"Drive" (USA 2011) Kritik – Wenn Gewalt zur Symphonie wird

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Do you remember this?

Das Filmjahr 2012 hat nun endlich auch für mich begonnen. Angefangen mit dem hochgelobten Genre-Mix ‚Drive‘. Nicolas Winding Refn hat sich längst einen zwar eigenwilligen, aber auch besonderen Ruf geschaffen. Nicht zuletzt durch sein hypnotisches Meisterwerk Walhalla Rising. Nun ist Refn in Amerika angekommen, doch wer nun denkt, dass er sich für das Unterhaltungspublikum opfert, könnte falscher kaum liegen. Meine Erwartungen an ‚Drive‘ waren schier unermesslich, doch Refn blieb sich treu und das Ergebnis ist unglaublich beeindruckend.

‚Drive‘ besitzt eine der besten Atmosphären überhaupt. Zu verdanken ist das an erster Stelle Kameramann Newton Thomas Sigel, der den Film wirklich perfekt fotografiert. Die umwerfend stilsicheren und satten Bilder zählen zu den stärksten, die jemals über die Leinwand flimmern durften und erschaffen eine Retro-Atmosphäre der Extraklasse. Mit jeder Szene wird die unbändige Kraft der Bilder weiter aufgebaut und findet ihren absoluten Höhepunkt in der Strandszene, bei der Ron Perlman und Ryan Gosling aufeinandertreffen. Eine Szene, die nie besser aussehen und inszeniert hätte werden können. Doch was wäre ein Film ohne seine Musik. Auch hier fährt ‚Drive‘ die ganz großen Geschütze auf. Mit den fantastisch ausgewählten Liedern wie „Nightcall“ und „A Real Hero“ erhält der Film eine exzellente Untermalung, die immer von diesem einmaligen 80er Jahre Hauch begleitet wird. Durch die kraftvollen Bilder und den berauschenden Soundtrack wird ‚Drive‘ schon ein Highlight für die Sinne und lässt das Herz jedes Filmfans Purzelbäume schlagen.

Auch die Besetzung ist die absolute Oberklasse. Ryan Gosling der unseren namenlosen Driver spielt, liefert nach ‚Blue Valentine‘ die nächste Meisterleistung ab. Mit wenigen Worten holt Gosling alles aus seiner Rolle und erzielt den vollen Ertrag. Sein nuanciertes Schauspiel ist absolut großartig. Carey Mulligan als Iris kann hier natürlich kaum mithalten, überzeug in ihrer Rolle aber dennoch ohne weiteres. ‚Breaking Bad‘-Star Bryan Cranston hingegen liefert als gutmütiger Shannon wieder eine ganz große Vorstellung ab. Und auch Ron Perlman, der ja eigentlich immer super ist, holt aus seiner recht kleinen Rolle alles raus. Zuletzt Albert Brooks als Gangster Bernie Rose. Brooks sticht hier noch am meisten raus und spielt sich in einen absolut genialen Rausch.

Mit den Filmen von Refn werden viele nichts anfangen zu wissen. Das ist bei der ‚Pusher‘-Trilogie‘ so gewesen, das war bei ‚Walhalla Rising‘ so und das wird bei ‚Drive‘ nicht anders sein. Für die einen sind sie viel zu still, zu ermüdend und einfach langweilig. Ohne Frage, Refn schert sich einen Dreck um Unterhaltung. Aber Refn besitzt diese unnachahmliche künstlerische Ausnahmeklasse. Momente die in anderen Filmen völlig nichtig und uninteressant sind, zeichnet Refn mit seiner inszenatorischen Klasse voll aus. Und diese Klasse befindet sich weit weg Standard und macht ihn ohne Probleme zu einem der interessantesten und anspruchsvollsten Filmemacher der jungen Generation.

So schafft er es auch unseren Anti-Helden, den Driver, hochinteressant zurecht zu schleifen. Der Driver ist ein namenloser Mann, ohne jegliche Vergangenheit oder Familie. Er ist allein, arbeitet als Mechaniker und Stuntman. Wenn allerdings die Sonne untergeht zeigt sich das dunkle Gesicht des Identitätslosen. Er ist der beste Fluchtwagenfahrer weit und breit. In brenzligen Momenten zuckt er nicht Ansatzweise mit der Wimper. Der Driver ist die personifizierte Coolness. Mit Skorpionjacke, Zahnstocher, Lederhandschuhen, durchgetretenem Gaspedal und erfrorenem Gesichtsausdruck ist er einfach unschlagbar. Mit einer winzigen Gesichtsregung, einem Wimpernschlag, erzählt er uns mehr über sich als es zehn Lebensläufe tun können. Der Driver handelt aus Instinkt. Bereit über Leichen zu gehen. Als er sich jedoch langsam für Nachbarin Irene interessiert, zeigt der Driver Gefühle. Sogar ein lächeln rutscht ihm gelegentlich über die Lippe. Ein lächeln ist für die Verhältnisse des Drivers ein wahrer Orkan an Emotionen. Er hilft sogar ihrem kriminellen Mann wieder in die richtige Bahn zu finden, leider ohne Erfolg. Der Driver wird in einen Teufelskreis aus blanker Brutalität gezogen. Doch damit hat er kein Problem. Er würde alles tun um Irene zu beschützen. Wie der Skorpion auf seiner Jacke, sticht auch er eiskalt zu. Ohne jegliches Gewissen und ohne Gnade, explodiert er auf dem Bildschirm und nimmt alles und jeden auseinander, der sich ihm in den Weg stellt. Nur um Irene nah zu sein. Der Driver ist mit Sicherheit ein schwieriger, völlig undurchsichtiger Charakter. Doch beim genaueren Betrachten fällt auf, dass er mit seinen Augen das Nötigste erzählt und mehr muss er nicht tun. Genau das macht ihn einfach zu einem der interessantesten Charaktere überhaupt.

‚Drive‘ lässt sich unmöglich in ein Genre einordnen. Es gibt die extremen Gewaltmomente, bei denen kein Stein auf dem anderen bleibt. Es gibt die grandiosen Verfolgungsjagten quer durch die Nacht. Es gibt die romantisch angehauchten Passagen, die unserem gefühlslosen Driver menschlich machen. Und er lässt sich auch ohne Probleme im Dramen-Genre unterbringen. Diese Genres, alle zusammengemischt, machen ‚Drive‘ zu einer der explosivsten wie vielschichtigsten, tiefgründigsten, fast poetischsten Geschichten überhaupt.

Fazit: ‚Drive‘ ist ein Filmerlebnis, das neue Maßstäbe setzt und ein Muss für alle Cineasten und Filmfanatiker. Mit seinen wirklich perfekt gewählten Schauspielern, seiner bahnbrechenden Optik, seinem wunderbaren Soundtrack und Refns genialer Inszenierung wird ‚Drive‘ zu einem überwältigenden Arthouse-Kunstwerk. Brachial, unaufhaltsam, einfühlsam, philosophisch, atmosphärisch perfekt und einfach atemberaubend.