"Dead Man Down" (USA 2013) Kritik – Als die Vendetta salonfähig wurde

Autor: Florian Feick

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„Jemand hat mich verletzt. Ich will, dass Du ihn tötest.“

Der dänische Regisseur Niels Arden Oplev springt ins kalte Wasser und startet, mit dem World Wrestling Entertainment (WWE) im Rücken, sein actionreiches Hollywood-Debüt mit Colin Farrell und Noomi Rapace in den Hauptrollen.

Raffiniert hat sich der wortkarge Victor (Farrell) mitten in das enge Umfeld des mafiösen Untergrund-Bosses Alphonse eingeschleust. Sein simples Ziel lautet, ihn zu töten – und das um jeden Preis. Parallel dazu beobachtet er immer öfter die geheimnisvolle Schönheit Beatrice (Rapace) aus dem Fenster seines Appartments, welche auch ihm immer mehr Beachtung schenkt, wenngleich sie dazu ihre ganz eigenen Beweggründe hat. Unaufhaltsam entbrennt ein Feuerwerk der unerbittlichen Rache.

Routiniert inszeniert, mit sich stetig steigerndem Spannungsbogen und bedrückender Neo-Noir-Atmosphäre macht „Dead Man Down“ formal tatsächlich wenig falsch. Victors bis ins kleinste Detail durchkomponierter Racheakt gegen eine halbe Armee reißt mit, ist verhältnismäßig spannend und bis auf wenige Ausnahmen sogar recht unvorhersehbar. Auch die Darsteller beeindrucken in Anbetracht dessen, dass es sich hier eigentlich um einen Action-Film handelt, mit erstaunlich gut nuaniciertem Spiel.
Unglücklicherweise bricht genau das Motiv Oplevs neuestem Film das Genick, das ihn wahrlich subversiv hätte werden lassen können: Ungefähr in der Mitte des Films sehen wir, wie sich Victor auf einem Projektor alte Familienvideos ansieht – die Projektionsfläche besteht natürlich aus dem detaillierten Plan-Schaubild seines Vergeltungsaktes. Ein (Anti-)Held also, der hin- und hergerissen ist zwischen den aufwühlenden Erinnerungen, die man vielleicht lieber ruhen lassen sollte, und dem unbedingten Willen der totalen (Selbst-)Zerstörung. Leider sieht man seine innerliche Zerissenheit nur in solchen spärlichen Szenen, denn sein tatsächliches Handeln ist fern von jeder Selbstreflexion. Ähnlich ergeht es der hübschen Nachbarin Beatrice, deren Gesicht nach einem Autounfall, dessen Ursache ein Betrunkener war, nun für immer gezeichnet ist, und gleichsam nur den Weg der Rache kennt.

Es ist in höchstem Maße unverständlich, warum der Drehbuchautor H.J. Wyman mit dem Vermitteln moralischer Werte kokettiert, während seine Protagonisten bravouröse Negativ-Beispiele darstellen, welche durch den Einsatz von lakonischem Humor und intimen Momenten gleichzeitig zu Sympathieträgern erhoben werden. Diese Ambivalenz zwischen theoretischem Duktus der Geschichte und den evidenten vermittelten moralischen Werten ist es letztlich, welche „Dead Man Down“ für jeden denkenden Menschen ungenießbar, ja geradezu abscheulich macht.

Obwohl einige wirklich kreative Einstellungen einen Hauch inszenatorische Innovation suggerieren, ist das 2013 veröffentlichte Werk ein durchschnittlicher Action-Film urtypischer Couleur, der den zweifelhaften Eckpfeiler dieses Genres sogleich in mehrfacher Ausührung auslebt.
Hast Du eine Familie respektive bewegende Vorgeschichte (ist Dein falsches Handeln also in irgendeiner Weise rational nachvollziehbar), so bist Du für den rechtschaffenen Helden unantastbar. Das Haupt-Merkmal des Action-Bösewichts ist infolge dessen also das skrupellose Töten von Film-Individuen mit einem positiven handlungsrelevanten Hintergrund, was den Protagonisten wiederrum dazu ermächtigt, diese Nemesis skrupellos auszuschalten. “Auge um Auge, Zahn um Zahn”, wie einer der georgischen Neben-Charaktere einmal so trefflich zitiert. Damit propagiert „Dead Man Down“ archaische Justiz-Ideologien und den steinzeitlichen Familienentwurf bis ins Groteske, stimmt einen brutalen Abgesang auf das Ende des Individualismus an, dem nur wenige Auserwählte Personen entrinnen können.
Mit dem Zelebrieren gängiger Völkerklischees wird dem amerikanischen Rassismus gefröhnt, die im Film dargestellten Frauenrollen bestehen entweder aus tollpatschigen Hausmädchen, abgehalfterten Franzosen-Muttis oder High Heels-tragenden Kosmetikerinnen.

Dem steht nun der von Farrell glaubhaft verkörperte Victor gegenüber, dessen einziger Wunsch die angestrebte Katharsis ist, welche er nur mit einem einzigen Mittel zu erreichen glaubt. Kurz vor dem Ende hat Oplev noch ein letztes Mal die Möglichkeit, die bisher zweifelhafte Moral seiner Botschaft zu hinterfragen und seinen grimmigen Protagonisten scheitern oder zumindest reflektieren zu lassen. Dann jedoch gerät die hübsche Nachbars-Jungfrau plötzlich ins Visier und dem Rächer wird die symbolische Lizenz zum rücksichtslosen Abschlachten zugesteckt. Ein paar reißerische Schießereien inklusive des beispielhaften Befolgens der oben genannte(n) Regel(n) später dürfen sich beide nach dem absehbaren und primitiven Crowdpleaser-Finale blutverschmiert in die Arme schließen. Und küssen. Nach schätzungsweise 35 Leichen also findet der charmante Mann mit dem schnippischen 3-Tage-Bart endlich sein (Familien-)Glück. Man darf gespannt sein, wie lange es dauern wird, bis die ersten Nachahmer kommen. Wir leben in einer Gesellschaft, die offenbar jegliches Vertrauen in ihr Justizsystem verloren hat und ihr Glück nun selbst in die (Waffen-)Hand nimmt. Damit ist dem Dänen womöglich in der Tat ein Film gelungen, mit dem er in Hollywood Fuß fassen könnte. Herzlichen Glückwunsch.