Die besten Filme des Kinojahres 2017 – Pascal stellt seine Lieblinge vor

2017 war ein geradezu absurd starkes Kinojahr, vor allem in Relation mit den vorangegangenen Jahren, nach denen sich im Zuge einer Rückschau doch immer ein Eindruck der Enttäuschung und Unterwältigung verhärtete. Und doch bin ich am Ende dieser 365 viel zu schnell verflogenen Tage schon wieder mit dem Kopf in der Vergangenheit, hat sich 2017 doch darin bewiesen, mich endgültig in die Arme von Rainer Werner Fassbinder zu treiben. Und eigentlich ist die Erwähnung des überlebensgroßen Auteurs des Neuen Deutschen Films nun überhaupt keine Selbstbeweihräucherung der eigenen Cineastik, sondern sollte vielmehr als Frage verstanden werden: Ist künstlerische Widerborstigkeit innerhalb der modernen Kinolandschaft noch möglich?

Nun, die letzten Jahre haben mir Kopfzerbrechen dahingehend bereitet, diese Frage nach bestem Gewissen zu beantworten, obgleich immer noch einige vortreffliche Werke zum Vorschein kamen. 2017 allerdings ist mit seiner Fülle an guten, großartigen und meisterhaften Filmen nun das beste Argument, um anzubringen, dass auch das heutige Kino noch Attribute verbindet, die man zu lange vermissen musste: Es fordert heraus, es ist offensiv, es greift den Zuschauer in seiner Wohlfühlzone an, erzwingt Reaktionen, wünscht nicht nur eine gute Zeit, sondern generiert Gesprächsstoff. Stimuliert Diskussionen. Wird körperlich erfahrbar und findet intellektuelle Verwertung. Und ich denke, um ganz im Sinne von Rainer Werner Fassbinder zu bleiben, es gibt kein schöneres Kompliment für einen Film (oder in diesem Fall: für ein Jahr), wenn über diesen/dieses gesprochen wird.

Lobende Erwähnungen, immer eine Sichtung wert:
Una und Ray (Benedict Andrews), Night of the Virgin (Roberto San Sebastian), Moonlight (Barry Jenkins), Detroit (Kathyrn Bigelow), Loving (Jeff Nichols), Jahrhundertfrauen (Mike Mills), Let Me Make You A Martyr (John Swab & Corey Asraf), Suburra (Stefano Sollima), Song to Song (Terrence Malick), Boston (Peter Berg), Hell or High Water (David Mackenzie), mother! (Darren Aronofsky)

Schauspielerische Triumphzüge des Jahres:
Casey Affleck (Manchester by the Sea), Denzel Washington (Fences), Kristen Stewart (Personal Shopper), Isabelle Huppert (Elle), Javier Bodalo (The Night of the Virgin), Ben Mendelsohn (Una und Ray), Woody Harrelson (Schloss aus Glas), Ethan Hawke (Born to Be Blue), Adam Sandler (The Meyerowicz Stories)

Herausragende Blockbuster:
Star Wars: Episode VII – Die letzten Jedi (Rian Johnson), Planet der Affen: Survival (Matthew Reeves), King Arthur: Legend of the Sword (Guy Ritchie), Kong: Skull Island (Jordon Vogt-Roberts), Alien: Covenant (Ridley Scott)

Leider noch nicht gesehen:
Happy End (Michael Haneke), The Killing of a Sacred Deer (Yorgos Lanthimos), Der Ornithologe (Joao Pedro Rodriques), The Wailing (Hong-jin Na), 120 BPM (Robin Campillo), Fikkefuchs (Jan Henrik Stahlberg), Western (Valeska Griesbach), The Square (Ruben Östlund), Thor 3: Tag der Entscheidung (Taika Waititi)

Die Flops des Jahres:
Fifty Shades of Grey – Gefährliche Liebe (James Foley), Transformers: The Last Knight (Michael Bay), Resident Evil: The Final Chapter (Paul W.S. Anderson), Das neunte Leben des Louis Drax (Alexandre Aja), Hacksaw Ridge (Mel Gibson)

Größte Enttäuschungen:
Leatherface (Alexandre Bustillo & Julien Maury), Split (M. Night Shyamalan), Justice League (Zack Snyder), La La Land (Damien Chazelle), Es (Andres Muschietti)

2018 – meine meisterwarteten Filme:
The Death and Life of John F. Donovan (Xavier Dolan), Call Me By Your Name (Luca Guadagnino), A Beautiful Day (Lynne Ramsay), Nach einer wahren Geschichte (Roman Polanski), Der seidene Faden (Paul Thomas Anderson), Shape of Water (Guillermo del Toro), The House That Jack Built (Lars von Trier), The Disaster Artist (James Franco), Wonder Wheel (Woody Allen), Lady Bird (Greta Gerwig)

Platz 15: Dunkirk (Kinostart: 27. Juli)
von Christopher Nolan, mit Fionn Whitehead und Kenneth Branagh

In beeindruckenden Bildwelten, die von einer Wucht gesäumt sind, als habe das Kino höchstselbst seinen Segen für jede einzelne Fotografie ausgesprochen, ist es Christopher Nolan daran gelegen, den Krieg als körperliche Erfahrung zu destillieren. Wir sind immer mittendrin. Am Boden, in der Luft, zu Wasser. Sand in der Fresse. Wasser bis zur Nasenspitze. Druck auf den Ohren. Dass das filmerzählerisch zuweilen nicht gänzlich aufgeht, eben weil sich Nolan dann auch zu sehr an seiner Parallelmontage weidet, ist ein Nachteil, der zu verschmerzen, aber nicht zu verleugnen ist. Nolan ist und bleibt ein Technokrat. In jedem Fall allerdings ist Dunkirk eines der eindringlichsten Erlebnisse des diesjährigen Kinojahres. Ein Kampf für die Menschlichkeit. Eben ein Kampf ums Überleben.

Platz 14: Logan – The Wolverine (Kinostart: 02. März)
von James Mangold, mit Hugh Jackman und Patrick Stewart

Interessanterweise reflektiert Logan nicht nur seine eigene Existenz als Fiktion, als populärkulturelle Entität, sondern findet auch als sagenumwobenes Kulturgut seiner selbst eine Möglichkeit für Wolverine, überzeitlich bestehen zu dürfen, während er irdisch langsam verblasst. Eben weil er das Recht hat, verblassen zu dürfen. Weil er sich lange genug für andere aufgeopfert hat. James Mangold findet sich mit seiner hervorragenden Inszenierung dabei inmitten von bestialischer Gewalt und zerbrechlicher Menschlichkeit wieder. Erzählt von Vergessen und Erinnern. Von beschissenen und sinnhaften Tagen, von zerfurchten, versoffenen lebensmüden, denen gestattet wird, keine Helden mehr zu sein. Nicht hier.

Platz 13: A Ghost Story (Kinostart: 07. Dezember)
von David Lowery, mit Rooney Mara und Casey Affleck

A Ghost Story legt sich mit einer Lebensnähe auf den Brustkorb des Zuschauer, dass es diesen beinahe davor ängstigt, irgendwann der Liebe zu verfallen, eben weil der Gedanke an einen etwaigen Verlust selbiger furchtbar lähmend wirkt. In ewigen Kameraeinstellung saugt man hier jede noch so unscheinbare Gefühlsbewegung auf, oftmals versteht man erst im Nachhinein, wie profund ein Lächeln, ein Blinzeln, ein Streicheln wirklich sein kann. Und obgleich hier derart irdische Gefühlskomplexe angesprochen werden, funktioniert A Ghost Story gleichermaßen jenseits allem Irdischen. Ein Film, der sich so zwischen die Dimensionen setzt, um sich selbst so abseits der Zeit zu verwurzeln.

Platz 12: Certain Women (Kinostart: 02. März)
von Kelly Reichardt, mit Michelle Williams und Kristen Stewart

Die weiblichen, allesamt wunderbar besetzten und plastisch geschriebenen Hauptcharaktere beanspruchen keine parolenhafte Perspektive für sich. Sie sind alle vielmehr Bestandteil eines kontemplativen Diskurses über Ängste, Bestrebungen, Ernüchterung und Begehren. Kelly Reichardts subkutane Genialität liegt darin begraben, erzählerisch wie stilistisch tiefzustapeln und doch einen nachdrücklich-hintersinnigen Bogen zu spannen, der im Innerem das Leben in all seinem wechselhaften Facettenreichtum gebärt.

Platz 11: Fences (Kinostart: 16. Februar)
von Denzel Washington, mit Denzel Washington und Viola Davis

Denzel Washington führt ein Ensemble an, welches sich aufopferungsvoll in ihre von Ambivalenzen bestimmten Charaktere wirft. Da werden Intensitäten freigelegt, die sich, wir Troy Maxon bei seiner Familie, bis ins Fleisch graben. Fences bleibt nah an seinen Charakteren, immer, erzählt innerhalb eines zeitgeschichtlichen, aber dennoch universalen Mikrokosmos mit merklicher Lebensweisheit von Familie, vom täglichen Kampf über die Runden zu kommen, von Selbsthass, Selbsterhaltung und Selbstbestimmung; von Stolz, Zurückweisung und Dankbarkeit. Und natürlich von der Unausweichlichkeit, dem Schatten seiner Eltern vollständig zu entwachsen. Ein emotionaler Paukenschlag und Futter für Herz und Verstand.

Platz 10: Personal Shopper (Kinostart: 19. Januar)
von Olivier Assayas, mit Kristen Stewart und Lars Eidinger

Personal Shopper ist ohne Zweifel inkohärent, aber genau das ist ein erzählerisches Mittel, um den von Kristen Stewart (Göttin) gespielten Charakter dabei zu helfen, Ordnung in ihr Leben zu bringen. Ordnung inmitten von Trauer, Selbstverlust, Seelensuche und Reisen in höhere, außerweltliche Bewusstseinsebenen.

Platz 9: Die irre Heldentour des Billy Lynn (Kinostart: 02. Februar)
von Ang Lee, mit Joe Alwayn und Kristen Stewart

Im Kern geht es hier indes um die mediale Wechselwirkung von Heldentum und seinen Mythen. Es geht darum, wie wenig sich Amerika um seine Soldaten schert, solange man sie als leere Gefäße instrumentalisieren kann, die dann nach und nach mit verklärt-heroischen Idealen gefüllt werden: Kollektive Traumata als pyrotechnische Medienveranstaltung. Außen- und Innenwahrnehmung spielen die ganz entscheidende Rolle. Am Ende bliebt die Ohnmacht. Der Gedanke, einfach zu fliehen. Die Tränen ob der Dinge, die man hätte erreichen können, wäre diese verfluchte Uniform nicht. Wow.

Platz 8: Elle (Kinostart: 16. Februar)
von Paul Verhoeven, mit Isabelle Huppert und Laurent Lafitte

Mit Elle begibt sich Paul Verhoevens in das Reich der Obsessionen; dort, wo Genre-Mechanismen ausgehebelt werden und Rollenmuster pulverisiert, Lust und Schmerz korrelieren, wo Lakonie und Zynismus sich die Hand reichen, wo der Mensch in all seiner Eigenwilligkeit noch Mensch sein darf, ohne sein Verhalten zu pathologisiert oder ausgedeutet zu sehen.

Platz 7: Jim & Andy: The Great Beyond (Netflix-Start: 17. November)
von Chris Smith, mit Jim Carrey und Milos Forman

Nach 20 Jahren ist es uns nun erlaubt, einen Blick auf das Material zu werfen, welches während der Dreharbeiten zu „Der Mondmann“ entstanden ist. Mit „Jim & Andy: The Great Beyond“ zeichnet sich Chris Smith für eine in jeglicher Hinsicht beeindruckende Dokumentation verantwortlich. Nicht nur als Diskurs über den Käfig, in den man als Star zwangsläufig gesperrt wird, sondern auch als Reflexion über Schein und Sein, sowie als berührendes Psychogramm zweier Ausnahmekünstler. Aber, wer weiß, vielleicht ist das auch nur alles Teil einer großen Täuschung? Wenn ja: Dankeschön, dass dies so sinnstiftend vonstatten ging.

Platz 6: Blade Runner 2049 (Kinostart: 05. Oktober)
von Denis Villeneuve, mit Ryan Gosling und Harrison Ford

Villeneuve gelingt es mit Bravour, den Geist der Vorlage in Ehren zu halten, anstatt sich diesem sklavisch zu beugen. Blade Runner 2049 unterliegt, trotz seines Referenzraumes, nie dem Anspruch, sich voll und ganz auf das Original zurückfallen zu lassen, sondern fungiert in der Funktion, das Blade–Runner-Universum auszubauen, es weiterzuspinnen – und dafür nutzt er sorgsam arrangierte Bild- und Tonwelten, die den Zuschauer wie einen von schöpferischer Sprengkraft angetrieben Strudel in sich saugen.

Platz 5: Die versunkene Stadt Z (Kinostart: 30. März)
von James Gray, mit Charlie Hunnam und Robert Pattinson

Obgleich es sich Die versunkene Stadt Z nicht nehmen lässt, eine gewisse Leidenschaft an der exotischen Erforschung Amazoniens zu stimulieren, versteht sich der Film blendend darin, Distanz zu Fawetts romantisierten Expeditionen einzuhalten. Seine Aufbruch, eine vor-zivilisatorische, mit Gold verzierte und von Tempeln gesäumte Stadt aufspüren, wird gleichwohl zur Reise ins schwarze Herz der Obsessionen eines Menschen, der sich zusehends in wahnhaften Männlichkeitsbestrebungen verliert und vergisst, wo auf der Welt sein wahrer Platz ist.

Platz 4: I Am Not Your Negro (Kinostart: 30. März)
von Raoul Peck, mit James Baldwin und Samuel L. Jackson

Wir sind Mythen verschrieben. Wir verleugnen uns selbst, um uns von der Scham freizusprechen und Ideale zu hofieren, die es in Wahrheit nicht gibt. An die wir, ob Schwarz oder Weiß (beide Parteien prallen hier aufeinander, um sich gegenseitig zu enthüllen), nicht glauben können – aber, der Hoffnungsschimmer bleibt, vielleicht irgendwann wieder glauben dürfen. Doch bis dahin müssen wir von dem Katalog der Unterdrückung, den uns die Vergangenheit wie auch die Gegenwart unterbreitet hat, lernen. Moderner Klassiker.

Platz 3: Die Verführten (Kinostart: 29. Juni)
von Sofia Coppola, mit Nicolas Kidman und Elle Fanning

Mitreißend jedoch ist der Film, weil er seine Machtstrukturen mit einer derartigen Vergnüglichkeit an Erotik auflädt, dass es einem hin und wieder die Sprache verschlägt. Von gestalterischer Anmut gezeichnet und durch die Bank weg herausragend gut gespielt, ist Die Verführten ein Diskurs über Manipulation und Begehren, über Opportunismus und Solidarität. Nuanciert und pointiert, versteht sich, und doch gnadenlos anspannend. Willkommen im Schatten des Verlangens.

Platz 2: Manchester By the Sea (Kinostart: 19. Januar)
von Kenneth Lonergan, mit Casey Affleck und Michelle Williams

Ein Meisterwerk. Hochkonzentriertes Seelendrama, welches nicht nur den tiefen Schmerz der von Casey Affleck brillant gespielten Hauptfigur zum Ausdruck bringt, sondern neben seiner existentiellen Schwere auch Trost spendet. Trost spenden kann. Eindringlich, aufmerksam, behutsam, menschlich. So sieht kraftvolles Erwachsenenkino aus.

Platz 1: Silence (Kinostart: 02. März)
von Martin Scorsese, mit Andrew Garfield und Adam Driver

Mit welcher inszenatorischen Dichte Scorsese hier mal wieder zur Tat geschritten ist. Unfassbar. Der Film ist gezeichnet von einer sagenhaften Sogwirkung. Bildgewaltige, aber gleichzeitig enthaltsame Fotografien unterstützen eine Meditation über die allgegenwärtigen Irritationen im eigenen Glaubensbekenntnis. Was ist das für ein Gott, der unseren Gebeten Gehör schenkt, aber unsere Schreie ignoriert?