Kritik: Die Eiskönigin – Völlig unverfroren (USA 2013)

Autor: Conrad Mildner

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„Some people are worth melting for.“

In vielerlei Hinsicht war Disneys „Rapunzel – Neu verföhnt“ eine Überraschung. Nachdem das Studio mit „Küss den Frosch“ den Schulterschluss mit seiner Zeichentrickvergangenheit suchte und sich gleichzeitig zu neuen Ufern aufmachte, indem es die erste Schwarze Disney-Prinzessin präsentierte, waren die Erwartungen groß, was der nächste Animationsfilm bereit halten sollte. Die Ernüchterung kam bereits mit der Ankündigung, dass „Rapunzel“ rein computeranimiert sein wird, hatte man doch auf eine längere Rückkehr zum Zeichentrick gehofft. Der Film entpuppte sich letztendlich als überraschend rasantes Musical-Abenteuer mit Hitchcock-Anleihen. Die Geschichte der Vorlage rückte noch mehr in den Hintergrund, so dass der Film in den USA nur „Tangled“ hieß, während der deutsche Titel noch zu Vergleichen mit dem Originalmärchen einlud. „Die Eiskönigin – völlig unverfroren“ geht den eingeschlagenen Pfad von „Rapunzel“ nun konsequent weiter und muss sich jede Sekunde mit dem unterhaltsamen Vorgänger messen lassen.

Anscheinend war es sogar dem deutschen Verleih zu doof den Film „Die Schneekönigin“ zu nennen, denn auch wenn im Abspann kurz Hans Christian Andersens Märchen genannt wird, hat der Film fast gar nichts mehr damit zu tun und übernimmt allenfalls Motive des Originals sowie einen eindeutig skandinavisch geprägten Handlungsort. „Die Eiskönigin“ sucht dagegen viel lieber die Nähe zur Superhelden-Welle der letzten Jahre.

Elsa hat eine Gabe. Sie kann Eis-Magie wirken. Nach einem Unfall mit ihrer kleinen Schwester Anna, muss sich Elsa zum Schutz vor sich selbst und anderen in ihrem Zimmer versteckt halten. Die Jahre vergehen. Die königlichen Eltern von Elsa und Anna kommen auf hoher See um und als Elsa erwachsen ist, soll sie den Thron besteigen. Doch bei der Zeremonie kommt es zum Streit mit Anna und Elsa offenbart ihre Kräfte. Aus Angst flieht sie in die Berge und hüllt das Königreich in einen ewigen Winter. Anna macht sich auf ihre Schwester zu finden.

Man merkt sofort, dass „Die Eiskönigin“ aus der Feder einer Autorin stammt. Jennifer Lee hat den Film zudem co-inszeniert. Die Geschichte dreht sich zentral um die Beziehung zwischen Anna und Elsa. Keine von beiden hat männliche Helden nötig. Selbst die beiden Love Interests, der Naturbursche Kristoff und Prinz Hans, spielen nur eine untergeordnete Rolle und auch wenn Kristoff Anna bei ihrer Suche hilft, ist sie nicht von ihm abhängig. Das besondere Schnippchen schlägt Lee Disneys bisherigem Weltbild allerdings mit ihrer Erweiterung des Begriffs der „wahren Liebe“ am Ende des Films.

Zu Annas Abenteuer gesellen sich natürlich wieder die typischen Sidekicks, in diesem Fall, der Schneemann Olaf und das Rentier Sven. Während Sven weder sonderlich lustig, noch wichtig für die Geschichte ist und sich auch mehr wie ein Hund als wie ein Rentier benimmt, gewinnt „Die Eiskönigin“ den Großteil seines Humors durch Olaf, der im Original vom wahnsinnig komischen Josh Gad gesprochen und gesungen wird. Olaf ist eine Rampensau und sobald er den Film betritt, ist er der Star. Kein Wunder also, dass er den Ton der Geschichte manchmal ins Wanken bringt, aber auf ihn verzichten will man auch nicht. Dafür ist er zu komisch.

Olaf hätte besser in einen Film wie „Rapunzel“ gepasst. „Die Eiskönigin“ nimmt sich ernster und hat auch die interessantere Geschichte, leidet aber sichtlich unter seiner konventionellen Inszenierung und der reißbrettartigen Erzählung. „Rapunzel“ brach auf unterhaltsame Weise mit den Disney-Schablonen und war formal runder, während die virtuelle Kamera in „Die Eiskönigin“ sich zu oft mit langweiligen Einstellungen zufrieden gibt, wenn man bedenkt, was in einem Animationsfilm sonst möglich ist.

Dafür wissen die Songs zu gefallen, die u.a. von Robert Lopez („The Book of Mormon“) komponiert wurden. Ganz besonders das opulente „Let it Go“ hat das Zeug zum Ohrwurm. Musikalisch orientiert sich Disney wie auch schon bei „Rapunzel“ näher an der Popmusik als am klassischen Musical, so wie es noch in den Neunzigern üblich war.

Zu „Let it Go“ erbaut Elsa auch ihr Eisschloss im Gebirge; ein Refugium, wo sie sich und ihre Kräfte akzeptieren kann. Gerade Elsas Figur erinnert an Topoi des Superheldenfilms, an „X-Men“ und „Spider-Man“. Große Macht birgt eben große Verantwortung. Annas Plot um Heirat und wahre Liebe wirkt dagegen eher langweilig und Disney-typisch. Zum Glück hat sie den Schneemann Olaf an ihrer Seite. „Die Eisprinzessin“ steht irgendwie zwischen den Stühlen. Es ist ein unterhaltsamer Weihnachtsfilm geworden mit erfrischend weiblicher Perspektive, ist dafür aber nicht sonderlich virtuos inszeniert. Die Richtung stimmt aber. Nur noch etwas mehr „Rapunzel – Neu verföhnt“ und offenere Augen, z.B. durch weniger White-Washing, dann klappt es es auch mit dem Meisterwerk, das als Wort auf fast jeder Disney-DVD prangt.