"Drecksau": Unser Interview mit James McAvoy

nullAutor: Stefan Geisler

Am 17, Oktober startet mit Jon Bairds „Drecksau“ eine weitere Roman-Adaption des Kultautoren Irvine Welsh in den deutschen Kinos. Wir hatten die Gelegenheit ein Interview mit dem Hauptdarsteller James McAvoy zu führen und haben mit ihm über Hamburg, die Leiden des Filmhelden und seine Deutschkenntnisse gesprochen. Aber Achtung, gleich in der ersten Frage, wird heftig gespoilert. 😉

Jon Baird ist ein Newcomer im Filmgeschäft, hat es Spaß gemacht mit ihm zu arbeiten?

James McAvoy: Ja, er ist ein fantastischer Regisseur und er hatte eine tolle Vorstellung davon, wie man dieses fast unverfilmbare Buch auf die Leinwand bringt. Das ist nämlich gar nicht so einfach, da Irvines Bücher einfach unglaublich sind. Er war jahrelang mein Lieblingsautor, aber seine Bücher lassen sich kaum verfilmen, da sie nicht auf eine lineare Erzählstruktur setzen, die Filme normalerweise brauchen, um das Publikum über 90 oder 120 Minuten zu beschäftigen. „Trainspotting“ bildet da die Ausnahme, es ist einfach eine brillante Adaption des Buches. Es ist nicht wirklich ein Film über Drogen, sondern ein Film über eine Gruppe von Freunden, die sich auseinanderleben. Das war der rote Faden, den sie dem Film gaben. Und auch in unserem Film geht es nicht vorrangig um Alkohol und Drogen, es geht um die Psyche dieses Typen und wie sie langsam zerbricht. Diesen Aspekt haben wir Jon zu verdanken, denn das ist so nicht im Buch zu finden, denn dort stehen eher Bruces schlechte Taten im Vordergrund. Erst am Ende geht es dann auch noch um dessen psychologische Probleme, aber auch um seinen körperlichen Zerfall, denn dann fällt ihm beispielsweise sein Schwanz ab (lacht). Jon hat den Film um diese psychologische Achterbahnfahrt bereichert, er lässt Bruces Hirn implodieren und ihn einen Nervenzusammenbruch erleiden. Am Anfang gibt sich Bruce noch als starker Charakter: „Ich bin der verdammte Bruce Robertson, ich bin mächtig und stark“. Doch der Zuschauer denkt sich: „Nein, ist er nicht. Aber irgendwie ist er ganz witzig.“ Dann entdeckt man, dass er ein Alkoholiker ist, dann wird es immer schlimmer und man denkt sich: „Oh, er ist ein verdammter Junkie“. Dann bemerkt man, dass er nicht nur Alkoholiker und Junkie, sondern auch noch psychisch krank ist. Dann denkt man sich: „Oh, mein Gott, er denkt, er wäre seine Frau. Oh, mein Gott, er ist ein Transvestit. Oh, mein Gott, er ist eigentlich an Männern interessiert. Oh, mein Gott, Oh, mein Gott, OH MEIN GOTT… Er wird sich das Leben nehmen.“ Deswegen war es ein Vergnügen, mit Jon zu arbeiten. Er hat es geschafft, einen Weg durch diese kranke und wundervolle Welt von Irvine zu finden.

Hast du dich auf die Rolle in einer speziellen Weise vorbereitet?

James McAvoy: Eigentlich nicht wirklich. Ich habe mich darauf vorbereitet, indem ich einen anderen Film gedreht habe. Ich stand für Danny Boyle in „Trance“ vor der Kamera. Dadurch hatte ich nicht so viel Zeit, mich auf diesen Film vorzubereiten. Ich bereite mich allerdings nie wirklich vor. Die Vorbereitung steckt im Skript, und wenn das Skript wirklich gut ist, dann ist alles ok. Und das Skript zu „Drecksau“ war wirklich gut. Letztendlich bestand meine Vorbereitung daraus, dass ich zu viel gegessen und getrunken habe. Hauptsächlich Guinness und Fast Food, weil ich mich schlecht fühlen wollte und schlecht aussehen wollte. Ich wollte, dass meine Haut regelrecht grau aussieht. Ich rauchte unheimlich viele Zigaretten, so ungefähr 40 am Tag. Ich will kein Method Actor sein, so etwas mache ich gewöhnlich nicht, aber ich wollte mich körperlich verbraucht fühlen. Das hat auch geklappt, das war großartig. Am Anfang hat diese Art der Vorbereitung echt Spaß gemacht, aber nach 4-5 Wochen war es einfach nur noch schrecklich.

Hat sich in der Zeit jemand über deinen Geruch beschwert?

James McAvoy: Nein (lacht). Gott sei Dank nicht.

nullIm Film spielst du den Polizisten Bruce Robertson, ein fieses Arschloch, das keine Gesetze respektiert und sich total egoistisch verhält. Würdest du sagen, dass Bruce Robertson eine Art Galionsfigur für alle unterdrückten Arbeiter ist?

James McAvoy: Ich weiß nicht. Bruce ist kein Vorbild. Er zeigt nicht, wie die Arbeiter sein sollten. Er zeigt höchstens, wie sie möglicherweise sein können. Er steht weniger für unterdrückte Arbeiter, sondern eher für Leute, die Angst haben. All diese Gemeinheiten, sein gesamtes anormales Verhalten kommt daher, dass er Angst hat. Er fürchtet sich davor, dass Andere stärker sein könnten als er. Er ist schwach und er weiß es. Und er weiß, seit seinem 8. Lebensjahr, dass er schwach ist, denn da sagte sein Vater zu ihm: „Du bist nicht mein Sohn. Du bist ein Bastard. Du bist Nichts. Geh mir aus den Augen.“ Von diesem Moment an weiß er, dass er ein Nichts ist, dass er schwach ist, also gibt er vor, stark zu sein. Man kann also sagen, dass er jedes Mal, wenn er etwas Böses tut oder sagt das aus Angst macht. Er hat Angst vor starken Frauen, er hat Angst vor den Schwulen und Lesben, Angst vor starken Schwarzen, vor Japanern, er hat einfach vor jedem Angst, der sich von ihm unterscheidet und dadurch stärker als er sein könnte. Er fühlt sich in eine Ecke gedrängt und deswegen gibt er vor, stark zu sein und auch wenn ihn niemand in eine Ecke drängt, teilt er kräftig aus, weil er die ganze Welt gegen sich sieht. Er hält dieses Verhalten für einen genialen Schachzug. Aber letztendlich hat er einfach Angst davor, seine Schwäche zu zeigen und dadurch angegriffen zu werden. Er ist ein bisschen wie Rowan Atkinson in „Blackadder“. Der hielt sich auch immer für unheimlich clever und war es dann doch nicht. Und Bruce ist lange nicht so clever, wie Blackadder. Immerhin ist es ein großer Spaß für den Zuschauer, denn es ist einfach unglaublich unterhaltsam einen Idioten zu beobachten, der sich für genial hält.

Warum ist seine Kollegin Amanda die Einzige, die Bruce die Stirn bietet?

James McAvoy: Ich weiß nicht, vielleicht weil sie Engländerin ist? (lacht) Vielleicht ist sie einfach sensibler. Bruce hat viele Probleme. Er hat Probleme mit seinem Vater, mit Alkohol und Drogen, mit anderen Männern. Er hat Probleme damit, dass seine Frau und seine Tochter ihn verlassen haben, übrigens eine Sache, die er nie überwunden hat. Er hat mentale Probleme, denkt er wäre eine Frau und ist nachts als Frau unterwegs. Er hat eine weibliche Seite, man könnte fast sagen „Frauenprobleme“ und ich denke, dass die Frauen in seinem Leben, also Amanda und Joanne Froggatts Charakter, etwas Besonderes in ihm sehen, vielleicht seine kaputte Natur. Sie können sehen, wie zerbrechlich er eigentlich ist. Es muss wohl an der femininen Empathie liegen.

Bruce Robertson ist nahezu von allem und jedem in seiner Umwelt genervt. Gibt es etwas, was dich persönlich so richtig auf die Palme bringt?

James McAvoy: Fehlender Respekt. Das ist es eigentlich schon. Im Straßenverkehr werde ich auch manchmal sauer, aber eigentlich nicht so oft. Ich bin da nicht heftig drauf wie Bruce Robertson.

nullIm Film spielst du einen richtigen Fiesling. Welche von Bruce Robertson Gemeinheiten hat dir am meisten Spaß gemacht und wobei hast du dich richtig schlecht gefühlt?

Ich habe mich nur einmal richtig schlecht gefühlt und das gleich am ersten Drehtag. Und zwar in der Szene, in der Bruce ein 15-jähriges Mädchen dazu bringt, ihm einen zu blasen. Das war heftig. Eigentlich war sie nicht 15, sie war 20. Sie heißt Bobby (Bobby Rainsbury), eine tolle Darstellerin, aber das war trotzdem sehr seltsam.

Du musstest die Szene gleich am ersten Tag drehen?

James McAvoy: Ja, ziemlich hart, nicht wahr? Gleich am ersten Drehtag gab es die Feuertaufe. Was hat mir am meisten Spaß gemacht? Es gibt so viele großartige Szenen. Mir gefällt zum Beispiel die Szene, in der ich das Ecstasy in Bladeseys‘ (Eddie Marsan) Drink schmeiße und er endlich einmal aus sich raus kommt. Eigenartigerweise ist meine Lieblingsszene, wenn ich masturbiere, dabei telefoniere und mir Bilder von meiner Frau und meiner Tochter anschaue und mich am Telefon als Frank Sidebottom ausgebe. Das war vielleicht eine bizarre Szene, aber es ist gleichzeitig auch die Szene, bei der ich am meisten Spaß hatte (lacht).

Wo wir gerade über Frank Sidebottom sprechen, ist „Frank Sidebottom Shed Show“ eine Kindersendung?

James McAvoy: Nein, absolut nicht. Frank Sidebottom war eine alternative Late-Night-Comedy-Show aus den späten 80ern und frühen 90ern. Er war ein abgedrehter, verrückter Komiker, aber es war auf jeden Fall eine Sendung für ein erwachsenes Publikum.

Ich muss gestehen, dass ich diesen Charakter ziemlich verstörend fand.

James McAvoy: Mein Kumpel Michael Fassbender hat ihn gerade in „Frank“ gespielt. Schon irgendwie verrückt, dass wir beide wieder im neuen X-Men zusammen spielen werden und er gerade als Frank Sidebottom vor der Kamera stand, während ich in „Drecksau“ am Telefon Frank imitiere.

In „Drecksau“ geben sich Bruce und Bladesey auch in Hamburg ordentlich die Kante. Wie war der Dreh in Hamburg?

James McAvoy: Wir haben drei Tage dort gedreht, das waren gleichzeitig auch unsere letzten Drehtage. Eigentlich wollten wir diese Szenen in Amsterdam drehen, aber wir hatten einen deutschen Producing-Partner, deswegen haben wir dann doch in Hamburg gedreht. Im Buch ist es Amsterdam, aber der Ortswechsel war auch nicht dramatisch, denn auf der Reeperbahn konnten wir im Endeffekt genau Gleiche zu tun, wie in Amsterdam. Denn Bruce macht diesen Trip ja, weil er auf schnellen Sex aus ist. Bladeseys will in die Museen, aber Bruce geht es doch nur um den Spaß und die Muschis. Es gab aber einen sehr seltsamen Moment während des Drehs: Die letzte Szene, die wir drehen sollten, spielt auf der Reeperbahn. Wir hatten ungefähr 40 Komparsen, aber es waren knapp 1000 Leute auf der Reeperbahn. In einer Szene auf der Reeperbahn gibt es eine seeeeeeehr lange Einstellung, circa 2-3 Minuten und ich sollte während dieser Szene einfach nur laufen und mich wie Bruce benehmen. Wir standen unter Zeitdruck und ich habe einfach improvisieren. Die Szene haben wir drei- viermal wiederholt und um Zeit zu sparen, haben sie zwischen den Szenen einfach immer wieder schnell die Komparsen um mich herum platziert, um mich abzuschirmen, damit ich nicht in der Masse der Reeperbahn-Besucher verloren gehe. Und in dieser Szene sollte ich sollte einen der Komparsen am Kragen packen und fragen: „Wo ist meine Frau, wo ist mein Kind?“. Leider sah auf einmal die Frau, die ich da am Kragen hatte, nicht mehr wie ein Komparse aus und ich dachte nur noch: Verdammt, das ist kein Komparse, das ist eine echte Person! Oh, Scheiße! Und plötzlich schubste mich dann auch noch ein Typ, wahrscheinlich ihr Freund und da wusste ich natürlich, dass es kein Komparse war. Das war mir dann aber auch egal, ich dachte mir „Scheiß drauf“ und habe ihn einfach kräftig zurück geschubst. Danach wurde es ziemlich chaotisch und ich bin umgefallen. Das haben die sogar in den Film geschnitten. Und auch die Szene, in der in den Typen schubse, ist im Film gelandet. Irgendwie seltsam. Das war dann auch der Moment in dem ich froh darüber war, dass es der letzte Drehtag war.

nullIm Film lässt du uns auch an deinen Deutschkenntnissen teilhaben und benutzt den deutschen Ausdruck „Arschficken“. Kennst du noch andere deutsche Wörter, oder ist „Arschficken“ das einzige deutsche Wort, das du kennst?

James McAvoy: Arschficken. Arschficken! (lacht) Ich kann „tschüss“ sagen. Ich finde „tschüss“ so süß, ich liebe es, wenn Leute „Tschüssi“ sagen. Ich finde es echt niedlich. Ein paar andere Sachen kann ich aber auch noch sagen. Das übliche halt: Ich kann Sachen bestellen, Begrüßungen, usw. Aber meine Deutschkenntnisse sind nicht wirklich gut.

Warum wirst du in deinen Filmen eigentlich immer verprügelt? In fast jedem Film wirst du zusammengeschlagen oder irgendwie anders misshandelt, so zum Beispiel in „Der letzte König von Schottland“, „X-Men“, „Trance“ und sogar in „Narnia“. Und natürlich kriegt auch Bruce in „Drecksau“ wieder kräftig eins auf die Mütze. Ist das so eine Art schmerzhafte Tradition in deinen Filmen?

James McAvoy: Ja, das muss irgendwas mit meinem Gesicht zu tun haben, denn die Leute mögen es anscheinend, wenn sie sehen, wie ich malträtiert und verprügelt werde (lacht). Aber das ist schon ok, ich nehme es auf mich, so lange sie mich nicht wirklich mit einem Mixed-Martial-Arts-Kämpfer in einen Käfig sperren. Wenn du dich mit einer Filmfigur wirklich verbunden fühlst, mit dem Helden eines Films, dann willst du natürlich, dass dieser Typ gewinnt, aber du willst gleichzeitig auch, dass er zusammengeschlagen wird. Es ist wichtig, dass der Charakter verprügelt wird, damit man als Zuschauer mitleiden kann und sich denkt: „Nein, schlagt ihn nicht zusammen!“ Bruce ist zwar kein Held, wahrscheinlich gilt das in diesem Fall dann gar nicht. James Cagney erzählte mal, dass immer wenn er im Film gegen einen kleineren Typen kämpfen sollte, denn er selbst war auch nicht der Größte, er immer nach einem größeren Gegner verlangte. Deswegen geht James Cagney typischer Schlag auch immer so (springt auf und schlägt nach oben), weil er immer gegen größere Gegner kämpft. Ich denke, dass die Zuschauer sehen wollen, wie der Held auf Widerstände reagiert. Das Publikum will den Held einfach übel zugerichtet sehen (lacht).

Tschüss. Und danke für das Interview

James McAvoy: Danke Jungs, hat Spaß gemacht. Tschüss (lacht).