Die besten Filme des Kinojahres 2017: Dominic stellt seine Lieblinge vor

Ein weiteres Jahr neigt sich seinem Ende entgegen. Für die Filmwelt bedeutet das in erster Linie Bestenlisten, Bestenlisten und noch mehr Bestenlisten. Und weil die Begeisterung für Jahresrückblicke wohl nie abreißt, lasse ich es mir an dieser Stelle nicht nehmen, ebenfalls auf meine Höhe- und auch Tiefpunkte der vergangenen 365 Tage hinzuweisen. Abschließend darf man 2017 wohl guten Gewissens zu einem der besseren Jahrgänge der jüngeren Vergangenheit zählen, auch wenn quantitativ die altbekannte Ideenlosigkeit dominiert hat (nicht nur innerhalb Hollywoods, sondern auch im Weltkino). Umso erfreulicher sind dann eben doch die zahlreichen Neuentdeckungen, Erstlingswerke und Überraschungen, die Ende des letzten Jahres noch kaum einer auf dem Schirm hatte. Und auch bei den bewährten Filmemachern freut man sich doch ein ums andere Mal, wenn diese sich nicht dem künstlerischen Ausverkauf hingeben, sondern ihren eigenen Prinzipen treu bleiben.

Wie so oft gilt, dass meine Aufzählung keinesfalls in Stein gemeißelt ist. Möglicherweise nötige Zweitsichtungen blieben aus, ebenso wie wohl eine Unzahl an Filmen unbemerkt an mir vorbeigezogen sind. Nichtsdestotrotz habe ich mehr als 100 Werke mit einer deutschen Erstveröffentlichung im Jahr 2017 gesehen. Im (Heim)kino habe ich gelacht, geweint und geflucht, bin ebenso oft überrascht wie enttäuscht worden. Was bleibt ist meine bescheidene Aufzählung, die sicherlich ein treffender Abriss meines ganz persönlichen Filmjahres darstellt.

Lobende Erwähnungen:
Jackie (Pablo Larraín), Mein Leben als Zucchini (Claude Barras), La La Land (Damien Chazelle), John Wick: Kapitel 2 (Chad Stahelski), Neruda (Pablo Larraín), The Eyes of My Mother (Nicolas Pesce), Wo die wilden Menschen jagen (Taika Waititi), Die Verführten (Sofia Coppola), Get Out (Jordan Peele), Moonlight (Barry Jenkins), In a Valley of Violence (Ti West)

Sehenswerte Blockbuster:
Logan (James Mangold), Kong: Skull Island (Jordan Vogt-Roberts)

Die hörenswerteste Filmmusik des Jahres:
Jackie (Mica Levi), La La Land (Justin Hurwitz), Die Taschendiebin (Chan-wook Park), The Bad Batch (Ana Lily Amirpour)

Leider noch nicht gesehen:
Happy End (Michael Haneke), The Square (Ruben Östlund), Nocturama (Bertrand Bonello), Suburra (Stefano Sollima), Loving Vincent (Dorota Kobiela, Hugh Welchmann), Una und Ray (Benedict Andrews), Coco (Lee Unkrich), Good Time (Ben & Joshua Safdie), Schloss aus Glas (Destin Daniel Cretton)

Die Enttäuschungen des Jahres:
Lion (Garth Davis), The Birth of a Nation (Nate Parker), Dunkirk (Christopher Nolan), Hacksaw Ridge (Mel Gibson), mother! (Darren Aronofsky), Detroit (Kathryn Bigelow), Wonder Woman (Patty Jenkins), ES (Andres Muschietti), 120 BPM (Robin Campillo). Auf Filme, bei denen bereits im Vorfeld nichts zu erwarten war, habe ich an dieser Stelle verzichtet.

Platz 15: Lady Macbeth (Kinostart: 02. November)

von William Oldroyd, mit Florence Pugh und Cosmo Jarvis

Reduktion ist hier Trumpf. Gekonnt spielt die intrigenreiche Geschichte mit der Erwartungshaltung ihrer Zuschauer und findet trotz spärlicher Mittel zu überaus intensiven Momenten. Obgleich die Kamera Florence Pugh immer wieder an den Rand des Bildausschnitts drängt, ist sie mit der immersiven Darbietung ihrer Gefühlswelt die größte Entdeckung des Films.

Platz 14: The Bad Batch (Direkt auf Netflix: 22. September)

von Ana Lily Amirpour, mit Suki Waterhouse und Keanu Reeves

Ein Film für die Sinne. Wer großen Wert auf Handlung und dramaturgische Regeln legt, der wird mit dem spärlichen Narrativ des Films kaum glücklich werden. Alle anderen dürfen sich von Ana Lily Amirpour in eine atmosphärisch dichte, in ihrem Wahnsinn überraschend stimmige und herrliche absurde Welt entführen lassen. Die stilistisch gekonnt strukturierte Inszenierung und der elektronisch-poppige Soundtrack tragen mühelos durch die zwei Stunden der überaus sehenswerten Kannibalenromanze.

Platz 13: Die versunkene Stadt Z (Kinostart: 30. März)

von James Gray, mit Charlie Hunnam und Sienna Miller

Mit gemächlichen Tempo und opulenten Bildern huldigt Regisseur James Gray dem Drang der Entdecker, den Abenteurern und Pionieren. Ein Film voller Abschiede, immer wieder schmerzlich und doch gleichzeitig ein hoffnungsvoller Aufbruch. Die Aufnahmen des Dschungels, einnehmend, faszinierend und gefährlich, tragen maßgeblich zur elegischen Stimmung des Films bei. Es ist weniger die im positiven Sinne konventionelle und gemächlich erzählte Dramaturgie, die dem Film zu seinem verlockenden Sog verhilft, sondern vielmehr seine betörenden Bilder und die dichte Atmosphäre.

Platz 12: Certain Women (Kinostart: 02. März)

von Kelly Reichardt, mit Michelle Williams und Kristen Stewart

Drei Frauen. Drei Geschichten. Drei Schicksale. Angeführt von der Speerspitze amerikanischer Schauspielkunst handelt das Werk vom Leben selbst – und das ohne sich dabei in Allgemeinplätzen zu verlieren. Kelly Reichardt verzichtet auf Eindeutigkeiten, ein Grund warum ihr Werk emotional so stark nachhallt.

Platz 11: Manchester by the Sea (Kinostart: 16.Februar)

von Kenneth Lonergan, mit Casey Affleck und Michelle Williams

Nicht jede Wunde kann geheilt, nicht jedes Problem gelöst werden. Es gibt Einschnitte, die ein Leben unweigerlich und ohne Vorwarnung für immer verändern. Mit den schlichten Buchstaben des Abspanns ist auch unsere fast schon törichte Hoffnung dahin, es würde unerwartet Rettung und Hilfe nahen, wie es in Hollywood doch so oft der Fall ist. Doch Manchester by the Sea ist ein Film wie das Leben selbst und deshalb bestenfalls an Kompromisse und nicht an Lösungen interessiert.

Platz 10: Western (Kinostart: 24. August)

von Valeska Grisebach, mit Meinhard Neumann und Reinhardt Wetrek

Western ist ein Werk der Ambivalenz. Oftmals steht die Stimmung auf der Kippe, droht am Siedepunkt überzukochen, was die Nähe zu etwaigen Genrevorbildern unterstreicht. Grisebach hantiert zunächst mit Klischees, nur um diese nach und nach aufzubrechen. Die allgegenwärtige Sprachbarriere ist sowohl Fluch und Segen, Reibepunkt und Schutzmechanismus. In seinen stärksten Momenten transzendiert Western Sprache, macht deutlich, dass Emotionen, Verständnis und Kommunikation auch ohne sie möglich sind.

Platz 09: Der Ornithologe (Kinostart: 13. Juli)

von João Pedro Rodrigues, mit Paul Hamy und Xelo Cagiao

Vom Wahnsinn geschwängert verwebt das Werk diverse Gedankengänge und Ansätze zu seiner völlig eigenen Mythologie. Die vielleicht eigensinnigste Seherfahrung des Jahres zählt zeitgleich zu den beeindruckendsten Filmen des Jahres.

Platz 8: Silence (Kinostart: 02. März)

von Martin Scorsese, mit Andrew Garfield und Adam Driver

Ein filmischer Kraftakt, ein erfahrbares Martyrium. Hier bedeutet zu Glauben nicht mehr nur zu Leiden, sondern vor allem auch zu Zweifeln. Die erhabenen und ruhigen Bilder des Films leben nicht nur von ihrem expressionistischen Ausdruck, sondern ihnen scheint auch eine unglaubliche Intensität inne zu wohnen. Bemerkenswert, führt man sich vor Augen, dass Silence vor allem ein Film der inneren Konflikte ist.

Platz 7: Elle (Kinostart: 16. Februar)

von Paul Verhoeven, mit Isabelle Huppert und Laurent Lafitte

Bitterböse und doch empathisch. Paul Verhoevens großartiges Comeback zersetzt gängige Genrestrukturen und überführt die zunächst angedeutete Rape-and-Revenge Geschichte in eine provokative Reflektion über weibliche Lust. Beeindruckend, wie spielerisch er dabei seine unzähligen Versatzstücke zusammenführt.

Platz 06:  The Wailing – Die Besessenen (Kinostart: 12. Oktober)

von Na Hong-jin, mit Do-Won Kwak und Hwang Jeong-min

Unbekümmert andersartig, frei und kreativ. Immer wieder schweift er dabei ab, um sich in atmosphärischer Tristesse dem Leid und der Verwirrung seiner Figuren zu widmen. Über weite Strecken ist man der Hauptfigur gleich im schieren Wahnsinn der Situation gefangen, ohne dabei einen wirklichen Ausweg zu erkennen. Fein laufen die Fäden gegen Ende zusammen und entspinnen das vormals so chaotische Knäul.

Platz 05: Blade Runner 2049 (Kinostart: 05. Oktober)

von Denis Villeneuve, mit Ryan Gosling und Harrison Ford

Konsequent weitergedacht, ohne seinem großen Vorbild sklavisch verfallen zu sein. Blade Runner 2049 hat die Frage nach Menschlichkeit längst hinter sich zurückgelassen. Villeneuve streift durch eine zerfallene Welt, suhlt sich im Versagen von Technologie und stößt dabei nichtsdestotrotz auf ein Wunder.

Platz 4: Personal Shopper (Kinostart: 19. Januar)

von Olivier Assayas, mit Kristen Stewart und Lars Eidinger

Abseits von seiner inhaltlichen Zerfahrenheit erzählt Olivier Assayas durch seine Bilder überaus stimmig und prägnant. Personal Shopper spielt vor allem zwischen den Zeilen, bündelt seine Ambivalenz in Form von Stewarts Selbstfindung und findet Harmonie in scheinbaren Gegenteilen. Ein filmgewordener Trauerprozess, ein Zeuge unserer Zeit.

Platz 3: The Killing of a Sacred Deer (Kinostart: 28. Dezember)

von Yorgos Lanthimos, mit Colin Farrell und Nicole Kidman

Eine Operation am offenen Herzen. Einmal mehr sind Lanthimos Figuren außerstande mit ihren Emotionen umzugehen, was in bizarren Dialogen, unverständlichen Posen und radikalen Bildern gipfelt. The Killing of a Sacred Deer zeigt mehr von dem, was wir bereits kennen. Das ist noch immer großartig, weil es aktuell keinen Regisseur außer Lanthimos gibt, der moralische und gesellschaftliche Diskurse so skurril, eigensinnig, verstörend und nichtsdestotrotz präzise reflektiert wie er.

Platz 02:  Die Taschendiebin (Kinostart: 05. Januar)

von Park Chan-wook, mit Kim Min-hee und Tae Ri Kim

Ein erzählerischer Höhepunkt, ein ästhetischer Genuss. Angenehm verschachtelt erzählt der Film von Ausbruch und Selbstbestimmung, findet seine Kraft in aufregenden Details. Park beweist indes erneut, dass er zu den begnadetsten Filmemachern unserer Zeit gehört.

Platz 01: A Ghost Story (Kinostart: 07. Dezember)

von David Lowery, mit Rooney Mara und Casey Affleck

Ein glühender Stern am Firmament. Jede Berührung, jeder Blick, jede Geste – und sei es nur ein angedeutetes Lächeln – zu dem Zärtlichsten, was es in den vergangenen Jahren auf der großen Leinwand zu bestaunen gab. Wie kaum einem anderen Filmemacher gelingt es David Lowery diesen formlosen Emotionen eine Kontur zu verleihen und so begreift er Liebe als die einzige Möglichkeit, sich wenigstens für einen Augenblick als Teil dieser Welt zu verstehen.

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