Kritik: Crash (CA/FR/GB 1996)

„Beschreibe es mir!“

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James Ballard ist Filmproduzent und treibt es mit einer Kameraassistentin. Seine Frau macht es mit ihrem Fluglehrer. Das Sexualleben der beiden ist am Nullpunkt angekommen. Monotonie und Kälte haben sich in die Beziehung eingeschlichen. Erst als James einen Autounfall hat, kommen neue Gefühle in ihm auf. Die Überlebende des anderen Autos Dr. Remington spürt dasselbe. Beide kommen in die Kreise von Vaughan, einem Besessenen, der den Crash als neue Form der Sexualität proklamiert.

Als Cronenbergs Film 1996 in Cannes uraufgeführt wurde, verließen Scharen von Leuten den Kinosaal und beschimpften den Film als langweilige Pornografie. Viele andere dagegen sahen in dem Film ein Meisterwerk. Die Jury bezog zu dieser Kontroverse Stellung, indem sie an den Regisseur einen Spezialpreis für Mut und Originalität verlieh.

David Cronenberg begann seine Karriere mit Horrorfilmen, meistens Genrehybriden zwischen Horror, Sci-Fi und Thriller, darunter auch Kritikererfolge wie „Videodrome“. Mit dem Remake „Die Fliege“ drehte er seinen erfolgreichsten Film. Zuletzt drehte er die Crime-Ballade „Tödliche Versprechen“.

Obwohl es sich um die Verfilmung eines Sci-Fi-Romans handelt, weicht Cronenberg bewusst Konventionen des Genres aus. „Crash“ spielt im hier und jetzt, im Jahre 1996.

Der Film verfolgt eine Gruppe von Menschen mit einer Obsession. Cronenberg geht es nur um diese Gruppe. Der Rest wird ausgegrenzt, in Autos gesperrt, die anonym den Highway entlang fahren, immer der Spur entlang, ohne auszubrechen. Ähnlich wie in den Filmen David Finchers, setzt Cronenberg auf einen hermetisch abgeriegelten Kosmos. Der Film spielt überwiegend in engen Autos, auf leeren Parkplätzen und Autofriedhöfen. Selbst das Krankenhaus in dem James am Anfang liegt ist vollkommen leer. „Diese Station ist für die Opfer von Flugzeugabstürzen reserviert“ sagt James an dieser Stelle.

Der Film will uns keinen ausführlichen Blick auf eine Utopie gewähren. Es scheint eher so, als hätte sich ein Teil dieser Utopie wie ein Splitter in der Gegenwart eingenistet, in Form dieser Gruppe von „Crashophilen“. Vaughan sagt zu James an einer Stelle des Films: „Das ist die Zukunft und sie sind bereits ein Teil davon“

Während Ballard noch in seinem Roman kritisch die Möglichkeit einer solchen Zukunft beäugt, ist sie bei Cronenberg schon längst vorhanden. Es lohnt sich überhaupt nicht sich kritisch mit ihr auseinander zusetzen, wenn die Zukunft schon längst zur Gegenwart geworden ist.

Deshalb setzt er in seinem Film auf das bloße Zeigen, anstatt auf eine distanzierte Betrachtung. Cronenberg versucht die Erlebnisse der Gruppe erfahrbar zu machen. „Crash“ ist Erfahrungskino. Die Kamera bleibt dicht bei den Figuren. Viele Nahaufnahmen und Inserts visualisieren das verbogene Metall, das zersplitternde Glas und die bluttriefenden Autositze. Bei den Fahrszenen nimmt die Kamera nie die Perspektive des Passanten ein, an dem die Autos vorbei fahren, sondern sie bleibt an den Autos dran, macht den Zuschauer zu einem Teil des Fahrerlebnis. Nachdem James Mitglied von Vaughans Gruppe wird, unterwirft sich auch die Handlung vollkommen dem Erfahrungskino. Ab hier wird der Film zu einer Aneinanderreihung verschiedenster Crash- und Sexszenen. Ab hier setzt Cronenberg komplett auf den Rhythmus, der vom Schnitt, der Geschwindigkeit der Autos und den kopulierenden Bewegungen der Figuren beeinflusst wird. Jede Szene erfährt eine Steigerung zur vorher gegangenen.

„Crash“ ist auch ein exzellentes Beispiel dafür wie der auteur Cronenberg sein frühes Werk reflektiert. Der Film setzt sich ironisch mit der Transformation und Deformation des Körpers auseinander. Als James Vaughan nach seinem „Projekt“ fragt, antwortet Vaughan, dass es ihm um „die Umformung des menschlichen Körpers durch die moderne Technologie“ geht. Also das gleiche Thema wie in „Videodrome“ oder „Die Fliege“, wo die Hauptfigur am Ende sogar mit der Technologie verschmilzt. Doch ist „Crash“ nicht als ernsthafte Variation dieses Themas angelegt. Der Film bricht die Deformationsidee nach einiger Zeit, als Vaughan sein wahres Projekt erklärt. James fragt ihn dann was aus dem Deformationsgedanken geworden ist. Darauf antwortet Vaughan, beinah beleidigend für viele frühe Cronenbergfilme: „Das ist nur ein primitives Science-Fiction-Konzept.“

Was Vaughan wirklich prophezeit ist eine neue Form von Sexualität, die er Psychopathologie nennt. Es geht nicht mehr um Sex zwischen zwei Menschen, sondern um Sex zwischen Mensch und Maschine, in diesem Fall, dem Automobil. Der Koitus ist der Crash. Die sexuelle Energie der Verstorbenen wird dabei auf die Überlebenden übertragen und das schneidende Metall der Karosserie schlitzt neue Körperöffnungen in die Unfallopfer. Eine Szene im Film zeigt den Sex zwischen James und Vaughans Geliebter Gabrielle, die nur noch durch ein Gerüst aus Kunststoff und Metall zusammen gehalten wird. James entdeckt dabei Gabrielles riesige Narbe an ihrem Bein als neue Vagina. Auch die Trennung von Geschlechtern verschwimmt letztendlich. James hat später Sex mit Vaughan und Gabrielle und Dr. Remington haben am Ende Sex in Vaughans Unfallwagen.

Abschließend muss gesagt werden, dass, obwohl „Crash“ eine bizarre Obsession behandelt und diese sogar versucht erfahrbar zu machen, der Film nicht zu Todesgeilheit anregen will. Die Figuren wehren sich dagegen, dass man sich mit ihnen identifiziert und die fluorzierenden Bilder, die ständig vom Schatten des Todes bedeckt sind, verstören den Zuschauer zunehmend. Man will diese Zukunft nicht von der Vaughan spricht. Cronenberg lässt sie uns erfahren um uns vor ihr zu warnen.

Bewertung: 10/10 Sternen