"Dracula Untold" (USA 2014) Kritik – Zahnlose Geburtsstunde des Fürsten der Dunkelheit

Autor: Pascal Reis

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„What kind of man crawls into his own grave in search of hope?“

Mit weit über 250 Auftritten in den verschiedensten Filmen zählt Graf Dracula wenig überraschend zu den prominentesten Literaturfigur, die jemals ihr Unwesen auf der Leinwand treiben durften. Die Qualität der jeweiligen Werke lässt sich wohl in jeder Güteklasse antreffen, vom miserablen Trash, zur zielgruppenorientierten Nullnummer bis hin zur fundierten Meisterleistung. Den Grafen respektive den Fokus der Narration jedoch erleben wir immerzu in einer Phase, in der die Metamorphose vom Menschen zum Fürsten der Dunkelheit längst abgeschlossen scheint. Es ist die mühsame Akzeptanz der eigenen Untersterblichkeit, den der dramaturgischen Effekt ins Visier nimmt, Gesetz dem Fall, man manifestiert Dracula als ein von tiefer Tragik eingenommenes Geschöpf, das sich seiner Existenz zunehmend überdrüssig wird, dieser eigenmächtig kein Ende setzen kann. Aber wie wurde Graf Dracula eigentlich zu diesem ikonischen Blutsauger, dessen umfassende Mythologie sich global einer enormen Popularität erfreuen darf? Newcomer Gary Shore geht dieser Frage in „Dracula Untold“ auf den Grund.

Wie kürzlich bekannt geworden ist, entwickeln Alex Kurtzman („Star Trek Into Darkness“) und Chris Morgan („47 Ronin“) einen neuen, dem Marvel-Cinematic-Universe ähnlichen Kino-Kosmos für Universum, in dem sich die Ur-Monster Frankenstein, Die Mumie und der Wolfsmann aufhalten und aufeinandertreffen. Allerdings bildet nicht, wie eigentlich geplant, der 2016 in die Lichtspielhäuser kommende „Die Mumie“ den Auftakt des Franchise, sondern Gary Shores „Dracula Untold“, der sich zum Ende der Dreharbeiten noch dazu gezwungen sah, einige Szenen neu zudrehen, um Draculas Rolle in der anstehenden Reihe kohärenter anzupassen und einzugliedern. Es ist ein risikofreudiger Schritt, einem Debütanten ein Budget von üppigen 100 Millionen Dollar zum Verpulvern zu überlassen, und angesichts des mäßigen Box-Office-Ertrags, der „Dracula Untold“ mehr oder weniger zum Flop degradiert hat, muss wohl mal wieder verkündet werden, dass sich der Mut der Produktionsfirma nicht unbedingt ausgezahlt hat. Die Katastrophendimension andere Filme, „John Carter – Zwischen den Zeiten“ beispielsweise, hat „Dracula Untold“ natürlich nicht erreicht.

Der Titel „Dracula Untold“ trägt eine ungemein vermessene Attitüde mit sich herum, aber nur, weil man sich an die endlosen Streifen gemahnt fühlt, in denen Dracula repetitiv den Hälsen dickbrüstiger Damen hinterherjagte. „Dracula Untold“ schneidet kinematographisch tatsächlich ein neues Kapitel an und begrüßt uns nicht mit dem blutdürstigen Eckzahn, sondern dem Adligen Vlad Tepes („Luke Evans, „Fast & Furious 6“), der in seiner Kindheit als Sklave im Osmanischen Reich zum Töten gezwungen wurde, als Erwachsener jedoch wieder zurück in sein beheimatetes Fürstentum kehrt, um den Platz seines verstorbenen Vaters als Fürst einzunehmen. Sein langjähriger Freund Mehmed (Dominic Cooper, „Need for Speed“) sucht ihn eines Tages in der transsylvanischen Provinz auf und fordert 1000 Jünglinge ein, die er zur Kampfausbildung bereitstellen will. Vlad, der sich im Klaren darüber ist, welches Schicksal den Jungen blühen würde, hat er es doch seiner Zeit am eigenen Leibe erfahren, sieht sich gezwungen, sich seinem einstigen Gefährten in den Weg zu stellen, was nicht nur den Bruch der Freundschaft, sondern auch einen Angriff der Osmanischen Kräfte heraufbeschwört.

So viel zum historischen Kontext, in dem sich „Dracula Untold“ aufhält. Dass „Dracula Untold“ selbstredend keinerlei Ambitionen dahingehend hegt, den historischen Konflikt zu grundieren, sondern diesen direkt mit seiner Eskalationen einleitet, war absehbar. Der von Matt Sazama und Burk Sharpless geschriebene „Dracula Untold“ geriert sich als traditioneller Versuch, die fiktive Kunstfigur Dracula auf ihren geschichtlichen Paten zurückzuleiten. Vlad Tepes war eine Bestie, die das Leben tausender Unschuldiger in Kauf genommen hat, um seine psychologische Kriegsführung zu verdichten und all die Menschen, die seiner Klinge zum Opfer gefallen sind, in bestialischer Methode auszustellen: Er pfählte ihre Körper. Da sich Vlad Tepes der Übermacht der Osmanen aber hilflos ausgeliefert sah, suchte er Unterstützung in einer Höhle im Reißzahngebirge, in der der Vampir Caligula (Charles Dance, „Ironclad – Bis zum letzten Krieger“) haust. Dort geht Vlad dann schließlich einen mephistophelischen Pakt ein, der ihm übernatürliche Kräfte verleiht und dem Kampf gegen die – jetzt nur noch in Zahlen überlegenen – Türken, weitaus optimistischer entgegenzublicken. Punkt. Ach nein, „Dracula Untold“ wird auch noch ein um Ernsthaftigkeit bemühtes Familiendrama angedichtet.

Den Gewissenszwist des Fledermausmannes haben wir nun schon einmal zu oft gesehen, und wenn „Dracula Untold“ ganz metaphorisch die Liebe zur Familie über den Blutdurst stellt, um letztlich doch in dem positivistischen Gedanken bestätigt zu werden, dass die Seelen unserer Geliebten auch in anderen Körpern, über Generationen verteilt, weiterleben, dann ist dieses aufgeplusterte Superheldenmär längst im abgeschmackten Raum billigster Larmoyanz angekommen. Aber allgemein fehlt „Dracula Untold“ der originäre Charakter, der über die Verknüpfung von Fiktion und Historik hinausgeht und einen gewissen Charme, einen gewissen Enthusiasmus generiert. Die computeranimierten Bilder halten einige ansehnliche visuelle Sperenzchen bereit, die Massenszenen erschöpfen sich jedoch in gähnender Beliebigkeit und dass die Osmanen vor allem für backenbärtig-tendenziöse Klischees herhalten müssen, während der (anfangs) latent ambivalente Vlad zum Superhelden stilisiert wird und vom sich aufplusternden Orchester, von Blitz- und Donnergroll begleitet das Schlachtfeld mit fieser Miene heimsucht, hat mehr von lieblos-eklektischem Fantasy-Ramsch, denn epischem Eskapismus.