Die besten Filme des Kinojahres 2017: Philippe stellt seine Lieblinge vor

Vielleicht kann sich noch der eine oder andere von euch an meinen Rückblick vom letzten Jahr erinnern. Kurz: 2016 war für mich persönlich eines der schwächsten Kinojahre seit der Jahrtausendwende. Dem entgegen steht nun das herausragende Kinojahr 2017. Dazu wie immer folgende Anmerkung: Für meine Jahresrückblicke berücksichtige ich stets nur diejenigen Filme, welches innerhalb des entsprechenden Jahres ihren deutschen Kinostart feierten bzw. direkt auf DVD oder im deutschen Fernsehen erschienen sind.

2017 war ein vielseitiges Kinojahr. Knapp 140 Filme habe ich dieses Jahr gesehen. Von den Enttäuschungen möchte ich gar nicht groß sprechen, diese gab es natürlich auch dieses Jahr wieder zuhauf. Die schlechtesten Filme des Jahres sind bei mir wie immer zugleich die größten Ärgernisse. So zum Beispiel das eklig-manipulative Drama Lion oder das nicht weniger abstoßende Sklavendrama The Birth of a Nation. Ärgerlicher ist wahrscheinlich nur noch, dass Hollywood offensichtlich nicht mehr den Mut aufbringt, originelle Blockbuster zu drehen. Ob Guardians of the Galaxy Vol. 2, Justice League, Spiderman – Homecoming, Star Wars: Episode VIII, Der dunkle Turm oder Alien: Covenant – ich könnte diese Aufzählung gefühlt ewig fortführen die Blockbustermaschine Hollywood ist an Innovation und Ideen so arm wie nie zuvor und bringt größtenteils nur noch wenig bis gar nicht überzeugende Massenware in die Kinos. Da dann auch noch ausgerechnet die interessantesten Großprojekte wie Valerian – Die Stadt der tausend Planeten aufgrund eines schwachen Drehbuchs einen Haufen Potential auf der Strecke liegen lassen, fällt es schwer daran zu glauben, dass wir in näherer Zukunft wieder öfters überwältigendes Blockbusterkino geboten bekommen werden. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, wie ihr weiter unten noch sehen werdet.

Da ich diese Enttäuschung nun losgeworden bin… alles in allem konnte ich für mich 2017 so gut wie durch alle Genres hinweg viel Sehenswertes, zahlreiche Filmperlen oder neue Lieblingsfilme entdecken. Und 2017 war für mich natürlich auch deswegen von Bedeutung, weil ich erstmalig für unseren Blog live vom wichtigsten Filmfestival der Welt berichten konnte. An der Croisette in Cannes (hier gelangt ihr zu meinen ausführlichen Festivalberichten) entdeckte ich einige cineastische Highlights, welche ihr in meiner folgenden Jahres-Top-12 wiederfinden werdet. Viel Spaß beim Lesen!

Lobende Erwähnungen, immer eine Sichtung wert:
Jackie (Pablo Larraín), Jahrhundertfrauen (Mike Mills), Die irre Heldentour des Billy Lynn (Ang Lee), Mein Leben als Zucchini (Claude Barras), Blade of the Immortal (Takashi Miike), Mit Siebzehn (André Téchiné), Hell or High Water (David Mackenzie), Sieben Minuten nach Mitternacht (J.A. Bayona), Die Taschendiebin (Chan-wook Park) und The Big Sick (Michael Showalter)

Herausragende Blockbuster:
Coco (Lee Unkrich) & Blade Runner 2049 (Denis Villeneuve)

Die hörenswerteste Filmmusik des Jahres:
Coco (Michael Giacchino), Jackie (Mica Levi), La La Land (Justin Hurwitz), Valerian – Die Stadt der tausend Planeten (Alexandre Desplat), Wonder Woman (Rupert Gregson-Williams)

Leider noch nicht gesehen:
Die rote Schildkröte (Michael Dudok de Wit), Der die Zeichen liest (Kirill Serebrennikov), Eine fantastische Frau – Una mujer fantástica (Sebastián Lelio), Der Ornithologe (Joao Pedro Rodrigues), Western (Valeska Grisebach), Neruda (Pablo Larraín) und The Wailing (Hong-jin Na)

Die Flops des Jahres:
Lion (Garth Davis), The Birth of a Nation (Nate Parker), Fifty Shades of Grey 2 – Gefährliche Liebe (James Foley), Baywatch (Seth Gordon), Justice League (Zack Snyder), Pirates of the Caribbean 5 (Joachim Ronning), Auguste Rodin (Jacques Doillon), Tatort: Babbeldasch (Axel Ranisch), Girls‘ Night Out (Lucia Aniello), Die Mumie (Alex Kurtzman)

Größte Enttäuschungen:
Dunkirk (Christopher Nolan), Schloss aus Glas (Destin Daniel Cretton), Good Time (Ben & Joshua Safdie), Star Wars: Episode VIII – Die letzten Jedi (Rian Johnson), Alien: Covenant (Ridley Scott) und Moonlight (Barry Jenkins)

2018 – meine meisterwarteten Filme:
Death and Life of John F. Donovan (Xavier Dolan), The Avenging Silence (Nicolas Winding Refn), Idol’s Eye (Olivier Assayas), The House That Jack Built (Lars von Trier), Sisters Brothers (Jacques Audiard), Ready Player One (Steven Spielberg), The Shape of Water (Guillermo Del Toro), Tomb Raider (Roar Uthaug), The Irishman (Martin Scorsese) und Auslöschung (Alex Garland)

Platz 12: “Personal Shopper” (Kinostart: 19. Januar)


von Olivier Assayas, mit Kristen Stewart und Lars Eidinger

Olivier Assayas (u.a. Der Schakal, L’heure d’été) zählt für mich seit Jahren zu den begabtesten Regisseuren seiner Zeit. Hierbei stellt Personal Shopper keine Ausnahme da. Und wieder darf nach Die Wolken von Sils Maria Kristen Stewart unter Assayas‘ Blicken zeigen, dass sie eine der spannendsten Schauspielerinnen ihrer Generation ist. Da schon vieles zu diesem außergewöhnlichen Horrorfilm 2.0. gesagt wurde, möchte ich an dieser Stelle einfach auf die ausführliche Kritik meines Mitschreiberlings Conrad verweisen.

Platz 11: “120 BPM” (Kinostart: 30. November)


von Robin Campillo, mit Nahuel Pérez Biscayart und Adèle Haenel

Das AIDS-Aktivistendrama 120 battements par minute (120 Beats Per Minute) ist ein detailliert beschriebener, spektakulärer, aber auch trauriger Einblick in das Leben einiger Mitglieder der Pariser Act Up Bewegung, die sich Anfang der 90er Jahre durch öffentlichwirksame Aktionen für ein größeres Engagement für AIDS-Kranke einsetzte. Hierbei überzeugt der Film durch seine bedingungslose Offenheit, einerseits bei der kraftvollen, realitätsnahen Regie, insbesondere aber dann vor allem durch die einnehmenden Performances aller Darsteller. Regisseur Robin Campillo schickt uns auf einen fast zweieinhalbstündigen, ebenso eindringlich politischen, wie auch schmerzhaften Trip, der nichts, aber auch gar nichts kaschiert – nicht die verlogene, profitgeile Pharmaindustrie, vor allem aber auch nicht das grauenvoll langsame Sterben von AIDS-Kranken. Trotzdem ist 120 battements par minute am Ende ein Film voller Hoffnung, packend und voller Emotionen, der sicher niemanden kalt lassen wird.

Platz 10: “Elle” (Kinostart: 16. Februar)


von Paul Verhoeven, mit Isabelle Huppert und Laurent Lafitte

Nach einer kreativen Durststrecke von fast zwei Jahrzehnten meldet sich der niederländische Altmeister Paul Verhoeven (u.a. Starship Troopers, Basic Instinct) mit einem Psychothriller im Kino zurück, der es wirklich in sich hat. Schwarzhumorig, zynisch, eiskalt und doch emotional packend (vor allem aufgrund der einnehmenden, subtilen Performance von Schauspielgöttin Isabelle Huppert), Verhoeven meistert wie nur selten zuvor die Kunst, sein Publikum anspruchsvoll zu schockieren und zum Nachdenken zu bringen. Elle ist eine großartige, sehr bedachte Reflexion über Lug und Trug, über Machtverhältnisse der Geschlechter und über die Bewältigung von Traumata.

Platz 9: “Baby Driver” (Kinostart: 27. Juli)


von Edgar Wright, mit Ansel Elgort und Lily James

Eine absolute Überraschung und ohne Frage der coolste und rasanteste Film des Jahres. Regisseur Edgar Wright, dessen Filmografie (u.a. Shaun of the Dead, Hot Fuzz) ich bisher nicht so viel abgewinnen konnte, ist mit Baby Driver ein von der ersten bis zur letzten Sekunde packender Actiontrip mit Herz gelungen, wie ich es im modernen Kino kaum noch für möglich gehalten hätte. Baby Driver ist wie eine großartige Oper: perfekt orchestriert und in Szene gesetzt – mit Schauspielern in der Riege, denen der enorme Spaß beim Dreh anzumerken ist. Mehr dazu in der Kritik von meinem Co-Autor Conrad.

Platz 8: “Raw” (Kinostart: Direct-to-DVD: 26. Oktober)


von Julia Ducournau, mit Garance Marillier und Ella Rumpf

Raw ist einer der besten Debüt-, Horror- und Coming-of-Age-Filme der vergangenen Jahre. Ganz schön viel auf einmal, möchte man denken. Doch Regisseurin Julia Ducournau meistert es, abgesehen von kleineren Kinderkrankheiten, welche Debütfilme in der Regel mit sich bringen, auf unerwartete und frische Art ihr Publikum zu schockieren und zum Nachdenken anzuregen. Mehr dazu, warum ihr Raw auf jeden Fall gesehen haben solltet, erfahrt ihr in meiner Kritik.

Platz 7: “Jeannette: The Childhood of Joan of Arc” (arte: 30. August) & „Die feine Gesellschaft“ (Kinostart: 26. Januar)


von Bruno Dumont, mit Juliette Binoche und Fabrice Luchini

Regisseur Bruno Dumont, der erst letztes Jahr mit dem brillanten Kindkind in meiner Top 10 vertreten war, hat mich dieses Jahr gleich mit zwei Filmen vollkommen begeistert. Um es kurz zu halten: Warum Bruno Dumont (Humanität) nicht mehr aus dem aktuellen europäischen Kino wegzudenken ist, erfahrt ihr in meinen Kritiken zu Die feine Gesellschaft und Jeannette – The Childhood of Joan of Arc.

Platz 6: “The Killing of a Sacred Deer” (Kinostart: 28. Dezember)


von Yorgos Lanthimos, mit Colin Farrell und Nicole Kidman

Auch der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos war bereits im vergangenen Jahr mit seiner tragikomischen Romanze The Lobster in meiner Top 10 vertreten. Allerdings erschien The Lobster in Deutschland leider nur direkt für das Heimkino. Im Fall Lanthimos scheinen die Verleiher jedoch dazugelernt zu haben, denn in den letzten Tagen des Jahres darf Lanthimos neuster Streich noch auf der großen Leinwand für Staunen sorgen. Warum ihr das Psychodrama The Killing of a Sacred Deer ab dem 28. Dezember auf keinen Fall im Kino verpassen solltet, erfahrt ihr in meiner ausführlichen Kritik.

Platz 5: “Certain Women” (Kinostart: 02. März)


von Kelly Reichardt, mit Michelle Williams und Kristen Stewart

Hohe Erwartungen hatte ich an Certain Women, der von einer der talentiertesten gegenwärtigen Regisseurinnen, Kelly Reichardt (zuletzt Meek’s Cutoff und Night Moves), gedreht wurde. Von ihr wurden meine Erwartungen dann  sogar übertroffen. Certain Women ist Reichardts bisher eindrucksvollste Arbeit. In ihrer üblichen, minimalistischen Erzählweise folgt der Zuschauer in Certain Women den Schicksalen mehrerer Frauen, darunter eine junge Lehrerin und eine ältere Anwältin (Kristen Stewart und Laura Dern), eine Rancherin (Lily Gladstone) und eine Ehefrau (Michelle Williams), die alle versuchen mit ihrem tristen Alltag im weitläufigen US-Bundesstaat Montana zurechtzukommen. Die Themen Einsamkeit und Tristesse beschäftigt Kelly Reichardt nicht erst seit diesem Film, doch wie sie diese und andere alltägliche Lebensabläufe nun in Certain Women schildert, ist an Genialität kaum mehr zu überbieten. Angeführt von ihrem fantastischen Cast ist Kelly Reichardt ein wundervoll-poetisches, sehr nachdenklich machendes Gesellschaftsporträt des amerikanischen Nordwestens gelungen.

Platz 4: “I Am Not Your Negro” (Kinostart: 30. März)


von Raoul Peck, mit Samuel L. Jackson

„The story of the Negro in America is the story of America, and it is not a pretty story.“ Es fällt schwer, dieser außergewöhnlichen Dokumentation in nur wenigen Worten gerecht zu werden. Über I Am Not Your Negro könnten ganze Bücher geschrieben werden und doch wäre nicht alles gesagt. Raoul Peck hat, basierend auf einem Manuskript des afroamerikanischen Schriftstellers James Baldwin, ein dringend erforderliches Werk geschaffen, welches sich spannend wie ein Thriller und gleichzeitig mit nötiger Distanz der Geschichte des Rassismus in den USA annimmt.   Raoul Peck konfrontiert dem Zuschauer mit vielen unbequemen, universellen Fragen und gibt auf diese dankenswerterweise keine Antworten. Stattdessen hat der Zuschauer gar keine andere Möglichkeit, als sich mit den eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen. „Not everything that is faced can be changed. But nothing can be changed until it has ben faced.“ In diesem Sinne: Diese essenzielle Dokumentation kann gar nicht von genügend Menschen gesehen werden.

Platz 3: “Nocturama” (Kinostart: 18. Mai)


von Bertrand Bonello, mit Hamza Meziani und Finnegan Oldfield

Nocturama war einer meiner heiß erwarteten Filme des letzten Jahres. Einerseits, da mich Regisseur Bertrand Bonello zuletzt mit seinem Biopic Saint Laurent begeistert hat, und andererseits, da in Nocturama u.a. die Auswirkungen und Ursachen der Terroranschläge von Paris in der französischen Gesellschaft thematisiert werden. Herausgekommen ist ein hypnotisierender Trip mehrerer Jugendlicher durch die Straßen von Paris, der schließlich in einem Kaufhaus ein unerwartet schockierendes Ende nimmt. Bertrand Bonello selbst sagte, dass er mit diesem Film seinen Unmut über die aktuellen Missstände in Frankreich zum Ausdruck bringen wollte. Und das ist ihm beispiellos gelungen, denn Nocturama ist ein wichtiger Film, der für nichts und niemanden Partei ergreift und in schonungsloser Effektivität mit sämtlichen Misständen in der modernen (französischen) Gesellschaft, Politik und Wirtschaft abrechnet. Bertrand Bonellos zynische Gesellschaftsabrechnung funktioniert dank des hervorragenden Drehbuchs und der meisterhaften Inszenierung zudem auf vielen Ebenen und bietet damit zahlreiche Deutungsmöglichkeiten und reichlich Diskussionspotential.

Platz 2: “Silence” (Kinostart: 02. März)


von Martin Scorsese, mit Andrew Garfield und Adam Driver

Silence ist wahrscheinlich einer von den am wenigsten gewürdigten Filme der letzten Jahre, die es verdient gehabt hätten mit Preisen überhäuft zu werden. Ehrlich gesagt macht es Regielegende Martin Scorsese dem Zuschauer aber auch nicht einfach, Zugang zu seinem neusten Epos zu finden. Silence ist weniger konventionelle Unterhaltung (die hat Scorsese schon längst nicht mehr nötig), als vielmehr eine filmische Meditation über die Sinnlosigkeit, anderen Menschen den eigenen Glaube aufzudrängen. Dabei hat Martin Scorsese selten eine Geschichte in gleichermaßen eleganten wie subtilen Bildern erzählt. Das Japan des 17. Jahrhunderts und all die damaligen Glaubenskonflikte zwischen Japanern und Jesuiten, Scorsese lässt diese auf eine Art und Weise auf der großen Leinwand wideraufleben, als ob er selbst dabei gewesen wäre. Gleichzeitig ist Silence ein zeitloses Monument, welches auch heute noch jeden einzelnen von uns beschäftigen sollte.

Platz 1: “La La Land” (Kinostart: 12. Januar)


von Damien Chazelle, mit Emma Stone und Ryan Gosling

Kaum einen Film habe ich öfters innerhalb eines Jahres gesehen. Ein Fest für die Augen, die Ohren und das Herz –  La La Land ist pure Filmmagie, von der spektakulären Eröffnungssequenz bis zum nicht weniger einnehmenden Epilog. Regisseur Damien Chazelle verneigt sich vor den großen Musical-Momenten der Filmgeschichte, lässt diese in wunderschönem Technicolor wideraufleben und zaubert daraus für mich persönlich sogar einen filmischen Höhepunkt, der mich noch mehr berührt, als es beispielsweise Singin‘ in the Rain jemals könnte. Einfach deswegen, weil La La Land neben all seinen Qualitäten obendrein noch so wunderbar unsere Zeit widerspiegelt. So haben moderne Klassiker auszusehen. Mehr zu La La Land könnt ihr in meiner Kritik lesen.

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