Die besten Filme des Kinojahres 2016: Philippe stellt seine Lieblinge vor

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Wie immer zum Anfang die kurze, aber wichtige Anmerkung: Für meinen Jahresrückblick habe ich erneut nur diejenigen Filme berücksichtigt, die innerhalb des Jahres 2016 ihren deutschen Kinostart feierten bzw.  direkt auf DVD oder im deutschen Fernsehen erschienen sind.

In dieser Hinsicht ist dieses Jahr für mich persönlich dann auch ein im Großen und Ganzen schwaches Kinojahr gewesen, welches zwar zahlreiche sehenswerte Filme zu bieten hatte, jedoch nur wenige, die sich bei mir dauerhaft ins Gedächtnis gebrannt haben und mich noch Monate später beschäftigen.

Allerdings, und deswegen dürft ihr euch bereits auf das kommende Kinojahr freuen, hatte ich die Ehre bereits zahlreiche hervorragende Filme auf dem diesjährigen Toronto International Film Festival zu sehen, die erst 2017 ihren Weg in die deutschen Kinos finden werden. Darunter beispielsweise, nur um mal zwei meiner Toronto-Highlights zu nennen, das in allen Belangen magische Musical La La Land (welches nicht ohne Grund als einer der großen Favoriten bei der kommenden Oscar-Verleihung ins Rennen gehen wird), sowie auch die großartige Horror-Überraschung Raw, die ich vor dem Festival überhaupt nicht auf dem Schirm hatte.

Nun aber genug der Worte, dies ist meine Top 10 der Filme, welche mich in diesem Jahr am meisten bewegt, zum Nachdenken gebracht oder einfach nur grandios unterhalten haben. Im Anschluss gibt es zudem, so wie es bei uns seit Jahren Tradition ist, meine CinemaForever-Awards. Viel Spaß beim Lesen!

Lobende Erwähnungen:

Anomalisa (Charlie Kaufman), Hail Caesar (Ethan & Joel Coen), Dope (Rick Famuyiwa), Everybody Wants Some (Richard Linklater) und Mustang (Deniz Gamze Ergüven)

Leider noch nicht gesehen:

Right Now, Wrong Then (Hong Sang-soo), Magical Girl (Carlos Vermut), Einfach das Ende der Welt (Xavier Dolan), The Wispering Star (Shion Sono), Train to Busan (Yeon Sang-ho) und Der Schamane und die Schlange (Ciro Guerra)

Platz 10: “In den Tiefen des Infernos” (Netflix: 28. Oktober)

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von Werner Herzog, mit Werner Herzog und Clive Oppenheimer

Warum Werner Herzog einer der einflussreichsten Regisseure seiner Zeit ist, muss ich wohl nicht mehr näher ausführen. Sowohl beim Spiel- als auch beim Dokumentarfilm bestimmt der deutsche Regiemeister seit Jahrzehnten grundlegend mit. Und auch seine neue Dokumentation Into the Inferno hat, dank Herzogs grandioser Recherchearbeit, wieder unglaublich viel zu bieten, sowohl inhaltlich als auch visuell. Herzog schickt uns auf eine Vulkan-Erkundung rund um die Erde, wie sie eindrucksvoller nicht hätte ausfallen können. U.a. auf Vanuato, Island, Indonesien und sogar in Nordkorea durfte Herzog drehen und die Geschichte von Vulkanen und deren Bedeutung für die verschiedensten Vöker analysieren, um die Vulkane dann sowohl von wissenschaftlicher als auch von religiöser Seite zu beleuchten und schließlich in einen globalen Kontext zu setzen – „Men can only survive because of the atmosphere volcanos create.“ – Für diese involvierte Recherche lieben wir Herzog-Dokus, und getoppt wird das alles dann nur noch von den unglaublichen Panorama- und Innenaufnahmen der Vulkanlandschaften.

Platz 9: “Zoomania” (Kinostart: 3. März)

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von Byron Howard und Rich Moore, mit Ginnifer Goodwin und Jason Bateman

Ich bin alles andere als ein Fan von Disney-Filmen vergangener Jahre, doch was das Studio mit Zoomania auf die Beine gestellt hat ist für mich nicht weniger, als einer der imposantesten Familien-Filme der jüngeren Kinogeschichte. Mehr dazu in der Kritik meines Mitautors Conrad.

Platz 8: “Julieta” (Kinostart: 04. August)

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von Pedro Almodóvar, mit Adriana Ugarte und Emma Suárez

Dem spanischen Regisseur Pedro Almodóvar hat das Kino paar der interessantesten Frauen der letzten 30 Jahre zu verdanken. Diesem Trend folgt er nun auch in seinem neuen Film, der zwar auf den ersten Blick nicht unbedingt eine seiner herausragendsten Arbeiten ist, der mit der Zeit aber definitiv Eindruck hinterlässt. Es ist einfach mal wieder bemerkenswerte Kunst, wie sehr in Julieta das Drehbuch, die Regie und die Schauspieler miteinander harmonieren. Die Tragik des Vergänglichen, Schuld und Sühne, und der Verlust einer von uns geliebten Person sind nur drei große Themen, die sich hier gekonnt in eine durch und durch zu Tränen rührende, aber nie aufgesetzt oder konstruiert wirkende Geschichte fügen. Almodóvar ist halt, trotz seines kleinen Debakels Fliegende Liebende, nach wie vor eine der großen Meister seines Fachs.

Platz 7: “The Hateful Eight” (Kinostart: 28. Januar)

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von Quentin Tarantino, mit Samuel L. Jackson und Kurt Russell

Gleiches wie für Almodóvar gilt übrigens auch für Quentin Tarantino, der mich zuletzt mit Django Unchained vollkommen enttäuschte. The Hateful Eight ist nun aber – glücklicherweise – ein ganz anderer Western geworden, eine nur schwer zu verdauende Psychoanalyse politischer Geschehnisse, in der Tarantino mit aktuellen Missständen in den USA, allen voran dem allgegenwärtigen Rassismus, brutal und eiskalt abrechnet. Das großartige Schauspiel, der pulsierende Score von Ennio Morricone und Tarantinos brillante Regie sorgen insgesamt, trotz des überlangen Prologs und der Spieldauer von fast drei Stunden, für ebenso intelligente wie kurzweilige Unterhaltung.

Platz 6: “Ich, Daniel Blake” (Kinostart: 24. November)

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von Ken Loach, mit Dave Johns und Hayley Squires

Die Konkurrenz war enorm, doch Ich, Daniel Blake wurde dieses Jahr meiner Meinung nach nicht ganz unverdient mit der goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet. Sicherlich trägt Regisseur Ken Loach manchmal etwas zu dick auf, wenn er die asozialen Seiten unseres angeblich so perfekten Sozialsystems aufdeckt. Sicherlich bedient er sich dabei auch einiger unumgänglicher Klischees. Ich, Daniel Blake ist jedoch alles in allem die Art von großen Sozialdramen, die es aktuell mehr denn je braucht, um auf Missstände in unserer Gesellschaft hinzuweisen. Obendrein ist der Film so dermaßen gekonnt und auf den Punkt erzählt, gespielt und inszeniert, wie ich es in dieser Art von Film selten erlebt habe.

Platz 5: “Kindkind” (arte: 25. Februar)

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von Bruno Dumont, mit Bernard Pruvost und Alan Delhaye

Diese eigentlich als Mini-Serie angelegte dreieinhalbstündige Provinz-Krimi-Komödie ist für mich eine der unglaublichsten und unkonventionellsten filmischen Erfahrungen des Jahres. Wie es Bruno Dumont hier in seiner besten Regiearbeit seit Humanität gelingt, den Zuschauer über die volle Laufzeit ein Dauergrinsen ins Gesicht zu zaubern und gleichzeitig eine todernste Geschichten zu erzählen, ist einfach nur großartig. Leider schaffte es der Film in Deutschland weder in die Kinos noch auf DVD, sondern wurde Anfang des Jahres nur auf arte gezeigt.

Platz 4: “The Neon Demon” (Kinostart: 23. Juni)

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von Nicolas Winding Refn, mit Elle Fanning und Jena Malone

„Beauty isn’t everything. It’s the only thing.“ Nicolas Winding Refn führt uns in seiner radikalsten Regie-Arbeit seit Valhalla Rising in perfekt stilisierten, auf den ersten Blick oberflächlichen Bildern unsere traurig-banale Modewelt vor, in der junge Frauen über Leichen gehen, um eine namhafte Größe zu werden. Fernab des guten Geschmacks – der ja laut Refn den größten Feind der Kreativität darstellt – ist The Neon Demon ein visuell atemberaubender, manchmal schwer zu fassender Horror-Trip, der mich von der ersten bis zur letzten Minute in einen dermaßen packenden Bann gezogen hat, wie ich es nur noch selten im Kino erlebe.

Platz 3: “The Lobster” (Direct-to-DVD: 14. April)

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von Giorgos Lanthimos, mit Rachel Weisz und Colin Farrell

The Lobster habe ich nach wie vor nicht vollkommen erfasst, denn was der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos mit dieser dystopischen, tragikomischen Romanze, in der Singles laut Gesetz in eine Klinik abgeschoben werden, in der sie entweder innerhalb von 45 Tagen einen Partner fürs Leben finden müssen oder nach Ablauf der Frist bestraft und in ein Tier ihrer Wahl verwandelt werden, auf die Beine gestellt hat, ist eine meiner ungewöhnlichsten, wunderbarsten Kinoerlebnisse des letzten Jahres. Nach diesem innovativen und ebenso traurigen wie schwarz-humorigen Gesellschaftsdrama bin ich bereits sehr gespannt auf Lanthimos nächsten Film The Killing of a Sacred Deer.

Platz 2: “Divines” (Netflix: 18. November)

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von Uda Benyamina, mit Oulaya Amamra und Déborah Lukumuena

Divines ist eine der filmischen Überraschungen des Jahres. Der diesjährige Gewinner der Caméra d’Or in Cannes erzählt die aufrüttelnde Geschichte zweier Mädchen, die einfach nur davon träumen, aus ihrem Elendsleben in den Pariser Vorstädten auszubrechen – aber auch vom großen finanziellen Wurf: „Money. Money. Money.“ Regisseurin Uda Benyamina ist mit ihrem Debütfilm ein einerseits lebensnahes Gesellschaftsporträt gelungen, welches gekonnt das komplexe Lebensgefüge – geprägt durch traditionelle Werte, Armut, Chancenlosigkeit – der Pariser Vorstädte schildert. Auf der anderen Seite ist Divines ein Feuerwerk an Emotionen, welches nicht an großen erzählerischen Gesten spart, die wir sonst zumeist nur aus großen Hollywood-Produktionen kennen. Sentimental, aber lebensnah. Poetisch und originell. So humorvoll wie tragisch. Divines ist großes, relevantes, humanistisches Kino und in seiner Eleganz einer der absolut bewundernswertesten Filme des Jahres.

Platz 1: “Toni Erdmann” (Kinostart: 14. Juli)

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von Maren Ade, mit Sandra Hüller und Peter Simonischek

Wenn mir jemand im Januar jemand  gesagt hätte, dass es ein deutscher Film auf den Platz 1 meiner besten Filme des Jahres schaffen würde, dann hätte ich denjenigen wohl für verrückt erklärt. Doch da konnte ja noch niemand damit rechnen, dass Regisseurin Maren Ade mit ihrem fast dreistündigen Vater-Tochter-Epos Toni Erdmann die Filmwelt begeistern wird. Ihr ist ein Kinoerlebnis geglückt, welches anhand seiner tragischen Frauenfigur die inhumanen Seiten des Kapitalismus offenlegt und aufgrund der erzählerischen Finesse, welche Ade von der ersten bis zur letzten Szene an den Tag legt, mit zu den großen Ausnahmewerken der letzten Jahre zu zählen ist.

Wie angekündigt, war es das noch nicht ganz mit dem Jahresrückblick. Im Folgenden gibt es jetzt noch meine Verleihung der CinemaForever-Awards:

Beste Darstellerin: Sandra Hüller in Toni Erdmann

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Bester Darsteller: Colin Farrell in The Lobster

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Newcomer/in des Jahres: Oulaya Amamra in Divines, Hayles Squires in Ich, Daniel Blake und Alane Delhaye in Kindkind

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Lieblingsszene: Sandra Hüllers tragikomische Gesangseinlage in Toni Erdmann zu Whitney Houstons „Greatest Love of All“

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Beste Bildgestaltung: The Neon Demon (Kamera: Natasha Braier)

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Bester Blockbuster: Rogue One: A Star Wars Story von Gareth Edwards, der zwar nicht ganz ohne Schwächen auskommt, aber dennoch einer der wichtigsten, weil diskussionswürdigsten Blockbuster seit langer Zeit ist.

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Größte Enttäuschung: American Honey von Andrea Arnold

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Schlechtester Film: Deadpool von Tim Miller, der aufgrund seiner unerträglichen Selbstverliebheit den für mich nervigsten Film des Jahres darstellt. Weitere Flops: Independence Day 2: Wiederkehr (Roland Emmerich), Gods of Egypt (Alex Proyas), Lap Dance (Greg Carter), Midnight Special (Jeff Nichols) und Der junge Messias (Cyrus Nowrasteh)

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Beste Filmmusik des Jahres: The Neon Demon (Cliff Martinez, Julian Winding), The Hateful Eight (Ennio Morricone), Zoomania (Michael Giacchino), Rogue One: A Star Wars Story (Michael Giacchino), Kubo and the Two Strings (Dario Marianelli)

Bester Original Song: ”Waving Goodbye” von Sia aus The Neon Demon

Beste Song-Compilation: Dope (Songs von Awreooh)

Weitere Jahreslisten: