„Drecksau” und „Finsterworld“ – Unsere Kritiken zu den Kinostarts der Woche

Autoren: Conrad Mildner, Philippe Paturel

„Drecksau“ von Jon S. Baird, u.a. mit James McAvoy

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James McAvoy als korrupter, schottischer Cop Bruce Robertson, der vor nichts zurückschreckt, um befördert zu werden. Anfangs ist „Drecksau“ eine wirklich mehr als gelungene schwarzhumorige Krimikomödie, die ungemein viel Spaß macht. Die Pointen sitzen, kommen teilweise knüppelhart und selten hat man in den letzten Jahren einen dermaßen asozialen und unsympathischen Charakter wie Bruce (kongenial von McAvoy gespielt) erlebt, den man trotzdem nur abfeiern kann. Doch leider ist „Drecksau“ am Ende einer dieser Filme, die das Tempo aufgrund der limitierten Möglichkeiten der simplen Story nicht halten können und meinen, sie müssten in der Mitte des Films einen neuen Pfad einschlagen. Weg von der Krimikomödie, hin zum Charakterdrama, welches „Drecksau“ unbedingt auf eine bedeutsamere Ebene heben möchte, die der Film eigentlich aber gar nicht nötig gehabt hätte. Regisseur Jon S. Baird möchte den Zuschauer, der vorher über die zahlreichen schwarzhumorigen Szenen gelacht hat, entlarven. Diese Aufklärung bleibt allerdings ein absolut unnötiges Unterfangen, welches das Gesamtbild der Krimi-Dramödie nur trübt, da Baird die Symbiose zwischen Ernsthaftigkeit und Humor nicht immer überzeugend gelingt. Vor allem der abrupte Genre-Wechsel wirkt dabei sehr ungelenk. Sobald der Film jedoch wieder in die Bahnen findet, überzeugt auch der ernstere zweite Teil – von der unnötigen Nebenhandlung in Hamburg mal abgesehen – größtenteils, womit „Drecksau“ im Großen und Ganzen nach Danny Boyles „Trance“ ein weiterer mutiger, britischer Film, eine willkommene Abwechslung im Genre-Einheitsbrei und ein durchaus sehenswerter Krimi gepaart mir surrealen Szenen, viel Wortwitz, einer passenden Thematik, nötiger Härte und einem durchaus konsequenten Ende, welches die Gemüter allerdings spalten dürfte, ist. „Drecksau“ ist von allen Beteiligten gefühlvoll inszeniert und gespielt, musikalisch mit Songs wie Shirelles „Will you still love me tomorrow“ passend untermalt und daher, trotz der ein oder anderen Drehbuchschwäche und den damit verbundenen dramaturgischen Durchhängern, eine weitere gelungene Verfilmung eines Irvine Welsh Romans.

„Finsterworld“ von Frauke Finsterwalder, u.a. mit Corinna Harfouch

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Schon der Titel impliziert einen Bruch, der immer wieder vielfach codiert im Film auftaucht. Schriftsteller Christian Kracht und Ehefrau/Filmemacherin Frauke Finsterwalder führen in ein verzerrtes, comicartiges Deutschland der strahlenden Sonnen und leuchtenden Farben. Aus dem Nachnamen der Regisseurin wird eine brecht’sche Schattenwelt, aus dem Finsterwald wird die Finsterworld, Autobahn trifft auf „Ghost World“, Gaskammer auf Fabelwesen und der Bruch im Filmtitel wuchert wie ein Geschwür über die Leinwand. Eine Klasse in Schuluniform macht mit ihrem Geschichtslehrer (Christoph Bach) eine Exkursion zu einer KZ-Gedenkstätte. Der stille Dominik (Leonard Scheicher) und seine Freundin Natalie (Carla Juri) sind Außenseiter. Später läuft Dominik weg als er sieht wie Natalie mit dem Erzfeind rumknutscht. Parallel fährt ein reiches Ehepaar (Corinna Harfouch & Bernhard Schütz) mit Vorliebe für nicht-deutsche Autos durchs Land und die Dokumentarfilmerin Franziska (Sandra Hüller) leidet unter ihrem sterbenslangweiligen Projekt. Den Frust lässt sie an ihrem Freund Tom (Ronald Zehrfeld) aus, der sich gerne heimlich als Eisbär verkleidet und mit anderen „Furrys“ Kuschelpartys feiert. Diese und noch andere Geschichten finden Platz in Finsterwalders Debütfilm, die zuvor, wie ihre Figur Franziska, Dokumentarfilme gedreht hat. „Finsterworld“ lässt den üblichen Realismus à la „Berliner Schule“ und Co. hinter sich und entwirft ein skurriles Abbild Deutschlands, dass sich nicht zu feige ist die richtigen Fragen zu stellen; Fragen über nationale Identitäten, gesellschaftliche Isolation und Schuld, besonders deutscher Schuld, ergo vererbter Schuld. Die strahlenden Farben, ohnehin erinnert „Finsterworld“ nicht von ungefähr an einen Wes-Anderson-Film, die Märchenmotive und Meta-Spielchen machen den Film nicht unglaubwürdig. Sie machen ihn seltsam realistisch und schärfen den Blick. Wann wurden schon mal in einem deutschen Film Michael Haneke und Antonionis „Liebe 1962“ zitiert? Sandra Hüller sollte definitiv mehr komische Rollen spielen. Sie ist wunderbar als quasi Alter-Ego Finsterwalders. Franziskas dokumentarische Suche nach Bedeutung führt in den Händen Krachts und seiner Frau zu einer radikalen Fiktionalisierung. „Finsterworld“ ist zwar auch ein überladener Film ohne Gleichgewicht, aber dafür bricht er mit dem üblichen Deutschmief; ein gebrochener Film, ein Film der Brüche, angefangen beim düsteren Titel.