Die besten Filme des Kinojahres 2016: Pascals persönliche Top 10

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Des Deutschen Bedürfnis nach Ordnung lässt sich natürlich auch zum Jahresende nicht einfach abschalten: Dementsprechend überflutet sieht man sich mit Jahresabrechnungen, die noch einmal fein-säuberlich auflisten, was das Kino eigentlich so verehrenswert macht und was es, auf der anderen Seite, für manchen Geek so manches Mal auch zu einer unvorstellbaren Qual erklärt. Aber: So eine letztes Rekapitulieren der Siegeszüge und Blindgänger des vergangenen Jahres macht doch immer wieder deutlich, dass das Licht dem Schatten letztlich durchaus überlegen ist, wenngleich es Unding bleibt, ein ganzes Jahr in ein Ranking von 10 Plätzen einzudampfen. 2016 war vielleicht kein Jahr, in dem das Cineastenherz unentwegt gerne und laut jubilieren durfte, aber es wurde zufriedengestellt, gesättigt, oftmals auch euphorisiert.

Meine kleine Top-10 soll an dieser Stelle einen kompakten Überblick dahingehend liefern, was 2016 erfolgreich um meine Gunst buhlen konnte, während anschließend noch einige persönliche CinemaForever-Awards vergeben werden. Viel Spaß mit meiner Liste!

Lobende Erwähnungen:

The Revenant (Alejandro González Inarritu), Entertainment (Rick Alverson), The Neon Demon (Nicolas Winding Refn), Son of Saul (Laszlo Nemes), Elliot, der Drache (David Lowery), Sully (Clint Eastwood), Green Room (Jeremy Saulnier), The End of the Tour (James Ponsoldt), Mein ein, mein alles (Maiwenn), Der Bunker (Nikias Chryssos), Batman v Superman: Dawn of Justice (Zack Snyder), Julieta (Pedro Almodovar)

Leider noch nicht gesehen:

Einfach das Ende der Welt (Xavier Dolan), Arrival (Denis Villeneuve), Café Society (Woody Allen), The Accountant (Gavin O’Connor), I, Daniel Blake (Ken Loach), Paterson (Jim Jarmusch), American Honey (Andrea Arnold), Mustang (Deniz Gamze Ergüven)

Platz 10: Triple 9 (Kinostart: 05. Mai)

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von John Hillcoat, mit Casey Affleck und Kate Winslet

Kartografische Schnittstellen werden fein-säuberlich abgesteckt, Atlanta erwacht zum pumpenden Körper und in ihm findet sich ein System, in dem alles verzahnt, geschichtet, auseinander getrieben und ganz eng zusammen gepresst scheint. Fluchtwege und Sackgassen spiegeln sich und verwachsen. Es ist ein von Korruption vergifteter und von Hektik angefeuerter Wust, bei dem Hillcoat niemals die Übersicht verliert, stattdessen liefert er einen der formal eindrucksvollsten Cop-Thriller des neuen Jahrtausends.

Platz 9: The Jungle Book (Kinostart: 14. April)

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von Jon Favreau, mit Neel Sethi und Idris Elba

Selten war ein derartiger Detailreichtum in den digitalen Visualisierungen auf der Leinwand zu bestaunen. All die Lebewesen, vom quirligen Stachelschwein zum imposanten Dickhäuter, sowie die exotischen Pflanzen im verwinkelten Geäst, evozieren eine wunderbar pittoreske Natürlichkeit. Da verstummen auch die Diskussionen, die sich mit Sinn und Unsinn, mit Notwendigkeit und Entbehrlichkeit dieser Produktion befassen, denn wenn Coming-of-Age und Integration schon so inspiriert und begeistert im Kinosaal erfahrbar sind, dann sollte man sich einfach fallen lassen.

Platz 8: Der Schamane und die Schlange (Kinostart: 21. April)

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von Ciro Guerra, mit Jan Bijvoet und Brionne Davis

Das ewige Grün des Urwalds strahlt, schreit, greift hier regelrecht aus der markanten Schwarz-Weiß-Ästhetik heraus und erklärt den mythologisierten Dschungel zur transzendentalen (Selbst-)Erfahrung, zur Werkstätte Gottes, hermetisch im Herzen der Finsternis verschlossen. Hier verlieren sich Menschen, hier finden sich Menschen, hier werden Menschen wiedergeboren.

Platz 7: Bone Tomahawk (Direct-to-DVD: 21. Januar)

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von S. Craig Zahler, mit Kurt Russell und Patrick Wilson

Was als konventionelles Abenteuer in ein entlegenes Gebiet beginnt, um eine Frau aus den Fängen von einer Horde Troglodyten zu befreien, wandelt sich nach und nach zu einer Reise ins Herz der Finsternis. Und das ist wörtlich zu nehmen. Der knarzige US-Western um vier Mannsbilder in der spröden Natur bedient sich nach und nach den Mechanismen der Exploitation – und es steht ihm. Der Geschmack von Blut auf der Zunge macht sich breit und der Atemrhythmus passt sich der unbehaglichen Stimmung an: Erst normal, dann immer flacher, bis nur noch ein Todesröcheln bleibt.

Platz 6: The Hateful 8 (Kinostart: 28. Januar)

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von Quentin Tarantino, mit Samuel L. Jackson und Jennifer Jason Leigh

Ohne Frage, es macht Spaß, diesem Film zu folgen, weil er nicht nur die üblichen Tarantino-Manierismen voller dialogisch-ästhetischem Schwung auf die Leinwand knallt, sondern auch, weil er den Zuschauer durch sein formidables Handwerk ohne Anlaufschwierigkeit in die Leinwand zieht. Weit über 20 Jahre dürfen wir nun Zeuge davon werden, wir sich Tarantino quer durch die Popkultur fräst und paraphrasiert, und sein Hunger scheint noch lange nicht gestillt. Zum Glück, möchte man angesichts The Hateful Eight meinen.

Platz 5: The Lobster (Direct-to-DVD: 14. April)

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von Yorgos Lanthimos, mit Collin Farrell und Rachel Weisz

Yorgos Lanthimos bringt die Greek Weird Wave nach Nordamerika. Zum Glück ist Athina Rachel Tsangari zurückgeblieben, um dieses Jahr mit Chevalier einen weiteren Eintrag zu dieser Welle hinzuzufügen. Böse kann man Lanthimos allerdings nicht sein, schließlich ist er nicht in Hollywood gelandet, sondern machte mit The Lobster einen wunderbaren, eigenartigen Indie-Film, der ihm dieses Jahr wohl viele neue Fans gewinnen konnte. Seine absurde Tragikomödie über eine dystopische Gesellschaft, in der Singles in einem Resort-Hotel innerhalb von 40 Tagen einen Partner finden müssen, ansonsten werden sie in ein Tier verwandelt, ist genial gespielt und inszeniert.

Platz 4: Raum (Kinostart: 17. März)

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von Lee Abrahamson, mit Brie Larson und Jacob Tremblay

Room ist so unheimlich wuchtig in seiner Schönheit und seinem Schmerz, dass die einfache Erkenntnis, über die alleinige Entscheidungsmacht zu verfügen, welche Türen man öffnet und welche man schließt, wahrhaft ergreifend auf den Zuschauer einwirkt. Und Brie Larson? Die Frau ist ein Segen für die Schauspielwelt. Die Meisterschaft ihres Können liegt in ihrer aufopferungsvollen Natürlichkeit. Bravourös.

Platz 3: In den Tiefen des Infernos (Video on Demand: 28 Oktober)

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von Werner Herzog, mit Werner Herzog und Clive Oppenheimer

Der Vulkan als transzendente Erfahrung. Und ausgehend von diesem Gedanken, dass im pyroklastischen Strahl Leben und Tod in einem ganz und gar reziproken Verhältnis verweilen, erschafft Werner Herzog mit In den Tiefen des Infernos erneut ein großes, ja, zuweilen gar lyrisches Werk über das Wesen der Natur, den Menschen und darüber, dass sich beide Parteien immer im Klaren über ihre ewig währende Verbindung sein sollten.

Platz 2: Wiener Dog (Kinostart: 28. Juli)

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von Todd Solondz, mit Greta Gerwig und Danny DeVito

Wiener Dog ist – auch das ist charakteristisch für Todd Solondz – an Menschen interessiert, die sich in existentiellen Einbahnstraßen befinden. Menschen, die sich aus Bequemlichkeit oder aus Angst in Sackgassen haben treiben lassen und dem bitteren Verlauf ihrer Lebenslinien nun insgeheim nachtrauern, weil ihnen nur Einsamkeit geblieben ist. Offen ansprechen würde es natürlich niemand, die Lebenslüge ist hier der profilneurotische Status quo.

Platz 1: Toni Erdmann (Kinostart: 14. Juli)

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von Maren Ade, mit Sandra Hüller und Peter Simonischek

Hier gibt es keine Vorspiegelung falscher Tatsachen, keine Verklausulierung, jede filmische Ebene, jedes Tableau, jede Regung, spricht hier die Sprache der Authentizität. Und diese Authentizität, dieser Naturalismus, ist unglaublich. Unglaublich bissig, unglaublich ehrlich, unglaublich ergreifend, unglaublich lustig, unglaublich schmerzhaft. Toni Erdmann erzählt von den Schwierigkeiten unserer Zeit, glücklich zu werden, weil wir mit Konflikten zu ringen haben, die wir erst zu behandeln lernen müssen, aber keine Chance bekommen, uns die Zeit dafür zu nehmen. Er erzählt von einer ins Ungleichgewicht geratenen Vater-Tochter-Beziehung, von emotionaler Versteinerung und zwischenmenschlichem Erwachen, von Konformitätszwängen und Maskeraden, die wir brauchen, um alle Masken fallen zu lassen. Humor ist, wenn man trotzdem lebt.

Und hier noch meine CinemaForever-Awards, die ich den glücklichen GewinnerInnen auf verschiedenste Art und Weise zukommen lassen werde:

Beste Darstellerin: Sandra Hüller in Toni Erdmann

1

Bester Darsteller: Jesse Eisenberg in The End of the Tour

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Newcomer/in des Jahres: Jacob Tremplay in Raum

3

Lieblingsszene: Sandra Hüllers aufopferungsvolle Darbietung von Whitney Houstons Greatest Love of All. Die Palette an Emotionen, die allein diese Szene abdeckt, verweist nicht nur auf die Qualität von Toni Erdmann, sondern ganz besonders auf Hüllers sagenhafte Performance.

Beste Bildgestaltung: The Hateful Eight (Kamera: Robert Richardson)

4

Bester Blockbuster: Rogue One: A Star Wars Story

5

Größte Enttäuschung: Blair Witch

6

Schlechtester Film: Independence Day 2: Wiederkehr

7

Beste Filmmusik: The Hateful Eight (Ennio Morricone), The Neon Demon (Cliff Martinez), Batman v Superman: Dawn of Justice (Hans Zimmer & Junkie XL), Triple 9 (Bobby Krlic, Atticus Ross, Leopold Ross, Claudia Sarne)

Bester Original Song: Waving Goodbye von Sia aus The Neon Demon

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