"Drive" (USA 2011) Kritik – "There’s Something About You, It’s Hard to Explain"

„I drive.“

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Was ich im Vorfeld alles über „Drive“ gelesen hatte. Sätze wie „Travis Bickle in L.A.“, „Der beste 80er Film, der nicht in den 80ern gedreht wurde.“ oder „Gleich zu Beginn schreibt „Drive“ Filmgeschichte […]“ ließen meine Erwartungen ins Unermessliche steigen. Im Nachhinein bin ich trotzdem geflasht, denn der Film wird absolut jeder positiven Kritik gerecht.

In Zeiten, in denen versucht wird, visuell mit den pompösesten Special-Effects zu protzen, wagt Nicolas Winding Refn mit „Drive“ einen gewaltigen Schritt zurück. Jede Einstellung wird ewig zelebriert. Der Titel ist eine Ironie sondergleichen, denn gefahren wird kaum und Actionverfolgungen à la „Fast & Furious“ sucht man vergebens. Was zählt, ist die Liebe zum Detail, eine gefühlvolle Szene reiht sich an die nächste. Das drückt sich in kleinen Gesten, minimalistischer Inszenierung und akzentuierter Mimik aus.

Das Highlight des Films ist ohne weiteres Ryan Gosling, der hier als fast maultoter Driver nach „Blue Valentine“ erneut eine der eindrucksvollsten schauspielerischen Leistungen der letzten Jahre abliefert. Seine coole, minimalistische Mimik hat mich nicht nur einmal an die herausragende Leistung von Alain Delon in „Der eiskalte Engel“ erinnert. Und dennoch: Sein Charakter ist Teil eines großen Ganzen… der Stadt Los Angeles, welche hier in einem so tödlichen Glanz erstrahlt wie zuletzt in David Lynchs „Mulholland Drive“. Dazu hat Refn Komponist Cliff Martinez engagiert, der hier einen beängstigenden, äußerst stimmungsvollen Score auf die Leinwand zaubert und für jede Einstellung die perfekte Untermalung gefunden hat.

Zugegeben, die Story an sich bietet nicht gerade Neuland. Es sind vielmehr die Aussagen des Films, die Liebeserklärung an das 70er und 80er Jahre Kino und die atmosphärische, nervenzerfetzende Optik, welche diesen Film zu einem der Besten aller Zeiten machen. Hier erfährt der Film Noir in voller Pracht seine Renaissance. Mehr als 45 Minuten dauert es, bis das erste Blut fließt und bis dahin starrt man fassunglos auf den Bildschirm, im Unglauben, was mit dem Medium Film heutzutage noch geboten werden kann. Und sobald Ryan Gosling auf der Leinwand explodiert, ist eines sicher: Nicolas Winding Refn („Valhalla Rising“) hat sich mit seinem Talent in die oberste Liga katapultiert.

Fazit: „Drive“ ist sicherlich nichts für moderne Sehgewohnheiten, allerdings weiss er wie nur wenige andere Filme bis zum schweißtreibenden Finale zu überraschen. Zum Abschluss ein kleiner Ratschlag: Schaut ganz genau hin, denn dann dürfte „Drive“ auch den Weg in Eure Herzen finden.