"Darjeeling Limited" (USA 2007) Kritik – Mit Wes Anderson durch Indien

„Er hat diese Krankheit, bei der einem der Kopf geschoren wird. Nur dass er ihn nicht scheren muss, weil ihm überhaupt keine Haare mehr wachsen. Erwähne das nicht in seiner Gegenwart, es verletzt ihn womöglich.“

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Wes Anderson, den man unter keinen Umständlichen mit dem Kollegen Paul Thomas Anderson verwechseln sollte, ist ein ganz besonderer Regisseur in der großen Filmwelt. Mit seiner Eigenart hat er sich eine treue Fanbasis aufgebaut, die seinen skurrilen und absurden Filmen mit Herz und Freude bedingungslos folgen und ein Fest nach dem anderen serviert bekommen. 1998 machte Anderson mit ‚Rushmore‘ auf sich aufmerksam um seinen Ruf 2001 mit ‚The Royal Tenenbaums‘ und 2004 mit ‚Die Tiefseetaucher‘ noch richtig zu festigen. Denn wenn auf einem Film Wes Anderson draufsteht, dann ist in jedem Fall auch immer Wes Anderson drin und seine tolle Handschrift einfach unverkennbar. 2007 kam sein fünfter Spielfilm ‚Darjeeling Limited‘ in die Kinos und Anderson setzte wieder auf seine eingeschworene Schauspielcrew. Das Ergebnis ist ein liebenswerter Ausflug nach Indien der unverwechselbaren Marke Anderson.

Die drei Brüder Francis, Pete und Jack haben ein ganzes Jahr kein Wort miteinander geredet. Als Francis seine zwei Brüder auf eine spirituelle Reise durch Indien einlädt, kommen sie sich wieder näher. Doch Francis hat einen ganz anderen Plan im Hinterkopf und die Zugreise durch das bunte und warme Land wird zu einer Reise durch sich selbst, voller Unfälle und Missgeschicke, die die eigentliche Reise in eine ganz neue Richtung lenkt.

Wie schon in seinen vorherigen Filmen, engagierte Anderson auch hier wieder bekannte Gesichter, auf die er sich verlassen konnte. An erster Stelle Owen Wilson als Francis, der hier eine seiner besten Karrierevorstellungen abliefert und beweist, dass er nicht nur der lustige Typ von nebenan ist, sondern auch Tiefgründigkeit in einen Charakter legen kann und in einem vielschichten Licht erstrahlen lässt. Dann Jason Schwartzman als Jack, der sich hier mal mit Schnäuzer zeigt und ebenfalls eine tolle Leistung, wie gewohnt unter Anderson, bringt. An dritter Stelle steht der Oscar Gewinner Adrien Brody, der sich als Charakterdarsteller schon bewiesen hat und auch als Pete wieder genau in seine sensible und zurückhaltende Rolle passt. Ein tolles wie unterschiedliches Schauspielertrio, das dem Zuschauer schnell sympathisch ist. Dann wäre da noch Bill Murray, der eigentlich nur gute 4 Minuten im Bild vertreten ist, aber wie immer seinen ganz eigenen Charme ausstrahlt und in der tollen Eröffnungssequenz den Startschuss für die Geschichte gibt. Anjelica Huston als Patricia, Amara Karan als Rita, Irfan Khan als indischer Familienvater und Wallace Wolodarsky können ihre kleinen Szenen überzeugen. Eine Miniszene hat auch Natalie Portman, die aber wirklich nur fünf Sekunden im Bild ist.

Wieder einmal liegt die ganz klare Stärke des Films auf der einmaligen Charakterzeichnung Andersons, die nur er so hinbekommt. Der älteste Bruder Francis ist ein reicher Kerl und trägt Schuhe für sechstausend Dollar. Den schweren Autounfall, beabsichtig oder unbeabsichtigt verursacht, überlebt er nur knapp und die Verletzungen an seinem Kopf sind eindeutig, allem Anschein nach hat dieser Unfall auch sein Gehirn in Mitleidenschaft gezogen und ihn etwas verwirrt. Jake läuft die ganze Zeit barfuß durch die Gegend, verliebt sich in die Zugbegleitung Rita, hat im Notfall Pfefferspray immer griffbereit und schreibt am liebsten Kurzgeschichten, in denen sich seine Brüder immer wiedererkennen, doch Jake besteht darauf, dass die Geschichten allesamt fiktiv geschrieben wurden. Und zu guter Letzt wäre da noch Pete, der sich selber als Liebling des verstorbenen Vaters sieht und sich seine Dinge unter den Nagel reißt. Außerdem wird er noch Vater, erzählt aber niemandem davon und kauft sich in Indien eine Schlange, die eigentlich ungiftig sein soll, aber mit einem Totenkopfsymbol gezeichnet ist und daraufhin ausbricht. Diese drei Brüder machen sich auf eine Reise durch Indien, denn nach der Beerdigung ihres Vaters, die der ausschlaggebende Punkt des Films ist, haben sie nicht mehr ein Wort miteinander gesprochen und sich vollkommen auseinander gelebt. Dieses neue zueinander finden, auch in Verbindung mit der verschwundenen Mutter der Brüder, inszenierte Anderson mal wieder mit seiner unvergleichbar führenden Hand.

‚Darjeeling Limited‘ nimmt uns mit auf eine Zugfahrt durch das Land der bunten Farben und Gewürze. Dabei wir diese Reise nicht nur eine Fahrt durch das Land selbst, sondern auch eine Reise durch unsere Charaktere. Scheiterte die Gemeinsamkeit noch an ihrem spirituellen Zwang, findet sie sich schließlich doch im Einklang der Verbundenheit und des verloren geglaubten Vertrauens wieder. Die skurrilen Figuren, die Absurditäten und die schrägen Augenblicke sind wieder typisch Anderson und machen den Film einfach zu einem schönen Erlebnis. Allerdings mischte Anderson dieses Mal deutlicher die ernsten und melancholischen Grundtöne in seine Geschichte, ohne sie aber in Tragik zu baden. Er verstand es das Gleichgewicht zwischen dem Humor und den dramatischen wie tiefgängigen Augenblicken zu halten und erschuf einen Film, der sich um die Familie, Freundschaft, Verlust und Vergangenheitsbewältigung dreht. Wahrheiten werden aufgedeckt, Menschen wieder zusammengeführt und Indien von seinen sonnigsten Seiten gezeigt. Das Leben ist viel zu schnell vorbei, deswegen muss man die gemeinsame Zeit nutzen, denn wenn du zu langsam bist und den Zug nicht erreichst, dann fährt er ohne dich ab. So wie ‚Darjeeling Limited‘ beginnt, so endet er auch, doch die Protagonisten haben sich verändert und sind nicht nur reifer geworden, sondern durften Erfahrungen sammeln und endlich verstehen, worauf es wirklich ankommt. Balsam für die Seele.

Fazit: ‚Darjeeling Limited‘ ist einen liebenswerter und schöner Film, der auch nicht auf seine ernsten Töne verzichtet und einem trotzdem fast durchgehend ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Ein hochsympathischer Ausflug nach Indien mit drei eigenwilligen Charakteren, die man einfach mögen muss, genau wie den schönen altmodischen Soundtrack und die starke Kameraführung, die tollen Schwenks bietet und die einmalige Landschaft von Indien warm einfängt. ‚Darjeeling Limited‘ hat viel Herz, macht Freude und unterhält 90 Minuten auf unaufdringliche Art und Weise.

Bewertung: 7/10 Sternen