"Cruising" (USA 1980) Kritik – Tolle Atmosphäre, lahme Story

„Es steckt eine Menge in mir, was du nicht weißt…“

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William Friedkin und Al Pacino machen zusammen einen Film. Das konnte ja eigentlich nur gut werden, so dachte man sich wegen der großen Namen 1980 jedenfalls, als sich der gemeinsame Thriller ‚Cruising‘ ankündigte. Friedkin war längst ein namhafter Könner der Branche und hatte vorher mit ‚Der Exorzist‘ und ‚French Connection‘ zwei Meilensteine inszeniert. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen an seinen neuen Film. Dazu noch der grandiose Charakterdarsteller Al Pacino, der sich mit ‚Der Pate I‘ & ‚Der Pate II‘, ‚Serpico‘ oder ‚Hundstage‘ in die Ewigkeit spielte. Schiefgehen konnte doch eigentlich nichts. Oh doch, und zwar so einiges. ‚Cruising‘ ist mit Sicherheit kein schlechter Film, doch für die Verhältnisse eines William Friedkin wirklich eine herbe Enttäuschung.

Ein sadistischer Mörder treibt sein Unwesen in der Schwulenszene von New York. Nun liegt es an Steve Burns, der undercover in diese Szene eintauchen muss um den Mörder ausfindig zu machen und zu packen. Natürlich ist das nicht so leicht und nachdem Burns einen unschuldigen schnappte, muss er sich von neuem auf die Suche machen. Bei seiner Suche erwachen Dinge in dem heterosexuellen Mann, mit denen er vorher nicht gerechnet hat und diese neue männliche Welt zieht ihn langsam in ihren Bann…

Al Pacino spielte wieder den verdeckten Ermittler, der in eine ganz eigene Welt untertauchen muss. Zu dieser Zeit war auf Pacino als Schauspieler immer Verlass und er verkörpert die Rolle des Steve Burns gewohnt gut, auch wenn er hier nicht aufspielen kann wie zu seinen besten Zeiten. Pacino ist dennoch eine der klaren Stärken von Cruising und wird zum Dreh und Angelpunkt der Geschichte. Wenn ein Regisseur sich auf den Charakter von Pacino konzentriert, bleibt nicht viel Platz für weitere Darsteller und deren gekonnte Entfaltungen. Paul Sorvino, Karen Allen, Richard Cox und Don Don Scardino tuen in ihren Szenen sicher ihr Nötigstes, besonders auffallen tut jedoch keiner von ihnen.

Nachdem Pacino in ‚Serpico‘ als ehrenvoller und aufrechter Cop geglänzt hat und eine starke Persönlichkeit verkörperte, die ihren Weg ging, ohne sich durch verschiedenste Rückschlage abschrecken zu lassen, war in der Filmwelt natürlich angekommen, dass Pacino beide Seiten des Gesetzes beherrscht und sich nicht auf einen Rollentypus festgefahren hatte. Sein Charakter drohte an der schier endlosen Ungerechtigkeit und den verachtenden äußeren Einflüssen langsam zu verbrechen. In ‚Cruising‘ ist das genau umgekehrt. Seine Figur Steve Burns muss in der SM & Lederszene der New Yorker Schwulenclubs untertauchen und sich ihr anpassen, um einen brutalen Mörder dingfest zu machen. Die Zeit in dieser neuen Welt wecken in Burns neue Bedürfnisse. Tief in seinem inneren. Nicht diese fremde Männerwelt wird ein Teil von ihm, viel mehr wird er ein Teil von ihr und die wachsenden Gefühle der Begierde und Anziehung, die seine Ermittlungen immer weiter beeinflussen, könnten zur lebensgefährlichen Situationen führen.

‚Cruising‘ ist keine Charakterstudie, sondern eher eine ausgiebige Milieustudie. William Friedkin leuchtet die Szene der homosexuellen in den 80er Jahren aus und tat das auch auf realistische und unverblümte Art und Weise, die man nicht als Provokation verstehen sollte, sondern als ehrliche Aufnahme der Umstände in diesen SM-Clubs. Hier punktete Friedkin auch voll, denn die Atmosphäre ist einfach unheimlich dicht und stark eingefangen, so dass sie sich ab dem ersten Augenblick auf den Zuschauer übertragen kann. Auch der langsam splitternde Charakter von Burns deckt das Interessenfeld ab und die Fragen, wie lang er sich noch unter Kontrolle hat und wann er schließlich seinen Trieben unterliegt und dabei das Ziel aus den Augen verliert, machen Burns zur fesselnden Figur. ‚Cruising‘ scheitert aber daran, dass die eigentliche Handlung rundum die Mördersuche keine richtige Spannung erzeugen kann und die wahren Stärken des Thrillers viel zu sehr aus den Augen verloren werden. Er schafft es nicht, den Zuschauer zu packen und den richtigen Kniff anzuwenden, um das Feeling mit dem 08/15 Plot zu verbinden. Das bremst ‚Cruising‘, neben den homophoben Ansätzen, ungemein aus und zerstört einen Film, der ein weiteres Highlight in Friedkins Karriere hätte werden können.

Fazit: ‚Cruising‘ besticht durch einen interessanten Hauptcharakter und eine starke Atmosphäre der New Yorker Schwulenszene. Leider weiß die Krimihandlung, um die es im Film eigentlich geht, rein gar nicht zu überzeugen und Spannung kommt dort nur selten auf. Der Soundtrack ist jedoch gut, genau wie Al Pacinos Leistung. Das rettet den Film jedoch schlussendlich nicht vor dem Mittelmaß.

Bewertung: 5/10 Sternen