"Ex Drummer" (BE 2007) Kritik – Im Dreck der Unterschicht

„Du weißt schon. Man muss wissen, woher der Wind weht und dafür sorgen, dass einen das Elend nicht fertig macht. Mehr ist es nicht.“

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Belgien ist besonders für sein äußerst süffiges Bier und die knackigen Pommes berühmt. Als Produktionsland für Filme ist Belgien hingegen noch nie so wirklich in Erscheinung getreten. Umso erfreulicher ist es dann, wenn so ein kleines Land, einen Film auf die Welt loslässt, der keinerlei Scheu vor Provokationen hat und auch kein Blatt vor den Mund nimmt. Mit der Romanverfilmung ‚Ex Drummer‘ serviert Belgien uns 2007 einen solchen Film und Regisseur Ken Mortier entführt uns in einen verstörenden Abgrund, bei dem das Lachen schnell im Halse stecken bleiben wird.

Die Bilder des belgischen Untergrunds sind trostlos, grau und erschreckend. Die Schnitte sind schnell und übermannend. Die Musik plärrt aus den Boxen und hämmert sich in die Köpfe der überrumpelten Zuschauer. Kameramann Glynn Speeckaert versteht es, seine Aufnahmen immer bis zum Anschlag auszureizen und lässt sie so unaufhaltsam auf den Zuschauer einprügeln. Die wichtige musikalische Untermalung bekommt ‚Ex Drummer‘ ganz besonders durch krachende und rauchige Punkrocklieder, wie zum Beispiel ‚Mongoloid‘ von Millionaire, oder auch emotionalere Lieder von Mogwai. Die passen mehr als nur perfekt ins Bild und erzeugen diese einmalig-abstoßende Atmosphäre.

Auch bei den Schauspielern beweist Mortier ein äußerst feines Händchen. Vor allem sind es Darsteller, die eine feste Freundschaft zum Regisseur pflegen. Normal Baert als Frontsänger Koen de Geyter, Gunter Lamoot als Bassist Jan Verbeek und Sam Louwyck als Gitarrist Ivan van Dorpe. Das sind die Grundpfeiler der Filmband „The Feminists“, die so authentisch wirken, als wären sie gerade frisch aus ihren Löchern vor die Kamera gezogen worden. Das bekannteste Gesicht, allerdings nur in Belgien, ist der Theaterschauspieler Dries Van Hegen. Van Hegen spielt den reichen Schriftsteller Drier, der tief in den schmutzigsten Sumpf absteigt. Auch Van Hegen bringt durchgehend eine extrem glaubwürdige und starke Leistung.

In ‚Ex Drummer‘ fallen wir tief in das dreckigste Elend der belgischen Unterschicht. Unsere drei Musiker sind sicherlich keine Frohnaturen. Von diesem abartigen Leben, bei dem sie ein Teil sind, wollen sie sich aber gar nicht entfernen. Sie verschwenden nicht einmal einen Gedanken an eine bessere Welt oder Veränderungen. Im Gegenteil. Da wäre der glatzköpfige und lispelnde Sänger Koen, der sich seine Befriedigung beim Frauen vertrümmen und vergewaltigen holt. Wenn er diesem Hobby mal nicht nachgeht, wandert er meistens an der Decke seiner versifften Bude umher und wütet über alles und jeden. Dann der homosexuelle Bassist Jan, der seit einem Masturbationsunfall einen Arm nicht bewegen kann. Seine ebenfalls glatzköpfige Mutter hat Sex mit Koen und sein Vater liegt mit Zwangsjacke gefesselt im Bett und ist auf die Pflege von Jan angewiesen. Zu guter Letzt wäre da der halbtaube Sam, der mit seiner Frau und dem gemeinsamen Baby zusammenlebt. Er prügelt sich mit seiner gelangweilten Gattin und füttert das Baby mit Haschisch. Diese drei sonnigen Gemüter haben neben ihren alltäglichen Problem, die sie aber gar nicht als Probleme aufnehmen, ein ganz anderes: sie brauchen einen verdammten Drummer. In Dries, einem reichen Schriftsteller aus der Oberschicht, finden sie den gewünschten Drummer. Das Dries sich mit einem solchen Pack nicht im Traum abgeben würde, ist klar. Er hat das perfekte Leben. Einen Haufen Geld, eine tolle und stylische Wohnung und eine Frau, die bereit für sexuelle Abenteuer ist. Was will man mehr? Leider langweilt ihn diese Vollkommenheit inzwischen und er zeigt sich angetan von dieser neuen, dreckigen Welt und nimmt das Angebot an. Dries tut so als würde er zu dieser Welt gehören, dabei will er einfach nur mal Gott spielen…

Koen Mortier inszeniert mit ‚Ex Drummer‘ einen Abstieg, tief in eine der verkorksten und besudeltesten Welten voller Gewalt, Sex, Drogen und Musik. Welches dieser Dinge hier die erste Geige spielt, ist kaum zu sagen, extrem vertreten sind sie durchgehend alle. Wenn ein Draufgänger namens Großer Schwanz einen Typen auf dem Konzertklo mit seinem 50cm Penis vergewaltigt, dann ist das zwar übertrieben, aber von Spaß kann keine Rede sein. Zu Beginn kriegen wir noch den Eindruck vermittelt, das wir zwar eine bissige und durchaus raue Gesellschaftskritik gezeigt bekommen, aber immer mit einem humoristischen Unterton. Das Lachen verstummt mehr und mehr, zynisch hingegen bleibt er doch. Und zwar so zynisch, das es schmerzt.

Aber es geht hier in keinem Fall um eine Verdeutlichung dieser Sozialkrüppel, die in ihrem Drogenwahn, Erbrochenem und eigenen Suff ersticken. Es geht vielmehr um die Manipulation durch die gehobene Klasse. Dries ist unseren drei verlorenen Existenzen in jeden Punkt überlegen. Er manipuliert sie ohne Probleme und macht sich einen Spaß aus dem Grauen, das sich vor seinen Augen abspielt, ihn aber nie berühren wird. Aus der Coolness, die Dries zu Anfang noch locker ausstrahlt, wird schnell widerliche Arroganz. Gelangweilt von seinem eigenen Ich und aus Neugierde taucht er in diese abartige Welt und lebt dort nach seinen eigenen Regeln. Ohne Rücksicht auf Verluste. Dass die Menschen aus dieser Welt ihm nichts bedeuten wird schnell deutlich. Er kann zwischen zwei Leben umherspringen und steigt immer wieder wie Zeus aus dem Olymp um sich am Chaos der Unterwelt zu ergötzen.

Dabei wird deutlich, wer hier das wirkliche Scheusal ist. Die Menschen aus der untersten aller Unterschichten haben sich dieses Leben mit Sicherheit nicht ausgesucht. Sie wurden in diese Welt geboren und hatten keinerlei Chance auf eine Wahl oder Veränderung. Natürlich ist ihr Verhalten nicht richtig, aber eine Aussicht auf etwas Besseres wurde ihnen einfach nie gegeben. Genauso wie ihnen nie etwas verboten wurde und eine Erziehung nie vorhanden war. Anders als Dries, der die klare Möglichkeit hätte, den Männern zu helfen, denn musikalisch haben sie in jedem Fall was drauf. Doch seine grenzlose Hochnäsigkeit und die unbeschreibliche Selbstverliebtheit treibt diese Welt in ihr eigenes Chaos und Voyeur Dries schaut lächelnd dabei zu.

‚Ex Drummer‘ ist wieder einer der Filme, bei denen man sich vorher im Klaren sein sollte, worauf man sich hier wirklich einlässt. Für zarte Gemüter ist das hier nämlich rein gar nichts. Explizite und drastische Darstellungen von Gewalt und Sex sind hier gang und gäbe. Genau wie die Sprache, die natürlich eine Beleidigung nach der anderen rausrotzt und die Schwulen und Frauen nicht nur einmal ins schlechte Licht rückt. Daran werden sich viele Menschen stoßen, verständlich. Aber ‚Ex Drummer‘ geht es vielmehr um die klare Darstellung von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und die krassen geplanten und ausweichlichen Folgen dieser blanken Manipulation. Wer sich hier wirklich über etwas aufregen will, sollte am besten bei der FSK 16 anfangen. Die ist wirklich nicht nur fragwürdig, sondern auch eine der größten Fehleinstufungen der Filmgeschichte.

Fazit:
‚Ex Drummer‘ prügelt ohne Halt auf den Zuschauer ein. Wir erleben einen verstörenden, surrealen, brachialen und doch erschreckend-ehrlichen Trip durch die Abgründigkeit verschiedener Missstände, innerhalb der Gesellschaften. Mit starken Darstellern, krachender Musik und kratzig-atmosphärischen Bildern wird ‚Ex Drummer‘ zu einem Film, den man entweder liebt oder hasst. Es gibt keinen Zwischenwert. Man sollte ihn allerdings nicht auf seine Äußerlichkeiten reduzieren, denn dann erzielt der Film nicht nur nicht seine Wirkung, sondern geht zusammen mit dem Zuschauer im Trommelgewitter schnell unter.