"Detachment" (USA 2011) Kritik – Adrien Brody auf der Suche nach sich selbst

Autor: Pascal Reis

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„A child’s intelligent heart can fathom the depth of many dark places, but can it fathom the delicate moment of its own detachment?“

Bei seinem Debütfilm aus dem Jahre 1998, kann der britische Regisseur Tony Kaye auch gleichzeitig vom persönlichen und bis dato einzigen Höhenflug in der Filmwelt sprechen. Die Rede ist dabei natürlich vom intensiven Neonazi-Drama „American History X“, bei dem Kaye auch Edward Norton – unvergesslich mit stählerner Physis und demonstrativen Hakenkreuz auf der Brust – zum großen Durchbruch verhalf, um seiner Karriere nur ein Jahr später in David Finchers „Fight Club“ bereits die frühzeitige Krone aufzusetzen. Kaye hat sich jedoch auch in einem anderen Fall im Filmgeschäft einen Namen gemacht: Der Engländer hatte das Privileg, mit dem unantastbaren Marlon Brando („Apocalypse Now“) zusammenzuarbeiten und erschien am ersten Tag als Osama Bin Laden verkleidet am Set, um nur zwei Tage später das Handtuch zu werfen. Darauf folgten einige Regiearbeiten bei verschiedenen Musikvideos und eine Dokumentation, in der Kaye seine strikte Ablehnung gegenüber Abtreibungskliniken repräsentierte. Nach einigen Jahren der Stille meldet sich der exzentrische Filmemacher nun mit seinem neuen Drama „Detachment“ zurück, an die Qualität eines „American History X“ kommt sein zweiter Kinofilm jedoch bei weitem nicht heran.

Henry Barthes ist ein Aushilfslehrer aus Überzeugung. Weil er sich vor jeder langfristigen Bindung scheut, unterrichtet er die Jugendlichen in den unterschiedlichsten Schulen lieber nur über einen kurzen Zeitraum, um danach wieder das Weite suchen zu können, denn andere Menschen haben keinen Platz in seinem Leben, außer sein todkranker Großvater, den Henry immer wieder besucht und widerwillige Reisen durch die schwere Vergangenheit durchstehen muss. Diese Vergangenheit ist auch der Grundstein für seine Unfähigkeit sich zu binden, doch als er mal wieder an einer neuen Schule angekommen ist und dort nicht nur mit der gemobbten Schülerin Meredith sympathisiert, sondern auch die minderjährige Prostituierte Erica in seiner Wohnung aufnimmt, könnte Henry eine Chance bekommen, sein Dasein ein stückweit in eine positive Richtung zu verändern. In diese Reihe gesellt sich auch noch die attraktive Lehrerin Ms. Madison, die sich offensichtlich für Henry interessiert, doch der Außenseiter kann nicht vor seinem Inneren fliehen…

Mit Adrien Brody in der Hauptrolle, hat sich Tony Kaye auf einen Schauspieler verlassen, dessen eigentliches Talent seit der Mitwirkung in Roman Polanskis vielfach ausgezeichneten Holocaust-Meisterwerkes „Der Pianist“ außer Frage steht. Die meisten Filme und Leistungen die nach „Der Pianist“ und Brodys darauffolgenden Oscar-Gewinn folgten, waren qualitativ so durchwachsen, dass man sich als Rezipient und Fan fragen musste, was im Kopf des in Queens aufgewachsenen Darstellers vor sich geht. Erfreulich ist die Tatsache, dass Adrien Brody als Henry Barthes endlich wieder die Chance gewährleistet bekommt, sein schauspielerisches Vermögen aufblitzen zu lassen, auch wenn die wahre Klasse weiterhin nicht gänzlich ausgereizt wurde. Brody ist immer dann am besten, wenn er nur mit seinen Augen sprechen darf und das innere Chaos seiner Seele durch die von Trauer und Schmerz erfüllten Blicke ausstrahlt. Die weiteren Darsteller wie James Caan („Der Pate“), Lucy Liu („Kill Bill Vol.1“) oder auch Bryan Cranston („Drive“) fungieren lediglich als unbedeutendes Zierwerk.

Wie schon in „American History X“, in dem Kaye die verlorene Generation der 1990er Jahre im White-Trash-Milieu figurierte und dieses mit der brisanten Thematik des kontemporären Neonazismus verknüpfte, spielt auch in „Detachment“ das soziale Umfeld im Allgemeinen eine prägnante Rolle. In erste Linie geht es um Henry und seine schwierige Person, die sich jeder zwischenmenschlichen Beziehung entziehen will und nur den Kontakt zum schwerkranken Großvater sucht, doch darüber hinaus richtet Kaye seinen kritischen Blick erneut auf einen methodischen Bereich, dessen gravierende Causa nur zu gerne in sogenannten „Randgebieten“ manifestiert wird: Das amerikanische Schulsystem und die ideale Bildung der problematischen Jugend. Ein gesellschaftliches Segment, welches nicht nur in den Vereinigten Staaten von relevanter Signifikanz illustriert ist, sondern seit geraumer Zeit einen universellen Charakter besitzt, denn wie oft bekommen auch wir in Deutschland durch die Medien mitgeteilt, dass es erneut Ausschreitung zwischen Lehrern und Schülern gab.

Die Lehrer in „Detachment“ sind überfordert und die unmotivierte Disziplinlosigkeit der Schüler, die aus schwierigen Verhältnissen entstammen und so sicher nicht die beste Erziehung genießen konnten, sorgen zentralisiert bei gewissen Lehrkräften schon für den Ansatz eines Nervenzusammenbruches. Gefühlvolle Piano-Klänge werden immer dann eingespielt, wenn dem Zuschauer vorgeschrieben wird, wann er sich vom Gezeigten betroffen zeigen sollte und wann er sich den Ernst der Situation ohne musikalische Manipulation aneignen darf. Natürlich schafft auch Kaye es nicht, die verschiedenen Klischees der kinematographischen Präsenz zu umschiffen, doch er behält die Zügel immer so klar in beiden Händen, dass ihm die nötige Strenge in Bezug auf den Inhalt nicht verloren geht, was sich auch daran abzeichnet, dass Hauptprotagonist Henry niemals überkandiert wurde und als eine Art Held in den Fokus rücken darf. Henry bleibt ein Mensch mit Fehlern, ein Mensch der scheitert, der Probleme lösen möchte, aber dadurch wieder ganz neue entfacht.

Wenn „Detachment“ uns zu Anfang mit einigen Personen begrüßt, die direkt in die Kamera sprechen und ihre Meinungen über den Job als Lehrer vermitteln, suggeriert das noch einen dokumentarischen Tonus, den Kaye auch im weiteren Verlauf des Filmes aufrechterhalten möchte, nicht zuletzt aufgrund der variablen Handkamera und den wiederkehrenden Szenen, in denen Adrien Brody seine Worte ebenfalls geradewegs in die Kamera wirft und den Zuschauer so erneut mit einem hinderlichen Illusionsbruch konfrontiert. Und hier nähern wir uns auch schon dem Problem, mit dem „Detachment“ nahezu über die gesamte Filmdauer kämpfen muss: Das Drehbuch und Kayes Umsetzung sind äußerst engagiert und möchten dem aktuellen Thema möglichst viel Ausdruck verleihen. Löblich ist das natürlich schon, allerdings wurden dem Film dadurch so viele verschiedene Handlungsstränge aufgedrückt, die dazu immer wieder mit visuellen Spielereien kollidieren, aber in keinem Kontext einen effektiven Sinn ergeben. Es wird vielmehr deutlich, dass die ausgefeilte Behandlung dieser Thematik letztlich fehlt und die überladene Unausgewogenheit doch die Oberhand gewinnt.

Fazit: „Detachment“ ist keinesfalls eine vollkommen oberflächliche Auseinandersetzung mit dem Desinteresse und der Perspektivlosigkeit der Schüler, verknüpft mit Henry, verkörpert von einem guten Adrien Brody, der augenscheinlich Verbündete in der Verlorenheit findet. Doch „Detachment“ ist deutlich zu überladen, um ein wirklich tiefgehendes wie sorgfältig festhaltendes Statement entfalten zu können.

“And I have never felt so deeply at one and at the same time so detached from myself and so present in the world.”
– Albert Camus