlisten, um nicht genötigt zu sein, bloß nachzustellen, was wirklich passiert ist. Deshalb hielt er sich auch so streng an DeLillos Buch und verfilmte es wie einen Science-Fiction. Cronenberg will keine Antworten zur Krise liefern, genauso wenig will er einfach den Kapitalismus rügen. In „Cosmopolis“ geht es um eine grundsätzliche Veränderung aller Gesellschaften, verursacht durch die Globalisierung, die Medien und eben auch den Kapitalismus, dessen Gesicht aber verschleiert bleibt. Selbst Eric Packer hat nicht das Zeug zum bösen Buben. Auch er ist ein Opfer des Geldes. Überhaupt fragt man sich während des Films ständig, ob da eigentlich irgendwer glücklich ist. So neigt der Film auch dazu keiner Figur wirklich nahe zu kommen oder ein Urteil über sie zu fällen, was ja ausdrücklich ein Vorteil sein kann. Dennoch leidet Eric Packers Abstieg darunter, der einfach nur passiert, aber nie wirklich greifbar wird.

Erst in den letzten zwanzig Minuten verdichtet sich „Cosmopolis“ nochmal und lässt den Jungmilliardär auf seine Nemesis Benno treffen, der von Paul Giamatti grandios verkörpert wird. In einem alten Industriehaus, in einem Raum voller Gegenstände, Requisiten aus allen Epochen des zwanzigsten Jahrhunderts, so scheint es, inszeniert Cronenberg ein brillantes Rededuell. Für kurze Zeit steht alles still: Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. In diesem Gespräch geht es um alles und nichts und Ronald Sanders Montage variiert gekonnt das Tempo. Manchmal fällt auf jedes Wort ein Schnitt, manchmal kommt er komplett zum Erliegen, dann verharrt Peter Suschitzkys Kamera und beobachtet die Figuren bis zum fulminanten Schluss. Die beiden größten Kräfte im Kino, Inszenierung und Montage, scheinen hier wirklich in den Händen eines Meisters zu liegen, der demonstriert, dass er nicht nur Schauspieler an ihre Grenzen treibt, sondern auch seine eigene Filmsprache beherrscht und mit ihr wundervoll dichten kann, ganz egal, welche Vorlage zugrunde liegt.

Bewertung: 8/10 Sternen