Die besten Filme des Kinojahres 2017 – Leonhard stellt seine Lieblinge vor

Wenn ich auf mein Film- und Serienjahr 2017 zurückblicke, dann fällt mir direkt auf, wie sehr sich meine Sehgewohnheiten verändert haben. Wo ich letztes Jahr noch voll auf der `Peak TV´ Welle mitreiten wollte und mir keine Serie entgehen lassen wollte, bin ich dieses Jahr tatsächlich etwas wählerischer geworden. Exemplarisch hierfür sehe ich die siebte Staffel Game of Thrones, bei der ich teilweise sehr tief in eine Art hatewatching abgerutscht bin und die ich vor allem aus Pflichtgefühl mitverfolgt habe. In einem Jahr in dem in der US-TV-Landschaft knapp 500 `scripted´ Serien ausgestrahlt oder gestreamt werden, dabei schon 35% aller Befragten in einer Studie sich über ein zu großes Angebot beschweren, und Giganten wie Apple und Disney eigene Streaming-Services für 2018 ankündigen, fand ich den neuen Ansatz von Netflix CEO Reed Hastings besonders ansprechend: “Our hit ratio is way too high right now. […] We have to take more risk; you have to try more crazy things. Because we should have a higher cancel rate overall.”

Das war dieses Jahr, überwiegend aber nicht ausschließlich, mein neues Serienmantra: Lieber viele neue Serie ausprobieren, statt aus reiner Gewohnheit Serien weiterzuschauen, die mit ihrem fortschreitenden Alter nichts Neues zu erzählen haben. So habe ich die neuen Staffeln House of Cards und Orange is the New Black komplett ignoriert, dafür aber unbekannteren Serien wie Angie Tribeca und UnReal endlich mal eine Chance gegeben (beide sehr gut!). Dieses Jahr hatte ich, wahrscheinlich gerade deswegen, dann auch mehr Zeit und Energie für Kinobesuche. Was mir beim Zusammenstellen meiner Top 15 aufgefallen ist, ist dass mir Filme mit einfachen Geschichten und Ambitionen gut gefallen haben. Vielleicht gerade weil ich eine gut abgerundet und abgeschlossene Erzählung in Zeiten des `Peak TV´ und `Universe Building´ besonders schätzen kann.

Wie immer fiel es mir schwer, die Filme der letzten Oscarsaison fair zu bewerten. Ich kann Moonlight und La La Land einfach noch nicht ganz von ihrem Oscarhype trennen, weshalb jetzt beide aus meiner Liste gefallen sind, obwohl ich sie, glaube ich, sehr mochte. Das nur vorweg als Info. Hier meine Liste:

Lobende Erwähnungen, immer eine Sichtung wert:
Jackie (Pablo Larraín),  Moonlight (Barry Jenkins), Nocturama (Bertrand Bonello), Dunkirk (Christopher Nolan) The Meyerowitz Stories (New and Selected) (Noah Baumbach), Mother! (Darren Aronofsky), Die Verführten (Sofia Coppola), 120 BPM (Robin Campillo), God’s Own Country (Francis Lee), Lady Macbeth (William Oldroyd), A Ghost Story (David Lowery), La La Land (Damien Chazelle), I Am Not Madame Bovary (Feng Xiaogang), The Mermaid (Stephen Chow), Die versunkene Stadt Z (James Grey), Baby Driver (Edgar Wright), Personal Shopper (Olivier Assayas) & Fremd in der Welt (Macon Blair)

Herausragende Blockbuster:
Thor 3: Tag der Entscheidung (Taika Waititi), Blade Runner 2049 (Denis Villeneuve), Planet der Affen: Survival (Matthew Reeves) & Logan (James Mangold)

Die hörenswerteste Filmmusik des Jahres:
Jackie (Mica Levi), Good Time (Oneohtrix Point Never), A Silent Voice (Kensuke Ushio) & Patti Cake$ (Geremy Jasper & Jason Binnick)

Leider noch nicht gesehen:
Jahrhundertfrauen (Mike Mills), Der die Zeichen liest (Kirill Serebrennikov), Der Ornithologe (Joao Pedro Rodrigues), Neruda (Pablo Larraín), Die irre Heldentour des Billy Lynn (Ang Lee), The Party (Sally Potter), Paddington 2 (Paul King), Empörung (James Schamus), Silence (Martin Scorsese) & Logan Lucky (Steven Soderbergh)

Die Flops des Jahres:
Ghost in the Shell (Rupert Sanders)

Größte Enttäuschungen:
Schloss aus Glas (Destin Daniel Cretton) & The Killing of a Sacred Deer (schon ein bisschen) (Yorgos Lanthimos)

2018 – meine meisterwarteten Filme:
Isle of Dogs (Wes Anderson), Call Me By Your Name (Luca Guadagnino), Der seidene Faden (Paul Thomas Anderson), Lady Bird (Greta Gerwig), Loro (Paolo Sorrentino), The Death of Stalin (Armando Iannucci), Shape of Water (Guillermo Del Toro), The Man who killed Don Quixote (Terry Gilliam), Suspiria (Luca Guadagnino) & The Favourite (Yorgos Lanthimos)

Platz 15: The Square (Kinostart: 19. Oktober)

von Ruben Östlund, mit Claes Bang und Elisabeth Moss

Nach seiner genialen, aber doch sehr tristen und trostlosen letzten Regiearbeit „Force Majeur“, ist es angenehm überraschend zu sehen, dass Ruben Östlund sich in seiner tragikomische Gesellschaftskritik nicht vor etwas Satire scheut. Gerade mit den unerwartet lustigen Szenen zwischen Claes Bang und Elisabeth Moss kann er in The Square überzeugen.

Platz 14: Die Taschendiebin (Kinostart: 05.01.)

von Park Chan-wook, mit Kim Min-hee und Tae Ri Kim

Auch bei Die Taschendiebin hat mir gefallen, dass Park Chan-wook, nach seinem kurzen Ausflug nach Hollywood und seiner fortgehend ansteigenden internationalen Bekanntheit, sich mit seinem neuen Film nicht zu ernst nimmt und auch noch mit einem Augenzwinkern die vielen Twists und Exploitation-Genre-Elemente des bewusst überzeichneten Erotik-Thrillers inszenieren kann. Kim Min Hee ist wie immer genial in der Hauptrolle und ein integraler Bestandteil des effektiven und unterhaltsamen Mystery-Spiels des Films.

Platz 13: Raw (Direct-to-DVD: 26. Oktober)

von Julia Ducournau, mit Garance Marillier und Ella Rumpf

Raw ist genauso verrückt und skrupellos wie ich es mir erhofft hatte. Besonders geschickt vermittelt Julia Ducournau in den Anfangssequenzen ihres Debütfilms die Unsicherheit von Uni-Erstis, was sich wunderschön mit der extremen Genre-Prämisse der Handlung vereinen lässt. Warum der Film hier keinen Kinostart bekommen konnte, ist mir allerdings ein Rätsel.

Platz 12: Western (Kinostart: 24.08.)

von Valeska Grisebach, mit Meinhard Neumann und Reinhardt Wetrek

Der amerikanische Traum der Selbst-/Neuerfindung am Rande der Zivilisation findet in dem Cannes-Hit von Valeska Grisebach in der Arbeits- und Lebenssituation deutscher Gastarbeiter in Bulgarien einen unerwartet effektiven Ausdruck. Ich mochte wie geschickt hier die Konventionnen des alten, verstaubten Genres mit Zügen des poetischen Realismus verknüpft werden. Außerdem mag ich, wie geschickt hier mit den Inszenierungsmöglichkeiten der deutsch-bulgarischen Sprachbarriere umgegangen wird.

Platz 11: Die rote Schildkröte (Kinostart: 16.03.)

von Michael Dudok de Wit

Mit völlig faschen Erwartungen bin ich in diesen `Studio Ghibli Film´ hineingegangen, der in Wirklichkeit nur sehr wenig mit dem Animationsstil und den Erzählweisen des japanischen Animationsstudios zu tun hat. Tatsächlich habe ich noch nie etwas Vergleichbares gesehen, da diese einfache Fabel mit seinen aufwändigen Animation und dem Verzichten auf Dialoge, wohl eher an einen obskuren Kurzfilm erinnert, der sonst nur auf Festivals und in den tiefen Ecken von Vimeo aufzufinden sein sollte. Umso schöner ist es, dass dieser Film unter dem Ghibli Banner einen ordentlichen Kinostart und gebührend Anerkennung bekommen konnte.

Platz 10: The Wailing – Die Besessenen (Kinostart: 12.10.)

von Na Hong-jin, mit Do-Won Kwak und Hwang Jeong-min

Es ist sehr schön, diesen – selbst für das abgefahrene südkoreanische Kino – doch sehr unkonventionellen Krimi auf den Listen von Dominic und Stefan zu sehen. Genauso wie Raw und Die Taschendiebin traut sich dieser Film von Na Hong-jin die krassesten Extreme seiner Prämisse und des Genres auszureizen.

Platz 9: Elle (Kinostart: 16.02.)

von Paul Verhoeven, mit Isabelle Huppert und Laurent Lafitte

Apropos `sich was trauen´… Mit Elle kann der von Hollywood ausgestoßene Provokateur Paul Verhoeven endlich wieder beweisen, warum er zu den großen Exploitation-Filmemachern seiner Generation gezählt werden sollte. Mit enormen Feingefühl inszeniert er die prekäre, eskalierende Lebenslage einer Frau mittleren Alters (Isabelle Huppert), die sich im öffentlichen Auge zwischen verschiedenen Männern, darunter besonders – aber nicht ausschließlich – auch der Mann der in ihr Haus einbricht und sie vergewaltigt, behaupten muss.

Platz 8: Good Time (Kinostart: 02.11.)

von Benny und Josh Safdie, mit Robert Pattinson und Benny Safdie

Dieser Film hat mir sehr viel Spaß gemacht. Man taucht tief in die Welt des kleinkriminellen Connie (Robert Pattinson) ein und verbringt eine wilde, teilweise absurde, in Neonlicht-getauchte und auf Film gedrehte Nacht mit ihm, ohne dass die emotionale Bindung zu seinem Bruder je aus den Augen verloren wird.

Platz 7: Certain Women (Kinostart: 02.03.)

von Kelly Reichardt, mit Michelle Williams und Kristen Stewart

Von der Leistung seiner meisterhaften Schauspielerinnen geführt, verknüpft der Film Episoden aus dem Leben verschiedener, zunächst recht unscheinbarer Frauen vor der brutalen Landschaft Montanas und erzählt dabei gerade genug, um die Einsamkeit seiner Hauptfiguren besonders spürbar zu machen.

Platz 6: Manchester By The Sea (Kinostart: 19.01.)

von Kenneth Lonergan, mit Casey Affleck und Michelle Williams

Kenneth Lonergans Film ist mir von allen Oscarfilmen des vergangenen Jahres am meisten in Erinnerung geblieben, vor allem wegen dem Spiel zwischen Casey Affleck und Lucas Hedges.

Platz 5: A Silent Voice (Kinostart als Teil der KAZÉ Anime Nights am 26.09.)

von Naoko Yamada, mit Saori Hayami, Miyu Irino, Mayu Matsuoka

In diesen Film bin ich komplett unwissend hineingegangen und er hat mich komplett überrumpelt. Vor allem die tiefgründige, vielschichtige Behandlung von Scham- und Schuldgefühlen hat mir sehr gefallen.

Platz 4: The Love Witch (Kinostart in Berlin am 04.03.)

von Anna Biller, mit Samantha Robinson

Anna Billers detailverliebte Hommage an klassische Technicolor-Melodrams und eine pointierte Kritik des Sexploitation Genres sollte eigentlich im Kino gesehen werden. Denn dort hat der Film, als ich ihn in Berlin sehen konnte, mit seiner reflektierten Beobachtung und Bloßstellung von Geschlechterdynamiken und filmischen Klischees mehr Lacher eingebracht als so manche Komödie.

Platz 3: Wo die wilden Menschen jagen (DVD-Start: 27.03.)

von Taika Waititi, mit Sam Neill und Julian Dennison

Letztes Jahr hatte ich Taika Waititis Komödie versehentlich mit in meine Liste genommen, obwohl er noch gar keinen ordentlichen Kino- oder DVD-Start hatte. Dieses Jahr, nach seiner offiziellen VOD und DVD Veröffentlichung, kann ich den Film deswegen einfach schamlos nochmal auflisten, wobei er sogar noch höher in mein Ranking fällt. Das liegt vor allem in der wahnsinnigen rewatchability der Komödie, die für mich einfach immer besser wird.

Platz 2: The Big Sick (Kinostart: 16.11.)

von Michael Showalter, mit Kumail Nanjiani und Zoe Kazan

Diese Komödie von Michael Showalter hat mich dieses Jahr besonders bewegt. Wer Kumail Nanjiani noch nicht in Silicon Valley gesehen hat, kann sein komödiantisches Talent hier sehr gut kennen lernen. Besonders gut sind Ray Romano und Holly Hunter als die Eltern seiner kranken Ex-Freundin.

Platz 1: Get Out (Kinostart: 04.05.)

von Jodan Peele, mit Daniel Kaluuya, Allison Williams und Catherine Keener

Jordan Peeles Regiedebüt ist mir seit ich ihn im Februar sehen konnte besonders gut in Erinnerung geblieben, vor allem weil er mir genügend Gesprächsstoff für das ganze Jahr gegeben hat.

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