Die besten Filme des Kinojahres 2015: Philippe stellt seine Lieblinge vor

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Auch dieses Kinojahr hatte für mich wieder genügend Momente zu bieten, welche mich zu Tränen rührten, zum Staunen brachten oder mir tagelang nicht aus dem Kopf gingen. Von den knapp 100 Filmen, welche ich dieses Jahr sehen konnte, habe ich in meinem diesjährigen Rückblick nun meine zehn Favoriten auserwählt und werde Euch diese nun kurz vorstellen. Für eine längere Bestenliste reicht es in diesem schwachen Kinojahr leider nicht. Was nicht heißen soll, dass es keine guten Filme zu sehen gab, davon gab es sogar einige. Das Problem ist eher, dass die wahrlich außergewöhnlichen Filme für mich persönlich dieses Jahr rar gesät waren.

Natürlich habe ich bei meinem Jahresrückblick nur diejenigen Produktionen berücksichtigt, welche innerhalb des Jahres 2015 ihren deutschen Kino- oder anderweitigen Veröffentlichungsstart feierten. Dieses Jahr besonders negativ aufgefallen ist mir hierbei, dass zahlreiche sehenswerte Filme leider keine Kinoauswertung erhalten haben, sondern direkt in den DVD-Regalen gelandet sind.

Ansonsten habe ich im Anschluss an meine Top 10 wie in den letzten Jahren auch noch meine persönlichen CinemaForever-Awards vergeben. Einige Filme wären in meinem Jahresrückblick vielleicht noch berücksichtigt worden, doch leider hatte ich bisher keine Möglichkeit mir diese anzuschauen. Dazu zählen u.a. „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“, „Mia Madre“, „Sicario“, „Es ist schwer ein Gott zu sein“ und „Unsere kleine Schwester“.

Eine Übersicht aller Filme, welche ich dieses Jahr gesehen habe, findet ihr zudem, wenn ihr folgendem Link zu meinem letterboxd-Account folgt: http://bit.ly/1OPUZ3k

Nun aber genug der Worte und viel Spaß beim Entdecken meiner Jahreslieblinge!

Platz 10: “The Immigrant” (Direct-to-DVD: 30. Januar)

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von James Gray, mit Marion Cotillard und Joaquin Phoenix

„The Immigrant“ erzählt in großen Bildern, deren Wucht an Klassiker wie „Der Pate“ oder „Es war einmal in Amerika“ erinnern, von zwei polnischen Schwestern, die in die USA einwandern. Doch es läuft für die beiden anders als geplant. Ewa (Marion Cotillard) und ihre Schwester werden während der Einreise getrennt und Ewa muss sich dem schmierigen Bruno (Joaquix Phoenix) anvertrauen, um ihre Schwester aus den Händen der Einwanderungsbehörde zu retten. Dabei gerät sie unaufhaltsam in die Prostitution, bis der charismatische Magier Orlando (Jeremy Renner) auf Ewas Radar erscheint und ihr Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht. James Gray hat mich schon in seinem letzten Film „Two Lovers“ mit seinem guten Gespür für Schauspielführung und emotionale Töne begeistert. Seine Figuren reden meist nicht viel und Blicke oder Gesten sagen oft mehr als tausend Worte. Auch in „The Immigrant“ herrscht ab dem ersten Augenblick eine trügerische Ruhe, die einen intensiven Sog entwickelt. An der Oberfläche mag einem die Geschichte über die Suche nach einem Neuanfang im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sicherlich bekannt vorkommen, doch Gray erzählt mit seinen Bildern so viel mehr und verweilt zum Glück nicht nur im klassischen amerikanischen Erzählkino. In erster Linie überzeugt das Drama mit seinen großartigen schauspielerischen Leistungen, wobei besonders Cotillard mit ihrer Darstellung der verzweifelten Polin begeistert und dadurch, dass sie sogar Polnisch spricht, in jedem Augenblick maximale Authentizität garantiert. Bei so viel Authentizität und der epischen Auslegung der Geschichte ist es am Ende nur schade, dass „The Immigrant“ nur eine Laufzeit von knapp zwei Stunden besitzt, denn in James Grays Darstellung des 20er Jahre New York wäre ich gerne noch tiefer eingetaucht. Doch wenn ein Regisseur eine dermaßen brillante Endeinstellung wie in diesem Film findet, die seiner Erzählung noch mehr Tiefe verleiht und eine Zweitsichtung zur Pflicht macht, ist das Jammern auf hohem Niveau.

Platz 9: “Saint Laurent” (Direct-to-DVD: 4. Dezember)

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von Bertrand Bonello, mit Gaspard Ulliel und Léa Seydoux

Letztes Jahr fand das Biopic „Yves Saint Laurent“ über den titelgebenden Modedesigner seinen Weg in die Kinos. Doch obwohl dieses Biopic durchaus sehenswert war, fehlte es diesem an vielem, um sich, wie Yves Saint Laurent selbst, dauerhaft einen Platz in der französischen Kulturgeschichte zu sichern. Bertrand Bonellos „Saint Laurent“ hingegen ist nun cineastisches Gold, ein wahrhaftiges Kunstwerk und einer der besten Autorenfilme der letzten Jahre, welcher dem Mythos des französischen Couturiers mehr als nur gerecht wird. Bertrand Bonnello hat es verstanden, den Geist Yves Saint Laurents einzuatmen, das zeigt sich auf allen filmischen Ebenen. Das Verständnis, welches Bonello für das Ästhetische aufbringt, ist unglaublich, genauso wie die Verkörperung Saint Laurents durch Gaspard Ulliel, welche wahrscheinlich das beeindruckendste Schauspiel im französischen Kino ist, seitdem Marion Cotillard die Chanson-Legende Edith Piaff verkörperte. Doch das muss man erst gesehen haben, um es glauben zu können. „Saint Laurent“ wird dem Hype der französischen Kritiker auf jeden Fall mehr als gerecht, weshalb es eine Schande ist, dass auch dieser Film in Deutschland nur eine Heimkinoauswertung erhalten hat.

Platz 8: “Ex Machina” (Kinostart: 23. April)

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von Alex Garland, mit Oscar Isaac und Domhnall Gleeson

„Ex Machina“ ist intelligentes Science-Fiction-Kino der seltenen Sorte. Hier werden ganz große philosophische Fragen gestellt und glücklicherweise begeht Alex Garland nicht, wie so viele andere Filmemacher, den Fehler banale Antworten auf diese Fragen zu geben. Neben der philosophischen Komponente, welche sich damit auseinandersetzt, was das Menschsein eigentlich ausmacht, funktioniert „Ex Machina“ aber auch noch auf vielen anderen Ebenen. Kurz gesagt: Aufgrund emotional und thematisch komplexer Filme wie diesen hier liebe ich das Kino.

Platz 7: “Der Marsianer” (Kinostart: 8. Oktober)

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von Ridley Scott, mit Matt Damon und Jessica Chastain

Dieses Jahr haben es mir gleich zwei Science-Fiction-Filme angetan. Auf Ridley Scott ist halt in diesem Genre stets verlass. Aber etwas anderes hatte ich ehrlich gesagt vom Meister des Science-Fiction-Kinos auch nicht erwartet. Matt Damons One-Man-Show auf dem Mars ist hierbei ebenso beeindruckend wie die zahlreichen subtilen Messages, die hier vermittelt werden oder eben auch einfach nur die spektakulären Effekte. „Der Marsianer“ ist das perfekte Beispiel für gleichermaßen intelligentes wie packend inszeniertes Effektekino. Der nächste Teil des „Alien“-Franchise kann für mich also gar nicht schnell genug kommen.

Platz 6: “Victoria” (Kinostart: 11. Juni)

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von Sebastian Schipper, mit Laia Costa und Frederick Lau

Ich bin kein Fan von deutschen Filmen, da mich vor allem das deutsche Genrekino nur seltenst zu überzeugen vermag, doch „Victoria“ hat mich von der ersten bis zur letzten Minute in den Bann gezogen. Der technische Aspekt, dass alles in nur einem Take gedreht wurde, ist an sich jedoch nicht das Interessante an „Victoria“, sondern vielmehr wie Regisseur Sebastian Schipper damit seine Leidensgeschichte einer in Berlin gestrandeten Außenseiterin erzählt, die ihrem tristen Alltag entfliehen möchte und dafür alles in Kauf nimmt. Selten habe ich mich näher mit Charakteren verbunden gefühlt, denn die Kamera klebt förmlich an Laia Costa und so durchlebt der Zuschauer eine in allen Belangen außergewöhnlich erzählte Odyssee durch Berlins Straßen.

Platz 5: “Love” (Kinostart: 26. November)

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von Gaspar Noé, mit Aomi Muyock und Karl Glusman

Der wahrscheinlich missverstandenste Film des Jahres ist das Pornodrama „Love“ vom Skandalfranzosen Gaspar Noé. Das Missverständnis liegt dabei meiner Meinung nach darin begründet, dass von einem Skandalregisseur ein weiterer Skandalfilm erwartet wurde. Wie soll es auch anders sein nach Filmen wie „Irreversibel“ oder „Menschenfeind“? Doch am Skandal ist Noé in „Love“ nun überhaupt nicht mehr interessiert. Noé erzählt schlicht eine Liebesgeschichte mitten aus dem Leben, teils, so bekommt der Zuschauer das Gefühl, aus seiner eigenen Vergangenheit, was er auch immer wieder verdeutlicht. Das Gefühl der bedingungslosen Liebe und des bedingungslosen Geliebtwerdens, der uneingeschränkten Intimität und grenzenlosen „sentimentalen Sexualität“, all das gab es im Kino auf dermaßen ehrliche und offene Art und Weise nur selten zu bestaunen. So sieht für mich mutiges, großes Geschichtenerzählen aus. Und wo andere nur eine Aneinanderreihung scheinbar banaler Sex- bzw. Pornoszenen sehen, konnte ich für mich ganz viele wichtige zwischenmenschliche Wertevorstellungen entdecken, die meiner Meinung nach einiges an Diskussionspotential bieten, denn auf psychologischer Ebene gibt es hier enorm viel zu sehen. Doch um an dieser Stelle mal, wie mein geschätzter Kollege Wolfgang Schmidt Jr. von der Filmanalyse, Tarkowsky zu zitieren: „Manche schauen nur, aber sie sehen nicht.“

Platz 4: “Die Eifersucht” (Veröffentlichung unbekannt)

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von Philippe Garrel, mit Louis Garrel und Anna Mouglalis

Der Außenseiter in meiner diesjährigen Bestenliste, insofern dass „La Jalousie“ in Deutschland eigentlich noch gar nicht veröffentlicht wurde. Da jedoch Philippe Garrels neuster Streich „Im Schatten der Frauen“ bereits im Januar 2016 deutschlandweit in den Kinos startet, musste ich „La Jalousie“ einfach in diese Liste aufnehmen, in der Hoffnung, dass ihr euch diese cineastische Perle auf irgendeinem anderen Wege anschauen werdet. In knapp 80 Minuten bringt es Philippe Garrel hier nämlich fertig eines der tiefgründigsten Beziehungsdramen der letzten Jahre zu erzählen. Auf die simpelsten filmischen Mittel reduziert, entfaltet „La Jalousie“ nach und nach einen immer größeren emotionalen Sog und gipfelt schliesslich in einer Szene, welche mir wochenlang nicht mehr aus dem Kopf ging. „La Jalousie“ ist ebenso minimalistisches wie großartiges Gefühlskino.

Platz 3: “Mistress America” (Kinostart: 10. Dezember)

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von Noah Baumbach, mit Lola Kirke und Greta Gerwig

Oh Greta Gerwig, ooooah Greeeta….. ok ich höre ja schon auf. Mit „Mistress America“ hat sich Noah Baumbach nun auf jeden Fall endgültig von seinen großen Vorbildern, welchen er in „Frances Ha“ noch auf teils nervige Art und Weise nacheiferte, gelöst und liefert ein vollkommen eigenständiges Werk ab, welches, wie bereits seine bisherigen Arbeiten, mitten aus dem Leben erzählt, in fast allen Belangen überragend inszeniert, gespielt und erzählt ist, und dabei einige der witzigsten wie dramatischsten Kinomomente des Jahres zu bieten hat. Gleichzeitig regt „Mistress America“ zum tiefen Nachdenken an, vor allem über eigene freundschaftliche und partnerschaftliche Beziehungen. Daher denke ich, dass „Mistress America“ sogar Welten bewegen kann, einerseits weil dieses Comedy-Drama einfach unglaublich gefühlvoll erzählt ist, und andererseits aufgrund der zahlreichen wichtigen Fragen und Antworten in Sachen zwischenmenschlicher Beziehungen, die dem Zuschauer hier nahegebracht werden. So, und Greta Gerwig möchte ich nun zum Anschluss trotzdem noch zur Comedy-Queen erklären, denn ihr schaupielerisches Talent ist hier einfach über jeden Zweifel erhaben.

Platz 2: “Birdman” (Kinostart: 29. Januar)

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von Alejandro González Inárritu, mit Michael Keaton und Emma Stone

„Birdman“ ist einer dieser filmischen Raritäten, welche immer seltener ihren Weg ins Kino finden und alles verändern, da sie keinen vorgefertigten Pfaden folgen, anstattdessen ihren eigenen Gesetzen folgen und sich somit direkt einen bedeutsamen Platz in der Filmgeschichte sichern. „Birdman“ sprudelt nur so über vor ungebändigter Energie, Leidenschaft und Einfallsreichtum, sowohl narrativ, als auch schauspielerisch und inszenatorisch. Warum also ausgerechnet darin manch einer einen banalen Film sehen möchte, das geht mir nicht in den Kopf. Es ist schlichtweg famos, wie „Birdman“ von einem gescheiterten Künstler erzählt, der seinem Leben zwanghaft wieder eine Bedeutung geben möchte. Wie hierbei verschiedenste Genres zu einem einheitlichen Ganzen vereint werden, ist dann gar nicht mehr von so großer Bedeutung, denn viel bedeutsamer sind die großen existenziellen Fragen, denen Regisseur Alejandro González Inárritu hier auf der Grund geht. Das Sahnehäubchen auf dieser leckeren cineastischen Torte stellt jedoch das große Finale dar, da es dem Zuschauer ermöglicht, alles Gesehene auf verschiedenste Wege zu analysieren und zu interpretieren.

Platz 1: “It Follows” (Kinostart: 9. Juli)

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von David Robert Mitchell, mit Maika Monroe und Jake Weary

„It Follows“ ist das Schönste, was dem Horrorgenre seit Jahren wiederfahren ist. Endlich wir der Horrorfan wieder für voll genommen und das Resultat ist dementsprechend ein wahrhaftiger filmischer Albtraum, der den Zuschauer noch Wochen später verfolgt. „It Follows“ besinnt sich dabei auf das klassische Horrorkino, verpasst diesem einen modernen Anstrich und erzählt seine Coming-of-Age-Geschichte dermaßen zeitlos, dass es eine wahre Freude für jeden eingefleischten Fan subtiler Horrorfilme ist. „It Follows“ ist schon jetzt ein moderner Klassiker, über den man vorher am besten nichts wissen sollte, der aber trotzdem zur mehrfachen Sichtung einlädt und zahlreiche Deutungsmöglichkeiten eröffnet. Ich werde es jetzt jedoch schlicht beim folgenden Fazit belassen: „It Follows“ ist der bisher beste Horrorfilm der 2010er Jahre und schon jetzt nicht mehr aus der Filmgeschichte wegzudenken.

Wie angekündigt, war es das noch nicht ganz mit dem Jahresrückblick. Im Folgenden gibt es jetzt noch meine Verleihung der CinemaForever-Awards, wobei das meiste nur wenig überraschen dürfte:

Beste Darstellerin: Greta Gerwig in “Mistress America”

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Bester Darsteller: Gaspard Ulliel in „Saint Laurent“

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Newcomer/in des Jahres: Maika Monroe in „It Follows“ und „The Guest“

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Lieblingsszene: Greta Gerwig sprengt eine Party in „Mistress America“

Beste Bildgestaltung: „Birdman“ (Kamera: Emmanuel Lubezki)

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Beste Filmmusik des Jahres: ”Carol” (Carter Burwell), “It Follows” (Disasterpeace), “Birdman” (Antonio Sanchez), “Ex Machina” (Geoff Barrow und Ben Salisbury) und “Victoria” (Nils Frahm)

Bester Original Song: ”See you again” by Whiz Khalifa ft. Charlie Puth in “Fast & Furious 7”

Größte Enttäuschung: „Tomorrowland“ von Brad Bird

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Schlechtester Film: „Fifty Shades of Grey“ von Sam Taylor-Johnson, aber auch „American Sniper“ von Clint Eastwood hat als ärgerlichster Film des Jahres an dieser Stelle eine Erwähnung verdient.

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