Filmfest München 2014 – 1. Recap mit u.a. "Leviathan", "Land der Wunder" & "Predestination"

Autor: Conrad Mildner

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Eigentlich wollte ich es dieses Jahr endlich mal nach Cannes schaffen und bei aller (begründeten) Kritik am elitären Image der Mutter aller Filmfestivals, insgeheim träumt doch jeder Filmfan von einem Ausflug zum Palais an der azurfarbenen Küste. Auch wenn es diesmal nicht sein sollte, die Trauer blieb nicht lang. Denn das Filmfest München startet nicht nur knapp einen Monat nach der Palmenschleuder, sondern hat auch zahlreiche Filme aus deren Programm im Gepäck. Das Wetter ist sogar Hochsommer entsprechend, obwohl es gerade draußen wie aus Kübeln schüttet, aber in der Theorie ist Ende Juni ja eher Sommer als Mitte Mai. Der Aufenthalt ist gegenüber Cannes selbst in München günstiger, besonders wenn man Freunde hat, die einem Unterschlupf gewähren. Die Gründe, um München Cannes vorzuziehen liegen ergo auf der Hand: Geringere Kosten, ähnliche Filme und weniger Wahnsinn. Denn selbst 5 Minuten vor Filmbeginn, muss ich mir keine Sorgen machen, noch einen Platz im Saal zu bekommen, auch wenn es bei Alice Rohrwachers „Land der Wunder“ äußerst knapp wurde. Doch genug der schnöden Einleitungen: Ich freue mich endlich hier in München zu sein. 26 Filme stehen auf meinem Programm und 8 habe ich bereits in den ersten zwei Tagen gesehen. Ein guter Zeitpunkt also für ein vorläufiges Festivalresümee.

TAG 1

Der erste Tag konnte nicht schwermütiger beginnen. Das 141 minütige, russische Drama „Leviathan“ lockte selbst um 9:30 Uhr früh zahlreiche Presseleute. Der Film von Andrei Zvyagintsev gewann in Cannes den Preis für das beste Drehbuch, obwohl das nicht unbedingt das eigentlich preisverdächtige an dem Film ist. „Leviathan“ ist eine freie, zeitgenössische Adaption des Buch Hiobs aus dem Alten Testament. Hiob heißt in Andrei Zvyagintsevs Film Kolya (Aleksey Serebryakov), ist neu verheiratet und auch wenn sein Teenagersohn Lilya (Elena Lyadova) nicht als seine neue Mutter akzeptieren will, führt die Kleinfamilie ein sicheres, aber sehr raues Leben in der nördlichen Ödnis Russlands. Dieses Territorium, eine Ansammlung aus Gesteinshaufen und spärlichen Seen, so karg, dass kein einziger Baum dort wächst, ist der wahre Blickfang dieses düsteren Dramas. Ein Ort, an dem die Zivilisation nur scheitern kann. Das Erstaunliche: Obwohl der Film vom russischen Kultusministerium gefördert wurde, ist es nicht ein ominöser Gott, der Kolyas Leben plagt, sondern die staatliche Hand. Der Bürgermeister will sich sein Grundstück einverleiben und zögert nicht mit drastischen Mitteln. Die unsichtbare Diktatur Russlands wird spürbar. Der Leviathan, das absolutistische Herrscherideal in Thomas Hobbes‘ gleichnamiger staatsphilosophischer Schrift verschluckt Kolyas Leben mühelos. Am Ende bleibt nur noch triste Ausweglosigkeit.

Dagegen wirkte selbst Mathieu Amalrics noireskes Kunstmelodram „The Blue Room“ wie der neue Komödienhit aus Frankreich. Amalric verkörpert in seinem Film einen erfolgreichen Geschäftsmann, der für eine Affäre Frau und Kind riskiert. Ähnlich wie Nicolas Roeg in „Bad Timing“ rekonstruiert Amalric die Liaison über einen Polizeifall. Schnell wird deutlich, dass die Affäre schwere Opfer forderte. Der sinnliche Beginn im blauen Zimmer der Liebenden mit seinen offene Kadragen, Klavierklängen und weit klaffenden Bild-Ton-Scheren verspricht zunächst ein rein filmisches Erlebnis, wird aber plötzlich von der gewollt trockenen Polizeiarbeit abgelöst, die dermaßen zerstückelt und dialoglastig ist, dass selbst geübte Untertitel-Leser_innen Probleme haben werden hinterher zu kommen. Zumal die bewusst vorenthaltende kriminelle Tat es noch schwerer macht die vielen Informationen einzuordnen. Erst als alle Karten auf dem Tisch liegen, übernimmt wieder die filmische Form und das Publikum wird mit einem enorm ambivalenten Ende belohnt. Mathieu Amalric beweist durchaus ästhetischen Mut. Hätte der Film doch nie das blaue Zimmer verlassen.

Direkt danach stand ein weiterer französischer Film auf dem Programm, „Quai D’Orsay“ von Altmeister Bertrand Tavernier. Die Comicverfilmung über den alltäglichen Wahnsinn in Frankreichs Außenministerium erinnert stark an die gefeierten, britischen TV-Politsatiren „Veep“ und „In The Loop“ von Armando Ianucci, auch wenn sie deren garstigen Witz nie erreicht. Die famose Besetzung sorgt dennoch dafür, dass es schwer fällt nicht zu lachen. Von der flirrenden Kinetik des Kinos konnte ich mich glücklicherweise direkt im Anschluss mit dem Walter-Hill-Klassiker „The Driver“ versichern. Der Neon-Noir mit Ryan O’Neil, Isabelle Adjani und Bruce Dern überführt Robert Bressons „Pickpocket“ in das Action-Genre und gilt u.a. als Vorbild für Nicolas Windung Refns „Drive“.

Um 19:30 Uhr begann der letzte Film des ersten Festivaltags: „Predestination“ von den „Daybreakers“-Regisseuren Michael und Peter Spierig. Die Verfilmung von Robert A. Heinleins „All You Zombies“ ist ein stilvoll inszenierter Zeitreisethriller, dessen Plottwists und Turns man zwar mühelos vorhersehen kann, der sich aber nicht ausschließlich über diese definiert. Die Schwemme von Zeitreisefilmen in den letzten Jahren mag zwar zu einer gewissen Übersättigung geführt haben, das reizend verdrehte Zeit-Paradox in „Predestination“ lässt aber noch mal die Vorzüge des Genres im besten Licht erstrahlen. Zumal die Spierig-Brüder ganz auf ihre Figuren setzen. Besonders die Newcomerin Sarah Snook brilliert als quasi inter-/transsexuelle Heldin, die als geborene Außenseiterin darüber hinaus zum greifbaren Symbol der Rebellion gegen diese, eben auch gesellschaftliche, Prädestination wird.

TAG 2

Das Weckerklingeln am zweiten Tag dröhnte schon ein paar Dezibel lauter in den Ohren. Das wird wohl in den kommenden Tagen nicht leiser werden, glaube ich. Nichtsdestotrotz stand mit John McNaughtons Psychothriller „The Harvest“ der ideale Film zum Aufwachen auf dem Tagesprogramm. Er erzählt die Geschichte eines querschnittsgelähmten Jungen (Beeindruckend: Charlie Tahan), der von seiner schutzbesessenen Mutter (Beängstigend: Samantha Morton) und dem passiven Vater (Ungewöhnlich zurückhaltend: Michael Shannon) im eigenen Haus gefangen gehalten wird. McNaughton, der u.a. schon „Henry – Portrait of a Serialkiller“ drehte, verwandelt das anfangs bewusst liebevoll gezeichnete Familienbild schrittweise in ein düsteres Horrorszenario. „The Harvest“ führt die adultistische Gewalt in all ihren Facetten vor. Dass die Unterscheidung zwischen realem Missbrauch und künstlichen Genremotiven zunehmend verschwimmt, macht die größte Stärke des Films aus.

Leicht abgestumpft zog es mich in Alice Rohrwachers „Land der Wunder“, der bereits in Cannes unter dem Titel „La Meraviglie“ den Großen Preis der Jury gewinnen konnte. Dank der etwas ungünstigen Programmierung war das Kino schnell gefüllt und ich fand nur noch einen ungemütlichen Platz auf der Treppe. Die poetischen Handkamerabilder in Rohrwachers Coming-Of-Age-Ballade waren dagegen perfekt, um den Horror von „The Harvest“ wieder zu vertreiben. Die junge Gelsomina (Alexandra Lungu) entfremdet sich zunehmend im Film von der eigenen Familie, die als Imker ein sehr einfaches Landleben in der italienischen Provinz führt. Die Moderne und der Tourismus brechen im gleichen Zug langsam in das bittersüße Naturparadies ein. Eine ähnliche Geschichte erzählt auch Isao Takahata in seinem neuen Anime „Die Legende der Prinzessin Kaguya“. Dem Ghibli-Regisseur (u.a. „Die letzten Glühwürmchen“ und „Tränen der Erinnerung“) ist dabei nichts anderes als ein Meisterwerk geglückt. Der Film basiert auf dem alten japanischen Märchen „Die Geschichte des Bambussammlers“ und ist auch komplett im Stil altertümlicher Bildrollen gestaltet. Wie in den meisten Takahata-Filmen steht auch hier eine Familie im Mittelpunkt. Die aus Bambus gesprossene Kaguya wächst behütet auf dem Land auf. Durch ein Geschenk des Himmels wird die Familie adelig und zieht in die Hauptstadt. Kaguya soll nun den ihr vorbestimmten Platz als Prinzessin einnehmen. Das natur- und freiheitsliebende Mädchen wehrt sich vehement dagegen. Als konsequente Kritik am feudalistischen sowie kapitalistischen Japan verpackt, begibt sich der Film auf die Suche nach dem Wert wahren Glücks, nicht nur im voltaire-schen, sondern auch im materiellen Sinn. Der unvermeidbare Schmerz des Lebens eint beide Seiten. Vielleicht ist „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ schon jetzt der beste Film des Festivals. Die kommenden Tage werden es letztendlich zeigen…

Bis dahin, viel Spaß mit dem wunderschönen Trailer:

Weitere Recaps zum Filmfest München:
-> 2. Recap mit u.a. „Clouds of Sils Maria“, „Palo Alto“ & „The Skeleton Twins“
-> 3. Recap mit u.a. „The Homesman“, „Zwei Tage, eine Nacht“ & „Adieu au Langage“