"Dead Man Walking" (USA 1995) Kritik – Sean Penns letzter Gang

„Wissen Sie, worauf Sie sich da einlassen? Weshalb wollen Sie das tun, Schwester? Aus krankhafter Faszination? Aus blutendem Herzen des Mitleids?“

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Die Todesstrafe ist nach wie vor ein schwieriges Streitthema, über das man stundenlang debattieren kann und doch auf keinen gemeinsamen Nenner kommt. Die Befürworter sind natürlich der Meinung, dass ein Vergewaltiger oder Mörder für seine unverzeihliche Tat auf härtestem Wege bestraft werden muss und nur der Tod kann hier für Vergeltung sorgen. Auf der anderen Seite stehen die Gegner, die es nicht verstehen könnten, wie man Leuten mit dem Töten klarmachen will, das das Töten nicht in Ordnung ist. Man dreht sich bei diesem Thema im Kreis und hitzige Diskussionen sind unausweichlich, obwohl man beiden Seiten ihren Standpunkt abnimmt und doch nicht wirklich zustimmen kann. Mit der Todesspritze hat man dann einen Weg gefunden, der den Menschen vorgaukelt, durch die drei verschiedenen Injektionen, die in den Straftäter strömen, einen humanen Schritt des Tötens zu benutzen. Die Wahrheit sieht anders aus, denn während die Injektionen den Körper und die Muskeln beruhigen, damit die Angehörigen, die den Tötungsakt beobachten, nicht in Schrecken versetzt werden, wenn der Täter auf der Liege schmerzverzerrt das Gesicht verzieht und die Zuckungen immer extremer werden, begeben sich die inneren Organe in einen ausweglosen Kampf. Filme rundum die Todesstrafe sind auch einige Vertreten, wie zum Beispiel das französische Meisterwerk „Endstation Schafott“ mit Alain Delon und Jean Gabin. Aber auch Tim Robbins inszenierte 1995 mit „Dead Man Walking“ einen der wichtigsten und besten Beiträge zum brisanten Thema und beleuchtete dabei genau diese Bereiche.

Seit Jahren sitzt Matthew Poncelat wegen Mord und Vergewaltigung in seiner Todeszelle und wartet auf den Termin seiner Hinrichtung. Als dieser Tag in greifbare Nähe rückt, schreibt er der Nonne Helen Prejean einen Brief und bittet diese darum, ihm in den letzten Tagen noch zur Seite zu stehen und den letzten Beistand zu erweisen. Helen erfüllt ihm den Wunsch und besucht den Straftäter im Gefängnis. Dieser stellt sich als zynischer Rassist heraus, der jede Reue verdrängt und seine eigene Unschuld immer wieder beteuert, während er die Schuld auf seinen Komplizen lenkt und auf den Einfluss der genommen Drogen verweist, die ihm jedes klares Gedanken verboten haben sollen. Doch Helen und Matthew kommen sich immer näher und entwickeln eine Beziehung, die für die Außenstehenden nur schwer verständlich ist, denn die meisten erkennen in Matthew nur ein Tier, welches unbedingt umgebracht werden muss. Helen nimmt sich den Eltern der Opfer an und auch der Familie von Matthew und wird zwischen die Fronten gedrängt…

„Dead Man Walking“ lebt ohne Wenn und Aber von seinem grandiosen Hauptdarstellerduo, die hier in ihrer ganzen Kraft beweisen, was sie auf dem Kasten haben. An erster Stelle Schwester Helen Prejean, die von Susan Sarandon fantastisch verkörpert wurde und zu Recht den Oscar für die Beste Hauptdarstellerin entgegennehmen durfte. Ihr Charakter ist fernab jeder strengen Ordensschwester und entfaltet sich als offene Gläubige, die auf alle Seiten eingeht, aber jedem Menschen seine Würde lässt. Sarandons Spiel ist so einfühlsam und ehrlich, dass sie einfach mitreißt und jedem Zuschauer ab dem ersten Augenblick ihre Rolle mit ihrer ganzen Authentizität vorstellt. Der männliche Part wurde mit Sean Penn besetzt, der den Täter Matthew Poncelet spielt und wieder einmal eine schauspielerische Großleistung ablieferte. Obwohl er seinen Charakter nicht unbedingt sympathisch vorstellt und immer zwischen rassischsten wie arroganten Aussagen umherspringt, die nicht selten auch einen sexistischen Kern in sich tragen, weiß er es, den Zuschauer zu berühren und seine Mimik und Gestik in brillanter Präzision zu entfalten. Sarandon und Penn harmonieren einfach exzellent und werden mit ihren Performances niemanden kaltlassen.

Tim Robbins gelingt es in „Dead Man Walking“ das brandaktuelle und ebenso explosive Thema der Todesstrafe von beiden Seiten zu beleuchten. Wir bekommen die Befürworter, die Familien der Opfer, und die Gegner, die Familie des Täters, vorgestellt und wir als Zuschauer haben so die Möglichkeit, uns auf eine der Seiten zu schlagen, ohne die Meinung des Regisseurs ins Gesicht geschlagen zu bekommen. Durch diese differenzierte Inszenierung entsteht eine hochemotionale Intensivität, die in ihrer einfühlsamen und ehrlichen Art das schwierige Thema genau richtig anfasst. Während Matthew in seiner 2x 2,5 Meter Zelle auf den Tag seines Todes wartet, stößt Schwester Prejean nur auf Unverständnis von der Außenwelt, die es nicht akzeptieren können, das eine Gläubige sich einem solchen „Monster“ annimmt, welches weder Reue zeigt, noch seine Schuld eingesteht, an der Robbins wirklich niemanden zweifeln lassen will. „Dead Man Walking“ ist ein berührendes Drama, das sich um Vertrauen, Respekt, Schuld, Ehrlichkeit und die unvergängliche Menschlichkeit dreht, egal was man in seinem Leben getan hat. Robbins zeigt uns mit seiner objektiven Erzählweise, wie sich eine solch grausame Tat auf die Familien auswirkt und dokumentiert, wie diese Menschen in ihrer endlosen Trauer, psychischen Erniedrigung und Verzweiflung regieren und den Tod als einzigen Ausweg erkennen, der etwas Gerechtigkeit für die zwei toten Kinder darstellt. Und auch wenn „Dead Man Walking“ gegen Ende der Rührseligkeit etwas zu viel verfällt, macht der Film doch alles richtig und will uns nichts von einem Unschuldigen erzählen, der zu Unrecht hingerichtet wird, sondern über die extreme Situation im Gefängnis und die der Angehörigen, die sich hinter der Tat verbergen und ebenso kämpfen müssen.

Fazit: Tim Robbins ist mit „Dead Man Walking“ nicht nur ein ehrlicher Film über die Todesstrafe gelungen, sondern auch ein eindringlicher, der beide Seiten beleuchtet, sowohl die des Täters, als auch die der Familien der Opfer, und kann so eine Emotionalität heraufbeschwören, die sich mit ihrer ganzen Kraft um den Zuschauer legt und auch zum Nachdenken anregen wird. Mit Sean Penn und Susan Sarandon hat man zwei grandios aufspielende Schauspieler, die den Film mit ihrem ganzen Können durch das Ziel tragen und „Dead Man Walking“ zu dem machen, was er ist: Ein wirklich großes und intensives Werk, welches man sich in keinem Fall entgehen lassen sollte, egal wie man zum Thema der Todesstrafe steht, denn hier wird man nicht manipuliert, sondern darf seine eigene Meinung durchgehend behalten.

Bewertung: 9/10 Sternen