"Drag me to Hell" (USA 2009) Kritik – Sam Raimi kehrt zurück zu seinen Wurzeln

„Sie haben mich beschämt!“

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Schon als 23 jähriger Jüngling setzte der amerikaner Sam Raimi einen Film in die Welt, der ihn bis heute zu einem der Kultregisseure in der Geschichte des Horrorfilms macht. Mit wenigen Mitteln und einigen Freunden zauberte er die Trash-Perle ‚Tanz der Teufel‘, die heute noch genauso für Spaß sorgt, wie im Jahr 1981. Auch die treuen Fans stehen heute noch hinter dem Filmemacher mit polnischen Wurzeln und nehmen jedes neues Projekt mit Freude auf. Wenn wir jedoch mal über die ‚Tanz der Teufel‘-Trilogie hinausblicken, hat Sam Raimi noch etwas ganz anderes großes geschaffen. Im Jahr 2002 wurde ihm die Ehre zuteil, die extrem beliebte Comicfigur Spider-Man zu verfilmen und auf die Leinwände du bringen. Raimi zeigte, das er ein Könner ist und nicht nur ‚Spider-Man‘ gehört zu den besten Comicverfilmungen, sondern auch ganz besonders ‚Spider-Man 2‘, in dem sich Raimi schlichtweg selbst übertraf und einen Blockbuster der Extraklasse schuf. Auch ‚Spider-Man 3‘ konnte sich durchaus sehen lassen und rundete die Trilogie stark, wenn auch etwas schwächer als die Vorgänger, ab. Sehen wir uns die weitere Filmografie von Raimi an, muss man jedoch feststellen, dass neben den beiden Trilogien nicht wirklich große weitere Erfolge vorzufinden sind. Daher lag es 2009 auch nahe und ganz zur Freude seiner Fans, dass sich Raimi mit ‚Drag me to Hell‘ wieder zurück in das Horrorgenre bewegte und seine vergessenen Stärker erneut toll zum Vorschein brachte.

Die hübsche Kreditsachberaterin Christine kämpft um den Job der stellvertretenden Filialleiterin ihrer Bank, was ihr dazu nur noch fehlt, ist, dass sie in ihrem Umgang noch etwas konsequenter und ausgefuchster wird. Als sie einen Antrag auf eine Kreditverlängerung von einer alten Zigeunerin ablehnt, belegt diese Christine mit einem schreckliche Fluch: dem Lamia. Gemeinsam mit ihrem Freund sucht Christine in ihrer Verzweiflung einen Hellseher auf, um endlich klarzustellen, was es mit diesem grausamen Fluch auf sich hat, doch auch er ist überfordert und der Dämon lässt Christine nicht mal in ihren Träumen ihre Ruhe…

„Back to the roots“ hieß es also für Sam Raimi. Ein überaus kluger Schritt, denn den Blockbustern konnte er mit seinem Talent nichts mehr schenken, was sich schon in ‚Spider-Man 3‘ abzeichnete, den er etwas zu voll packte und der Klasse der Vorgänger nur hinterherrennen konnte. Nun geht es zurück in die Welt des Grauens und dem Horror, doch hier gibt es keine Untoten oder sonstige wahnsinnigen Masken- und Serienkiller, sondern es geht um die Flüche und mit denen ist ebenso wenig zu spaßen. Wo ‚Tanz der Teufel‘ seine Atmosphäre noch aus der engen und ausweglosen Waldhütte ziehen konnte, setzt Raimi in ‚Drag me to Hell‘ nun auf keinen klaren Raum, sondern verteilt seine Schauplätze in der ganzen Stadt. Ob an Christines Arbeitsplatz, in ihrem trauten Heim, auf dem Grundstück der Eltern ihres Freundes, in einer Zigeunerbude oder in einer alten Villa. Hier gibt es keine Grenzen, auch nicht im Verstand der Gepeinigten. Das soll jedoch kein Kritikpunkt sein, ganz im Gegenteil, denn auch ‚Drag me to Hell‘ besitzt eine wunderbare Atmosphäre, die sich in ihrem vollen Wahn um den Zuschauer klammern kann und auf eine Gruselfahrt durch die eigene Hölle mitnimmt. Dazu verhelfen zum einen natürlich die klaren Bilder von Peter Deming und auch der polternde Score von Christopher Young. Auch die Schauspieler machen ihre Sache gut, man sollte nur keinen Bruce Campbell-Verschnitt erwarten, denn den kann Hauptdarstellerin Alison Lohman natürlich nicht imitieren. Sie tut ihr nötigstes, schreit, schlägt zurück, haut auf den Putz und sieht dabei auch noch gut aus. Auch der sympathische Justin Long macht als Freund Clay wieder eine gute Figur, genau wie Lorna Raver als widerliche Zigeuneroma Sylvia Ganush.

Als wäre der berufliche Stress nicht schon genug, den Christine durch die mögliche Aufstiegschance hat, kommt auch noch ein ganz blöder Fluch dazu. Ihr Kontrahent Stu macht ihr das Leben durch seine recht nervige und kopflose Art nicht leichter, was natürlich irgendwo verständlich ist, denn die Position des stellvertretenden Filialleiters will auch er gerne haben, obwohl er erst neu in der Bank ist. Christine, die eigentlich eher eine schüchterne und herzliche Person ist, muss sich also etwas tougher zeigen und ihrem Gegenspieler die Stirn bieten. Da kommt die alte Zigeunerin eigentlich gerade richtig, denn hier kann Christine zeigen, dass sie auch hart bleiben kann, wenn es der Job verlangt. Nur leider sieht die alte Dame mit dem blinden Auge das gar nicht gerne und belegt Christine mit einem Fluch, der ihr die kommende Tage zur Qual machen wird. Ihr Freund Clay hält davon rein gar nichts und auch Hellseher sind für ihn nur billige Trickbetrüger. Nachdem jedoch immer deutlicher wird, dass hier wirklich etwas nicht mit rechten Dingen vorgeht und Christine bis an die Grenzen des Erträglichen getrieben wird, muss etwas geschehen und der Dämon aus Christines Körper mit einigen anderen Austreiber verscheucht werden. Das erweist sich allerdings als schweres Unterfangen, denn wäre da nicht schon das Grauen durch den Lamia-Fluch, halten sie auch ihre Mitmenschen langsam für durchgeknallt und der Weg für die mögliche Verbesserung führt direkt in ein vermodertes Grab.

‚Drag me to Hell‘ hält dem Vergleich zu ‚Tanz der Teufel‘ natürlich nicht stand, dazu fehlt es Raimis Inszenierung dann doch an einigen Ecken am nötigen Drive und dem einstigen Ideenreichtum. ‚Drag me to Hell‘ sollte man eher als lockere Entspannungsübung des Regisseurs ansehen, der einfach mal wieder Lust und Laune auf einen abgedrehten Horror-Streifen hatte und diesen auch dementsprechend aus dem Ärmel geschüttelt hat. Das soll nun keinesfalls bedeuten, dass Raimi nicht mit Liebe bei der Sache war, aber etwas Weltbewegendes wollte er hier sicher nicht schaffen. Wir bekommen es mit einem blökenden Ziegenbock, gruseligen Schatten, überraschende Blutfontänen aus Mund und Nase und einer abstoßenden Zigeunerin mit viel Glibber, Rotz und Speichel zu tun. Das inszeniert Raimi so derart übertrieben, dass ‚Drag me to Hell‘ nicht nur zum Fürchten gemacht ist, sondern auch klar der Spaß seinen Anteil bekommt, ganz besonders der Autokampf bleibt dabei im Gedächtnis. Raimi hatte sichtlich Freude und lässt all das zusammenfließen, was ihn einst ausmachte. Die Kreativität, die Kompromisslosigkeit, Ekel und Blut. All das vermischt in einem Topf und gewürzt mit einem bösen Fluch und fertig ist das bunte Treiben. ‚Drag me to Hell‘ ist einfach gute Unterhaltung, mit Atmosphäre, Schocks und Lachern, die Raimi frei nach trashiger Herzenslust auftischt und von niemandem erwartet, hier wirklich vollkommen ernstgenommen zu werden, denn das Augenzwinkern ist unübersehbar und die Botschaft glasklar: leg dich bloß nie mit Zigeunern an.

Fazit: Mit ‚Drag me to Hell‘ hat Raimi einen Streifen aus dem Ärmel geschüttelt, der klar über jedem Horror-Standard liegt und bei dem der Spaß am Filmemachen im Vordergrund stand. Mit ekeligen Szenen, komischen Einlagen, vielen Übertriebenheit und den Hang zum Erschrecken machte Raimi seine Rückkehr in die alten Kreise zum riesigen Spaß und lässt den Fluch sein herrliches Unheil anrichten.

Bewertung: 7/10 Sternen