Die besten Filme des Kinojahres 2016: Leonhards persönliche Top 10

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Der jährliche Kinostart-Kalender lässt sich selten gut mit dem Schreiben von Top 10 Listen vereinbaren, ohne dass man Filme vergisst oder sie dem Vor-/Nachjahr opfern muss. Schuld ist – neben unserem Zwang, arbiträre Listen und Rankings zu erstellen – die ‚Awards Season‘. Da die Oscarwähler bekannterweise wohl alle unter einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne leiden, müssen Studios ihre Prestige Projekte seit Jahrzenten immer, gestaffelt in qualifizierenden ‚Limited Releases‘, knapp zum Ende des Jahres herausbringen. Was in den Staaten am 25.12. erscheint, wird in Deutschland dann oft erst im Januar oder Februar des nächsten Jahres gesehen.

Was mir jedes Jahr auffällt, ist, dass gerade diese `Oscar Filme´ bei meinen Jahresrückblicken selten eine große Rolle spielen. Das liegt, denke ich, zum einen daran, dass Filme wie Spotlight und The Revenant während diesen entscheidenden ersten Monaten des Jahres zu sehr hochgehypt werden. Der Hype orientiert sich um die Oscarzeit natürlich weniger an den eigentlichen Filmen, sondern eher an ihren Erfolgschancen bei der Preisverleihung, und kippt für mich meistens schon vor der Zeremonie. Das Resultat ist dann unausweichlich, dass ich genervt, ungeduldig und an Schlafentzug leidend die Oscar-Übertragung durchsitze und daraufhin ein paar Stunden später mit einer großen Abneigung gegenüber aller in der Nacht geehrten Filme und Leute erwache. Daher fällt es mir schwer, diesen Filmen für meine jährliche Top 10 zu berücksichtigen… ich arbeite aber daran.

Soviel nur vorweg zu meiner Auswahl. Hier ist meine Liste:

Lobende Erwähnungen:

Green Room (Jeremy Saulnier), Paterson (Jim Jarmusch), The Assassin (Hou Hsiao-Hsien), The Witch (Robert Eggers), Midnight Special (Jeff Nichols), Queen of Earth (Alex Ross Perry), Son of Saul (László Nemes), Der Nachtmahr (Achim Bornhak), Brooklyn (John Crowley), Love & Friendship (Whit Stillman), High-Rise (Ben Wheatley), Cemetery of Splendour (Apichatpong Weerasethakul) & Chevalier (Athina Rachel Tsangari)

Leider noch nicht gesehen:

Nocturnal Animals (Tom Ford), 1001 Nacht (Miguel Gomes), I, Daniel Blake (Ken Loach), Der Schamane und die Schlange (Ciro Guerra), Divines (Uda Benyamina) & Captain Fantastic (Matt Ross)

Platz 10: „Train to Busan“ (Kinostart: 2. Dezember)

10

von Sang-ho Yeon, mit Yoo Gong und Woo-sik Choi

Eigentlich dachte ich, dass wir uns nach der gefühlt fünfzigsten Staffel The Walking Dead alle kollektiv geeinigten hatten, eine Zombie-Pause einzulegen. Doch dann brachte der südkoreanische Regisseur Yeon Sang-ho (The Fake) dieses Jahr plötzlich einen neuen Eintrag in den Zombie-Kanon und ich hatte wieder Bock auf mehr Untote. Der Actionfilm erinnerte mich daran, wie viel Spaß so eine Zombie-Apokalypse doch eigentlich sein kann und dass auch in einem Disaster-Flick Platz für gute Figurenzeichnung sein kann/muss.

Platz 9: „The End of the Tour“ (Direct-to-DVD: 17. März)

9

von James Ponsoldt, mit Jesse Eisenberg und Jason Segel

Der Film mit Jason Segel als David Foster Wallace fällt streng gesehen in die Kategorie des Roadmovies, denn wir begleiten den verstorben Schriftsteller, zusammen mit dem Journalisten David Lipsky (gespielt von Jesse Eisenberg), bei der Promotionstour für sein 1996 eben erschienenes Meisterwerk Infinite Jest. Tatsächlich hätte sich der Film von Regisseur James Ponsoldt (The Spectacular Now) auch genauso gut nur in der kleinen Küche des Autoren abspielen können, denn die Szenerie und Handlungsorte des Film sind meist nur nebensächlich. Lipsky (auf dessen Buch und Begegnung mit Wallace der Film basiert) beschrieb die Reise als das „beste Gespräch, das er je hatte“. Es ist wirklich ein faszinierendes Gespräch, was Wallace und Lipsky über den Film hinweg führen. Ein Gespräch, bei dem Wünsche, Ambitionen, Ängste und Neurosen aufgedeckt werden und dabei noch viel über die Zeit Ende der 90er, mit all seinen rasanten Veränderungen, gesagt wird. Und über allem hängt der Schatten von Wallaces drohendem Selbstmord.

Platz 8: „Hunt for the Wilderpeople“ (Kinostart: 18. September)

8

von Taika Waititi, mit Julian Dennison und Sam Neill

Den Roadtrip-Spirit verkörpert diese Komödie von Taika Waititi (5 Zimmer Küche Sarg) dagegen schon viel mehr. Statt einer Reise über die US-Highways, schlagen sich Vater (Sam Neill) und Adoptivsohn (Julian Dennison) hier jedoch durch den neuseeländischen Busch. Eine schöne Coming-Of-Age Geschichte, die mich dieses Jahr wohl am meisten zum Lachen gebracht hat. Leider tauchen Waititis Flight of the Conchords Stars nicht auf… dafür liefert wenigstens Rhys Darby einen wunderbar schrulligen Auftritt.

Platz 7: „Swiss Army Man“ (Kinostart: 13. Oktober)

7

von Daniel Kwan und Daniel Scheinert, mit Paul Dano und Daniel Radcliffe

Nicht weniger berührend, aber um einiges weirder ist das Regiedebüt der Musikvideo-Regisseure Dan Kwan und Daniel Scheinert (zusammen: The Daniels). Der Film lässt sich schwer beschreiben, vielleicht trifft es Cast Away mit Daniel Radcliffes furzender Leiche statt einem Volleyball am besten. Umso überraschender ist es, wie gut der Film als Tragikomödie bei einem breiten Publikum funktioniert. Denn sobald man aufhört, über die Furzgeräusche und Erektionen zu lachen, erwartet einen eine wirklich schöne Erzählung um Freundschaft und Einsamkeit.

Top 6: „American Honey“ (Kinostart: 13. Oktober)

6

von Andrea Arnold, mit Sasha Lane und Shia LaBeouf

Es ist erstaunlich, wie gut die Britin Andrea Arnold den Übergang von einem Londoner Council Estate zum Mittleren Westen der Vereinigten Staaten gemeistert hat. Die Britin beweist mit ihrem jüngsten Cannes Jury Preis tragenden Film, dass sie auch außerhalb Großbritanniens ein Gespür für soziale Spannungen und Außenseitergruppen besitzt. Sasha Lane ist nach Katie Jarvis (Fish Tank) ihre neueste und beste Entdeckung, aber auch mit Shia LaBeouf macht sie wunderbare Dinge.

Platz 5: „Mustang“ (Kinostart: 25. Februar)

5

von Deniz Gamze Ergüven, mit Güneş Nezihe Şensoy und Doğa Zeynep Doğuşlu

Ein Film, der einen mit seiner Darstellung einer repressiven, patriarchal-geprägten Gesellschaft richtig wütend machen kann. Doch gerade in den seltenen Ausbrüchen der Freiheit und Lebensfreude liegt die Stärke des Films.

Platz 4: „Anomalisa“ (Kinostart: 21. Januar)

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von Charlie Kaufman und Duke Johnson, mit den Stimmen von David Thewlis, Jennifer Jason Leigh und Tom Noonan

Zu Anomalisa habe ich Anfang des Jahres meine erste Kritik für CinemaForever geschrieben, weshalb der Film für mich natürlich immer eine besondere Stellung einnehmen wird. Er ist mir auch von allen Filmen, die damals noch mit einem Fuß im Jahr 2015 standen, am präsentesten geblieben, denn wie schon mit anderen Filmen Charlie Kaufmans (Adaption, Bein John Malkovich, Vergiss mein nicht & Synecdoche, New York) bietet sich sein erster Animationsausflug gut für erneutes Sehen und Überlegen an.

Platz 3: „Tangerine L.A.“ (Kinostart: 7. Juli)

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von Sean Baker, mit Kitana Kiki Rodriguez und Mya Taylor

Tangerine L.A. habe ich mir erst vor ein paar Tagen erneut angeschaut, denn das Drama um eine Transgender-Prostituierte, die auf der Suche nach ihrem Pimp/Freund ist, der sie mit einer Cisgender-Frau betrügt, ist ja eigentlich ein Weihnachtsfilm. Sean Baker fängt mit seinem iPhone und mithilfe von Laiendarstellern eine ganz besondere Energie ein, die ich so noch nie in einem Film verspüren konnte.

Platz 2: „Toni Erdmann“ (Kinostart: 14. Juli)

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von Maren Ade, mit Sandra Hüller und Peter Simonischek

Was soll ich noch zu Toni Erdmann, einem Film, der vermutlich auf jeder unserer Top 10 Listen stehen wird, sagen? Guter Film. Schöne Zeit. I like.

Platz 1: „The Lobster“ (Direct-to-DVD: 14. April)

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von Yorgos Lanthimos, mit Colin Farell und Rachel Weisz

Yorgos Lanthimos bringt die Greek Weird Wave nach Nordamerika. Zum Glück ist Athina Rachel Tsangari zurückgeblieben, um dieses Jahr mit Chevalier einen weiteren Eintrag zu dieser Welle hinzuzufügen. Böse kann man Lanthimos allerdings nicht sein, schließlich ist er nicht in Hollywood gelandet, sondern machte mit The Lobster einen wunderbaren, eigenartigen Indie-Film, der ihm dieses Jahr wohl viele neue Fans gewinnen konnte. Seine absurde Tragikomödie über eine dystopische Gesellschaft, in der Singles in einem Resort-Hotel innerhalb von 40 Tagen einen Partner finden müssen, ansonsten werden sie in ein Tier verwandelt, ist genial gespielt und inszeniert. Mal sehen, wie Lanthimos‘ nächster englischsprachiger Film (wieder mit Colin Farell) wird.

Und hier noch meine CinemaForever-Awards, die ich den glücklichen GewinnerInnen auf verschiedenste Art und Weise zukommen lassen werde:

Beste Darstellerin: Elizabeth Moss in Queen of Earth

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Bester Darsteller: Daniel Radcliffe in Swiss Army Man

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Newcomer/in des Jahres: Julian Dennison in Hunt for the Wilderpeople

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Lieblingsszene: Das Spiel zwischen Alden Ehrenreich und Ralph Fiennes in Hail, Caesar! 

Beste Bildgestaltung: The Witch (Kamera: Jarin Blaschke)

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Bester Blockbuster: Rogue One: A Star Wars Story 

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Größte Enttäuschung: Ein Hologramm für den König

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Schlechtester Film: Suicide Squad

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Beste Filmmusik: Arrival (Jóhann Jóhannsson), The Revenant (Ryuichi Sakamoto, Alva Noto & Bryce Dessner), High-Rise (Clint Mansell) & The Neon Demon (Cliff Martinez)

Bester Original Song: „Montage“ von Andy Hull und Robert McDowell (feat Paul Dano and Daniel Radcliffe) aus Swiss Army Man

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