Direct-to-DVD: 10 Schätze aus der Videothek

Autor: Pascal Reis, Sebastian Groß

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Es gibt immer wieder Filme, denen die Ehre verweigert wird, ihre Klasse auf der großen Leinwand zu zeigen. Gründe dafür können verschiedenster Art sein: Entweder gibt es für die Verleger keinerlei Erfolgsaussichten, der Film gehört vielleicht zu einer Nischengruppierung oder es ist einfach nur eine stumpfe Fortsetzung eines einst erfolgreichen Werkes. Wir von CinemaForever haben uns daher gedacht, eine kleine Liste anzulegen, in der wir 10 Direct-to-DVD-Filme vorstellen, die den Weg ins Kino mehr als verdient hätte und auch unbedingt in die heimische Filmsammlung wandern müssen. Natürlich ist das hier keine Bestenliste, sondern einzig eine hochwertige Auswahl ohne Ranking. Viel Spaß!

1. Donnie Darko (2001)

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Heutzutage ist es normal, dass jeder x-beliebige Film mit dem Wort „Kultfilm“ ausgezeichnet wird. Es gibt nur noch wenige Filme, die sich diese Auszeichnung dank ihrer Kreativität und Einzigartigkeit auch wirklich verdient haben. „Donnie Darko“ ist so ein Film, da er gekonnt diverse Genre miteinander vereint ohne dabei zum Trashmovie zu verkommen. Die Entwicklung des Films löst vor allem eines aus: Fragen. Fragen, die der Film nur teilweise gewillt ist sofort zu beantworten. Die Lösungen der restlichen noch verbleibenden Fragezeichen befinden sich gut versteckt, irgendwo zwischen Coming-of-Age-Drama, Zeitreise-Thriller und Kleinstadt-Satire. „Donnie Darko“ ist ein eigener Mikrokosmos, der uns verwirrt, fasziniert und uns nachdenken lässt. Und spätestens beim zweiten Ansehen wird man vom Zuschauer zu Donnies‘ Alter Ego, der ihn begleitet auf seiner Irrfahrt durch eine verrückte Welt voll Licht und Schatten – Der Wahnsinn ist immer mit dabei. Wir werden quasi selbst zu Frank, dem Bizarro-Kaninchen.

2. Mysterious Skin (2004)

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Wahrscheinlich ist „Mysterious Skin“ einer der wichtigsten Filme, die sich dem Thema um Kindesmissbrauch und den resultierenden Folgen im späteren Verlauf des Lebens annehmen. Natürlich ist das kein Stoff für die große Leinwand und würde nur eine bestimmte Gruppe von Menschen anziehen, die sich trauen, über den Tellerrand zu schauen und sich mit aktuellen Problemen konfrontieren lassen. Wer also einmal wieder am DVD-Regal vorbeitingelt und nach einem echten Sahnestück Ausschau hält, der sollte – wenn möglich – „Mysterious Skin“ ohne zu Zögern mitnehmen. Ein ehrlicher, schwerer Film, mit dem man sich wohl oder übel auseinandersetzen muss und dazu noch einen beeindruckenden Joseph Gordon-Levitt in der Hauptrolle geboten bekommt, der facettenreich zeigt, wieso er zu den besten Nachwuchsdarstellern gehört.

3. Eagle vs. Shark (2007)

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Es gibt Filme, da könnte man meterlange Buchseiten füllen mit der Beschreibung toller Szenen, und meist sind diese Filme auch vollgestopft mit wilden Aktionen, feurigen Figuren und diversen Schauwerten, die einem den Kiefer runter klappen lassen. Es gibt aber auch Filme, die sind so klein und unscheinbar und verfügen dennoch über mächtige Szene. Szenen, die ohne großes Feuerwerk auskommen und dennoch um einiges nachhaltiger sind als die großen Konkurrenten. Die neuseeländische Komödie „Eagle vs Shark“ ist so ein merkwürdig- großartiges Kleinod. Die einfache Geschichte von der Liebe zwischen den Verlieren Lily und Jarrod (Jemaine Clement, bekannt als Boris in „Men in Black 3“) wird so erstklassig erzählt und mit so viel liebenswerten, skurrilen Humorakzenten versehen, dass es nicht allzu sehr nervt, dass der Film hin und wieder etwas zu gewollt auf künstlerisch hochwertig getrimmte wird. Wer mit „Eagle vs Shark“ seine Freude hat, der könnte wenn er wollte, tausend Bücher voller Einzigartigkeiten und Besonderheiten niederschreiben, aber wie heißt es so schön: Der Genießer schweigt. Dass dieser wunderbare Filme bei uns nie im Kino lief, ist wegen seines Stils nicht sonderlich überraschend. Aber die zarte wie kuriose Romanze (und Rachegeschichte!) zwischen den beiden Träumern Lily und Jarrod auf einer großen Leinwand zu sehen… ja, das wäre mal was.

4. The Innkeepers (2011)

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Wer sich zu der Gruppe von Mensch zählt, der im kontemporären Horror-Genre keinerlei Hoffnung mehr sieht, der hat noch nichts von Ti West und seinem phänomenalen „The Innkeepers“ gehört. Ti West geht allen modernen Genre-Konventionen aus dem Weg und inszeniert ein hervorragend gefilmtes Stück Nostalgie, in dem die Atmosphäre zählt und nicht die belanglosen Splattereinlagen, deren kohärenter Mehrwert meistens rein gar nicht vorhanden ist. „The Innkeepers“ ist schleichender Horror, der Gänsehaut verschafft, den Zuschauer schnell um den Finger wickelt und in seiner Ansprache der profunden Ängste des Menschen mehrere Interpretationsmöglichkeiten offenbart und für das Genre sowohl Reinkarnation, als auch Huldigung darstellt.

5. Titus (1999)

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Der australische Regisseur Baz Luhrmann mixte 1996 mit seiner Variante von „Romeo und Julia“ Shakespeare mit Pop und großes viktorianisches Drama mit Rock ’n Roll. Das Ergebnis war damals so neu, berauschend und bittersüß, dass es einem die Pupille vom Sehnerv schälte. Drei Jahre später interpretierte die Regisseurin Julie Taymor, die für die Frida Kahlo Biographie „Frida“ sowie diverse Musicals an den großen Bühnen dieser Welt verantwortlich war, ein anderes großes Drama von Shakespeare: Titus. Im Gegensatz zu Luhrman mischt Taymor die Stile viel rabiater und wilder, ohne jedoch eine gewisse Balance zu verlieren. Dazu scheut diese Version von „Titus“ auch nicht vor übergroßen Anspielungen auf das dritte Reich und einer ordentlichen Dosis Gewalt, was die politische Note des Dramas noch einmal unterstreicht und zu exzessiven und opulenten Schauwerten anspornt. Die Darsteller, die trotz all dem pompösen Wirrwarr aus Alt und Neu, sicherem Stil und unbändiger, moderner Prägung immer noch so agieren als stünden sie auf einer Theaterbühne, verfestigten mit ihrem grandiosen Spiel die Wucht des Films, die den Zuschauer bereits eine Minuten nach Beginn mit voller Kraft und Geschwindigkeit trifft. Gleichzeitig mitten ins Herz und in den Kopf. Eigentlich sollte ich dankbar sein, dass dieser Film überhaupt existiert, aber dass sich diese audiovisuelle Extravaganz nie bei uns über die Leinwände ergoss, ist schlicht und einfach unverzeihlich. Genau wie die Tatsache, dass man hierzulande mittlerweile nur schwer an die DVD kommt. Einen Blu-ray-Release kann ich kaum erwarten.

6. Wuthering Heights (2011)

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Die unerfüllte Liebesgeschichte von Heathcliff und Cathy ist fester Bestandteil der literarischen Allgemeinbildung. Oft verfilmt, oft zitiert, doch den wahren Volltreffer landete Andrea Arnold mit ihrer ganz eigenen Interpretion von Emily Brontës‘ „Sturmhöhe“. Heathcliff ist nun ein schwarzer Arbeiter, der sein Herz an Cathy verliert und wo andere Verfilmung mit ruhigen Totalen der schottischen Hochländer glänzten, greift Arnold auf flexible Handkameraarbeit zurück, die mit zunehmender Laufzeit den symptomatischen Charakter der Emotionen zwischen Heathcliff und Cathy definieren. In „Wuthering Heights“ wird die Liebe zum Aushängeschild der Natur und tiefer Schmerz durch die wankende Poesie der Shakycam festgehalten. Keine Frage: Andrea Arnold hat einen der intensivsten Liebesfilm des neuen Jahrtausends inszeniert.

7. The Wackness (2008)

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„The Wackness“ ist ein Film voller Authentizität, alleine wie er den Sommer 1994 in New York einfängt ist schlicht meisterhaft. Ja, ich war 1994 nicht in New York, ich war eigentlich noch nie wirklich da, aber Regisseur Jonathan Levine („50/50“, „Warm Bodies“) gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit, dass sich alles irgendwie echt, richtig und wahr anfühlt. Eine Leistung, die nicht beim Zeitkolorit halt macht, sondern auch auf die Figuren überspringt. Hauptdarsteller Josh Peck, der immer etwas verplant dreinschaut, ist ein wirklicher Sympathieträger, dessen Ängste auch mir als Zuschauer sehr bekannt waren/sind und dabei verkaufe ich nicht einmal Drogen. Der klare Star und Höhepunkt des Films ist aber Sir Ben Kingsley, den ich nach dieser Leistung wieder gerne Sir nenne. Sein Spiel ist unglaublich menschlich, unglaublich tiefsinnig, unglaublich erfüllend, unglaublich rührend, unglaublich amüsant, unglaublich… halt einfach unglaublich gut. Es gibt so unzählig viele Filme die von Lebenskrisen oder dem Coming-of-Age erzählen, den meisten davon fehlt einfach der selbstständige Ton, der eigene Herzschlag, genau diesen besitzt „The Wackness“, und er ist laut und pumpend, voller Energie und Intensität aber dabei auch zärtlich, witzig, melancholisch und mitfühlend.

8. Brick (2005)

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Das Spielfilm-Debüt von Regisseur Rian Johnson („Looper“) ist ein meisterhafter Krimi, der perfekt zwei Stile miteinander kombiniert. Da wäre einmal die Bild- und Farbgebung von „Brick“, die an das moderne amerikanische Independent- Kino erinnert, aber der Inhalt und die Figuren scheinen direkt aus den guten alten, spannenden Krimis der schwarzen Serie um 1940 (z.B. „Der Malteser Falken“) zu kommen. Ein High-School-Noir-Krimi sozusagen. Vor allem Hauptdarsteller Joseph Gordon- Levitt, der sich hiermit als Darstellergröße der Zukunft empfahl, überzeugt als hartnäckiger, kluger und unbestechlicher Spurensucher Branden Frye. Wer sich auf „Brick“ einlässt, wird Zeuge eines der besten Krimis der letzten Jahre, der mit Gordon- Levitt als Brendan Frye, einen der coolsten Charaktere der Filmgeschichte sein eigen nennt. Sorry Jack Sparrow, Wolverine und John McClane, ihr lasst alle die Kassen klingeln, aber so cool wie Brendan Frye werdet ihr nie. Aber danke, dass ihr es versucht.

9. Unthinkable (2009)

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„Unthinkable“ ist moralisch hochambivalentes Polit-Kino, in dem die Frage gestellt wird, ab welchem Punkt die Folter eines möglichen Terroristen legalisiert ist und wie weit man gehen darf, um an Antworten zu kommen, die unzähligen Menschen das Leben rettet. Gibt es in dieser Welt ein RICHTIG oder FALSCH? Wo setzen Recht und Würde des Einzelnen ein? „Unthinkable“ möchte darauf keine Antworten geben und zieht den Zuschauer in ein Kammerspiel, in dem jeder auf sich allein gestellt. Dazu gibt es auch noch einen Samuel L. Jackson, der sich mal wieder eine ihm würdige Rolle geschnappt hat und in diesem mehr als starken Low-Budget-Werk zeigt, dass er auf seine alten Tage noch nicht zu viel Rost angesetzt hat. „Unthinkable“ sollte man gesehen haben, am besten in einer Gruppe, um später über Gesehenes zu sinnieren und diskutieren.

10. Heartless (2009)

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Bei Filmen, die sich zum Ziel setzen, mehrere Genres gleichzeitig zu bedienen, besteht immer die Gefahr, dass die Narration an leibeigener Inhomogenität erstickt und am Ende ein Ungleichgewicht der kontraproduktiven Sorte darstellt. Mit „Heartless“ ist das anders. Obwohl der Film Außenseiterdrama, Gesellschaftskritik und Horrorelemente verknüpft, wirkt hier keine einzige Szene deplatziert. Regisseur Philip Ridley, den man nun nicht wirklich als Arbeitstier bezeichnen kann, und Jim Sturgess mit prägnanten Feuermal über dem linken Augen zeigen, wie ein unspezifischer Film auszusehen hat. Traurig, brutal und ebenso eindringlich.