"Disturbia" (USA 2007) Kritik – Der Killer von nebenan

„Ich bin kein Stalker, das sind nur Nebenwirkungen der chronischen Langeweile!“

null

Einen Klassiker aus vergangenen Filmtagen neuinterpretieren zu lassen, ist im ersten Moment eigentlich gar kein schlechter Gedanken. Die Vorteile einer solchen Interpretation wären, dass man den Stoff der Moderne anpasst und so auch einem breiten Publikum schmackhaft machen könnte, die durch das erweckte Interesse im besten Fall auch auf das Original stoßen könnte. Das Gegenteil davon sind natürlich die entmystifizierenden Remakes, die ihre Vorlagen möglichst primitiv ausschlachten und das Erbe eines angesehen Regisseurs vollkommen schänden und verdrecken. Wenn sich ein Regisseur aber nun einen der legendären Hitchcock-Filme vornimmt, um diesen in die Gegenwart zu verlegen, dann ist das gar keine gute Idee, genau wie ein Remake von einem Hitchcock-Film zu drehen, man denke nur an Gus van Sants „Psycho“ Katastrophe, der zwar noble Gedanken hegte und das Meisterwerk für viele jüngere Zuschauer schmackhaft machen wollte, aber ein Debakel sondergleichen ablieferte. 2007 war dann D.J. Caruso an der Reihe, der sich Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ schnappte, ihn für das Massenpublikum tauglich machte und mit „Disturbia“ auch gleichzeitig einen richtig miesen Film inszenierte.

Kale ist ein 17-jähriger Teenager, einer von vielen eben, bis auf die Tatsache, dass er bei einem Angelausflug seinen Vater bei einem schweren Autounfall verloren hat, bei dem Kale auch noch ausgerechnet am Steuer saß und seitdem in Schuldgefühlen badet. Als in der Schule dann auch noch ein unangebrachter Spruch des Spanischlehrers in Richtung von Kales Vaters kommt, rutscht ihm die Faust aus und landet bei seinem Lehrer mitten im Gesicht. Die Folge von seinem Ausbruch lautet 3 Monate Hausarrest, und das auch noch während der Sommerferien, gesichert durch eine Fußfessel. Was bleibt sind seine Konsolen, die Musik und das Fernsehprogramm, wobei seine Mutter ihm da auch schnell einen Strich durch die Rechnung macht und die Langeweile wird größer und größer. Bis allerdings die süße Ashley in das Haus nebenan einzieht und Kale ihr immer öfter mit dem Fernglas folgt. Als Ashley Kale bei seinen Beobachtungen bemerkt, wächst daraus kein Nachbarschaftskrach, sondern eine Freundschaft mit Gefühlen. Durch die Nachrichten erfährt Kale von einem Serienmörder, der auf freiem Fuß ist und womöglich Kales andere Nachbar Robert Turner ist, auf den die Hinweise und Beschreibungen zutreffen. Kale und Ashley müssen der Sache auf den Grund gehen und taumeln in lebensgefährliche Situationen…

In „Disturbia“ sieht die Aufmachung also auch dementsprechend modern aus. Für die Aufnahmen des Haushalts, samt X-Box und co. war Kameramann Rogier Stoffers verantwortlich, der jede Szene auf Hochglanz polierte und so den „düsteren“ Momenten jedes Feeling nimmt, einfach weil alles zu glatt und frisiert aussieht. Der Score von Geoff Zanelli ist Genretypisch und soll sowohl die gefühlvollen Momente wie die spannungsgeladenen Augenblicke herauskristallisieren, verliert sich aber in schnödem Standardgedudel, welches weder Charakter noch Wiedererkennungswert besitzt. Bei der Songauswahl scheitert „Disturbia“ zwar nicht vollkommen und Lieder wie Lonely Day von System of a Down oder Taper Jean Girl von Kings of Leon können sich den Szenen anpassen, steigern den Gesamteindruck aber sicher nicht. Das nächste Problem wären die Schauspieler, die ohne jegliches Charisma auftreten und keinerlei Präsenz besitzen. Da hätten wir in der Hauptrolle Shia LaBeouf, dessen Talentlosigkeit inzwischen allseits bekannt sein dürfte, gerade durch die Michael Bay-Streifen, in denen sein Text größtenteils aus unsortierten Satzbausteinen bestand. Als Kale ist das zwar etwas besser, aber weit weg von einer lobenden Darstellung, denn LaBeouf agiert unausgeglichen, gezwungen und statisch und kann seinem Charakter zu keiner Sekunde die erhoffte Coolness einflößen. Dann wäre da Sarah Roemer als Ashley, die eindeutig nur als Eyecandy dienen soll, anders ist ihr substanzloser Charakter nicht zu erklären. Carrie-Anne Moss als Mutter Julie Brech und David Morse als Nachbar Robert Turner bedienen die typischen Klischees ihrer Charaktere und werden kaum im Gedächtnis bleiben.

Von einer umklammernden Atmosphäre wie einst in Hitchcocks Meisterwerk, kann Regisseur D.J. Caruso natürlich nur träumen. Allerdings kann „Disturbia“ auch zu keiner Sekunde das Interesse am Voyeurismus erwecken, genau wie Caruso es einfach nicht schafft, die Story als wirklich spannend zu verkaufen. Das liegt an erster Stelle an den charakterlosen Darstellern, die mit ihrem aalglatten Auftreten weder Ecken noch Kanten haben und deren Schicksale eigentlich immer im Bereich der Nebensächlichkeit baumeln, dazu kommt dann noch die Hochglanzpolitur, die ebenfalls ihren Teil zum Fehlen des packenden Feelings beiträgt. „Disturbia“ will uns eine unklare Geschichte verkaufen und diese mit vielen coolen wie lockeren Einschüben für den Zuschauer sympathisch machen, allerdings sind diese Momente so gestellt, dass die Figuren nach einer gewissen Zeit mit ihrem ungeordneten Auftreten nur noch auf die Nerven gehen und man sich nach dem Killer sehnt, der endlich sein Handwerk beweisen soll. Genaugenommen ist „Disturbia“ nur einer von diesen schnöden Teenie-Streifen, der das öde Treiben rundum Liebe und Hausarrest mit Möchtegern-Suspense unterlegen möchte, sich aber in seinen unbedachten Klischeezeichnungen verliert und als stinknormaler 08/15 Thriller entpuppt, der die jüngere Zielgruppe sicher zufriedenstellen wird, aber in Wahrheit nichts abliefert, was wirklich im Gedächtnis bleiben wird, denn dafür ist er einfach zu simpel gestrickt und bedeutungslos.

Fazit: Ein Thriller aus der Teenie-Schublade mit unverbrauchten, aber langweiligen Gesichtern und eine Geschichte, die weder Besonderheiten noch Anhaltspunkte für eine erneute Sichtung gibt. „Disturbia“ ist eines der Standard-Filmchen, die das Publikum anlocken, aber in Wirklichkeit nur ein laues Lüftchen in der großen Filmwelt sind, das schnell verflogen ist und in den Unweiten der Filmgeschichte seinen nicht nennenswerten Platz einnehmen wird. Uninteressante Schauspielleistungen, eine geleckte Optik, ein schwaches, wie viel zu klar konstruiertes Drehbuch und ein belangloser Soundtrack drücken „Disturbia“ endgültig nach unten.

Bewertung: 3/10 Sternen