"Der Dieb der Worte" (USA 2013) Kritik – Der Guttenberg-Effekt

Autor: Stefan Geisler

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„We all make difficult choices in life. The hard thing is to live with them.“

Schon das siebte Gebot der Bibel besagt „Du sollst nicht stehlen“. Eine klare Ansage und abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen ist Diebstahl natürlich unrecht und belastet zudem das eigene Gewissen. Eigentlich müsste man hierüber auch gar keine vielen Worte verlieren, hätten sich nicht die Drehbuchautoren/Regisseure Brian Klugman (Drehbuch „Tron: Legacy“) und Lee Sternthal (ebenfalls Drehbuchautor bei „Tron: Legacy“) irgendwann einmal die Frage gestellt, ob und inwieweit der Diebstahl von geistigem Eigentum eigentlich verwerflich ist. Herausgekommen ist das Literaturdrama „Der Dieb der Worte“, in welchem dem Zuschauer die Erkenntnis, dass auch der Diebstahl von Gedankengut kein Kavaliersdelikt ist, als große moralische Offenbarung verkauft wird. Oha, Guttenberg lässt grüßen. Das einzig überraschende an dem Film ist, dass die beiden Regisseure trotz eines offensichtlich schwächelnden Drehbuchentwurfs einen namhaften Cast, angeführt durch den „Silver Linings“-Star Bradley Cooper, zusammentrommeln konnten.

Der in die Jahre gekommene Buchautor Clay Hammond (Dennis Quaid) stellt seinen neusten Roman „Dieb der Worte“ der Öffentlichkeit vor. Das Buch handelt von der steinigen Karriere des jungen, talentierten Autors Rory Jansen (Bradley Cooper), der sich seit einigen Jahren einen Namen in der Szene machen will. Sein Problem ist jedoch, dass sich kein Verlag dazu bereiterklärt, ihm eine Chance zu geben. Das ändert sich jedoch schlagartig, als Rory Jansen von seiner Freundin Dora (Zoe Saldana) eine alte Tasche geschenkt bekommt, in deren Inneren er ein altes Manuskript eines Kriegsromans aus den 40er Jahren findet. Jansen ist fasziniert von dieser Geschichte und beschließt das Manuskript unter seinem Namen zu veröffentlichen…

Eine verschachtelte Erzählweise suggeriert häufig eine intelligente Handlung, noch besser ist es natürlich, wenn dabei zudem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Ein gutes Beispiel dafür ist Spike Jonzes („Wo die wilden Kerle wohnen“) großartiger Mindfuck-Film „Adaption“, bei dem wir Drehbuchautor Charlie Kaufmann (Nicholas Cage) während der Drehbuchausarbeitung für „Adaption“ über die Schulter schauen. Dass es auch anders gehen kann, beweist „Der Dieb der Worte“: In dem Literaturdrama gibt es drei Zeit- und Handlungsebenen, die unnötig kompliziert und ohne jeden erkenntlichen Mehrwert miteinander verstrickt sind. Hier steht die Form eindeutig über dem Inhalt, denn rein storytechnisch gesehen, wäre diese Erzählform nicht notwendig, schließlich hat man bereits nach wenigen Minuten den Twist-Braten gerochen und weiß bereits, wie das Drama letztendlich enden wird. Dass die Drehbuchautoren 13 Jahre lang an dem Skript zu „Der Dieb der Worte“ geschrieben haben sollen, verwundert einem bei einem solch plumpen Endprodukt dann doch schon ein wenig.

Leider können es Brian Klugman und Lee Sternthal nicht unterlassen, dem Zuschauer permanent die Moral-Keule in den Nacken zu schlagen. Statt das Publikum einfach selbst über das Gesehene urteilen zu lassen, wird immer wieder klargestellt, dass auch der Diebstahl geistigen Eigentums eine unrechte Tat ist, die schwere Folgen nach sich zieht. Bezeichnend dafür sind die letzten Sekunden des Films, in denen durch einen radikalen Schnitt auf den Hauptcharakter noch einmal unmissverständlich klargestellt wird, dass wir es hier mit einer gequälten Seele zu tun haben, die ihre Taten zutiefst bereut. Auch scheinen einige Charaktere lediglich dafür geschaffen, krampfhaft ein moralisches Dilemma aufzutun. So zum Beispiel der bestohlene Autor: Dieser taucht unvermittelt auf, lässt den Gedankendieb Rory Jansen (Bradley Cooper) wissen, dass er dessen Taten nicht gutheißen kann, stellt weiter keine Forderungen und verschwindet auch durch sein baldiges Ableben schon wieder. Es scheint fast so, als würde Jansens ergaunerte Berühmtheit erst dann zum Problem, wenn der Urheber (Jeremy Irons) des gestohlenen Gedankenguts auf der Bildfläche erscheint. Dabei fällt die eigentlich interessante moralische Frage, ob es sich lohnt, für die Lorbeeren fremder Arbeit mit ewigem Zweifel über die eigenen Fähigkeiten bestraft zu werden, vollkommen unter den Tisch.

Fazit: Brian Klugmans und Lee Sternthals „Der Dieb der Worte“ ist wohl einer der unnötigsten Filme dieses Kinojahres. Hier wird der moralische Zeigefinger dem Zuschauer so tief ins Auge getrieben, dass es unmöglich ist, an diesem vorbeizuschauen. Diebstahl ist also schlecht, wer hätte das gedacht. Auch die unnötig komplizierte und stellenweise äußerst langatmige Inszenierung mindert das Filmvergnügen noch weiter. Wenn man nicht gerade ein Fan von Cooper, Quaid, Saldana oder Irons sein sollte, kann man getrost einen weiten Bogen um diesen Film machen.