"Dirty Harry" (USA 1971) Kritik – Clint Eastwood jagt Scorpio durch San Francisco

„Wenn ein nackter Mann eine schreiende Frau durch die Straßen jagt, Messer in der Linken, Penis in der Rechten, glaube ich nicht, dass er sie in den Schlaf singen will!“

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Clint Eastwood ist eine lebende Legende unter den Schauspielern und genauso unter den Regisseuren. Mit Filmen wie ‚Mystic River‘, ‚Perfect World‘, ‚J. Edgar‚ und ‚Gran Torino‘ bewies er sein Können als Regisseur immer wieder auf allerhöchstem Niveau. Doch auch als Schauspieler, ob in seinen eigenen Werken oder in anderen, zeigte er immer tolle Vorstellungen, auch wenn sich seine Charaktere im Kern immer ähnelten. Eastwood stand für den harten Kerl der Branche, ein Draufgänger und gerne auch ein Macho, der nicht viele Worte brauchte um Klarheit zu schaffen. Das fing alles mit Sergio Leones Dollar-Trilogie, die ihn über Nacht zur Westernikone machte. Seine sensible Seite zeigte er in seinem Liebes-Drama ‚Die Brücken am Fluss‘, doch die Rolle des harten Mannes wird auf ewig mit ihm in Verbindung bleiben. 1971 kam ein Cop-Thriller in die Kinos, der Eastwoods Ruf vollkommen festigte und in endgültig zum Superstar machte. Ein Film, den heute jeder kennt und längst ein Klassiker der Filmgeschichte ist: Don Siegels ‚Dirty Harry‘.

Ein psychopathischer Killer tötet mit einem Scharfschützengewehr eine junge Frau während des Schwimmens. Der unbekannte Täter will damit allerdings nicht aufhören und droht mit weiteren Morden, außer er bekommt 200.000$. Inspektor Harry Callahan bekommt den Auftrag, das Lösegeld zu übergeben, doch das geht gewaltig nach hinten los. Ein Kampf gegen die Zeit beginnt und Harry sieht sich gezwungen, seine eigenen Methoden anzuwenden, denn der Killer hat schon einen Schulbus entführt und schreckt nicht davor zurück, die Kinder umzubringen…

Clint Eastwood verkörpert also wie erwähnt die Rolle des Polizisten Harry Callahan und macht das mit seiner ganz typischen Eigenart. Ohne viel zu reden oder große Gesten geht er seinen Weg und strahlt dabei seinen rauen Charme aus, den man einfach mögen muss. Eastwood ist einfach die Idealbesetzung für den harten Cop, der nach eigenen Regeln arbeitet. Als psychopathischer Killer Scorpio ist Andrew Robinson zu sehen, der seine Rolle ebenfalls stark ausfällt und genauestens in seinen unberechenbaren Charakter passt. Reni Santino gibt Harrys Kollegen Chico, der so etwas wie die bessere Seite des Duos darstellt, aber nicht wirklich viele Szenen geschenkt bekommt. Genau wie John Larch als Polizeichef oder Harry Guardino als Bressler. Trotzdem können sie auch in ihrer kurzen Einsatzzeit überzeugen.

Don Siegel ist auch heute noch einer der eher unbekannteren und auch unterschätzten Regisseure, die sie nie wirklich groß aufgespielt haben, aber die Filmwelt mit Qualität auf stillen Wegen immer bereichert haben. Da wäre zum Beispiel ‚Nur noch 72 Stunden‘ mit Henry Fonda, ‚Telefon‘ mit Charles Bronson oder auch sein letzter Film ‚Flucht von Alcatraz‘ mit Clint Eastwood. Seinen bekanntesten Film inszenierte er jedoch mit ‚Dirty Harry‘ und erschuf damit gleich einen der Väter des Polizeigenres. Die Kunstfigur Harry Callahan schrieb Filmgeschichte und zog unzählige Nachfolger nach sich, die aber immer nur zu billigen Kopien verkamen und ihrem großen Vorbild scheiternd nachliefen. Wenn wir uns die Eigenschaften und das Auftreten von Harry angucken, merken wir, wie viele Regisseure in den Jahre danach bei ihm abgeguckt haben und sich inspirieren ließen. Im gleichen Jahr wie ‚French Connection‚, in dem William Friedkin seinen groben Cop Doyle in Brooklyn von der Leine gelassen hat, machen wir uns mit Harry durch das düstere San Francisco. Harry ist ein Einzelgänger, mit neuen Partnern kann er sich nicht schnell abfinden und lässt am liebsten seine 44er Magnum für sich sprechen, denn wenn er die hervorzieht, macht das viel mehr Eindruck als unzählige Worte, die doch nicht zu einem Ziel führen. Wir werden mit beiden Seiten des Gesetzes begrüßt, sehen den Scorpio-Mörder, der inspiriert durch den echten Zodiac-Killer ist, wie er kaltblütig eine Frau erschießt und dann seiner Wege geht. Auf der anderen Seite Harry, der eine Straßenschießerei auslöst und niemanden davon kommen lässt und den Gangstern mit seinen zynischen Sprüchen den Rest gibt. Diese zwei Szenen genügen vollkommen um den Standpunkt der Geschichte klarzumachen und zusammen mit Harry machen wir uns auf die Jagd nach dem gnadenlosen Psychopathen, der nicht mal vor Kindermord zurückschreckt und Harry immer mehr an der Polizei zweifeln lässt.

‚Dirty Harry‘ ist kein Actionfilm, so wie er fälschlicherweise immer wieder abgestempelt wird, sondern ein astreiner und prägender Cop-Thriller. Regisseur Don Siegel geht auf äußerst zynische und brutale Art seinen Weg und stellt die Handlungen und Vorgehensweisen von Harry nie als Heldentaten dar, sondern lässt die Kamera immer wieder distanziert von ihm erstarren. Harry ist kein Vorbild, kein strahlender und aufpolierter Cop. Er ist schmutzig, rau und kennt bei Verbrechern keine Gnade. Bei seinen Versuchen Scorpio zu stoppen, verfällt er immer wieder den Stricken der Polizei, die sich das Treiben des Killers fast tatenlos ansehen und ihm die Wünsche erfüllen, während der Mörder selbst seine Rechte missbraucht und sich hinter dem Gesetz versteckt. Harry muss agieren und handeln, denn er bemerkt, dass die Polizei nie die richtigen Mittel haben wird, um dieses „Monster“ zu stoppen. ‚Dirty Harry‘ ist mit Sicherheit ein cooler und auch spannender Film, jedoch in keiner Weise gewaltverherrlichend oder überzogen. Harry tötet nicht aus Spaß, sondern weil er sich dazu gezwungen sieht, weil es außer ihm keiner zustande bekommt. Wenn Harry seine Marke symbolisch zum letzten Mal betrachtet um sie dann in einem See zu versenken, ist längst klar, dass Harry nun endgültig sein eigener Herr geworden ist und ‚Dirty Harry‘ ein Meilenstein der Filmgeschichte.

Fazit: ‚Dirty Harry‘ ist kein Meisterwerk, aber dennoch ein wichtiger Klassiker, der die Filmwelt maßgeblich beeinflusste und auch heute noch nichts von Klasse verloren auch. Zu seiner Zeit natürlich heiß diskutiert und auch gerne missverstanden, hat er sich heute seinen hohen Stellenwert voll und ganz verdient. Mit Clint Eastwood in seiner Idealrolle, düster-nebeligen Bildern, einem passendem Soundtrack und Siegels klarer Inszenierung wird ‚Dirty Harry‘ zu einem Cop-Thriller, den man immer wieder sehen kann, egal wie viele Jahre er auch auf dem Buckel haben wird.

Bewertung: 8/10 Sternen