"Elementarteilchen" (DE 2006) Kritik – Die Geschichte zweier Brüder

„Die Wahrheit ist wie ein Elementarteilchen: Sie ist nicht weiter zerlegbar.“

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Als im Jahre 1998 Michel Houellebecqs Roman „Elementarteilchen“ auf dem Markt erschien, war der Aufschrei groß. Houellebecqs sprach in radikal-offensiver und äußerst kontroverser Art und Weise die Zukunft des Menschen in Bezug auf die Sexualität an. Angelehnt an Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ in dem der britische Autor eine heiß diskutierte Dystopie offenbarte, in der die Sexualität und die Fortpflanzung keinerlei Zusammenhang mehr besitzt. „Elementarteilchen“ mauserte sich schnell zu einem dieser ominösen „Skandalbücher“ und konnte zeitgleich auch den Kultstatus im autobiographischen Bereich genießen. Als der deutsche Filmemacher Oskar Roehler, der, wie sich in der Vergangenheit immer wieder zeigte, auch nicht allzu gern ein Blatt vor den Mund nimmt, ankündigte, den brisanten Stoff von Houellebecqs zu verfilmen, waren die Vorurteile natürlich in Windeseile gefällt: Roehler konnte an der Vorlage nur scheitern und es ist eine schiere Unmöglichkeit, dieser literarischen Komplexität einer würdigen Inszenierung anzupassen. Und dennoch, nabelt man sich einmal, auch wenn es schwerfällt, von der kongenialen Vorlage ab, ist „Elementarteilchen“ durchaus solides deutsches Kino.

Würde man Michael und Bruno irgendwo gemeinsam vortreffen, so würde man wohl kaum denken, dass diese beiden von Grund auf verschiedenen Menschen wirklich Halbbrüder sind. In ihrer Kindheit bekamen sie nicht die Zuneigung ihrer Mutter, die sich viel lieber dem Hippie-Lifestyle hingegeben hat, den sie für eine standhafte Beziehung benötigt hätten. Michael wird zu einem stillen, in sich gekehrten, aber extrem intelligenten Molekularbiologen, der sich ausschließlich für die Wissenschaft interessiert, als das er die zarten Signale von Annabelle im Ansatz erkennt. Bruno hingegen lässt sich von seinem Sexualtrieb steuern und in seinem Job als Deutschlehrer kann er schon lange keine Erfüllung mehr finden. Vielmehr interessiert ihn eine seiner Schülerinnen. Nach einem gescheiterten Versuch der Annäherung an dieser Schülerin weist sich Bruno selbständig in die psychiatrische Behandlung ein, wo er das Gespräch mit einer Psychologin aufsucht, um seine Vergangenheit zu analysieren. Als das Grab von Michaels Großmutter umgebettet wird, trifft er Annabelle wieder, die es nie aus dem Dorf geschafft hat und geht zum ersten Mal eine körperliche Beziehung mit einem Menschen ein, während Bruno in einem Esoterik-New-Age-Camp auf Christiane trifft, die ihm Leben genauso viele Probleme hatte wie er…

In Sachen Besetzung hat Oskar Roehler für „Elementarteilchen“ einige große deutsche Stars zusammentrommeln können, wobei zwei Darsteller ganz besonders überzeugen können: Moritz Bleibtreu und Martina Gedeck, die sich auch zwei Jahre später in Uli Edels „Der Baader Meinhof Komplex“ zu wahren Hochleistungen auffahren konnten. Moritz Bleibtreu verkörpert dabei Bruno und legt nicht nur die beste Darstellung seine Karriere ab, sondern auch die beste Performance des ganzen Films. Ein Blick in seine schmerzerfüllten Augen reicht in den meisten Fällen schon aus, man denke dabei nur an die Szene im Klassenzimmer, in dem er mit der Zurückweisung seiner Schülerin ringen muss. Großes, berührendes und facettenreiches Schauspiel. Martina Gedeck bekommt als Christiane nicht die Zeit wie Bleibtreu, aber Gedeck braucht nicht viele Szene, um Akzente zu setzen. Ihre Figur ist erfüllt von Tragik und die Probleme der Vergangenheit zeichnen sich am Schauspiel Gedecks brillant ab. Christian Ulmen als Michael und Franka Potente als Annabelle schaffen es nicht, mit einer derartigen Bandbreite nicht mitzuhalten, können ihre Figuren aber durchgehend routiniert ausspielen. Tom Schilling, Thomas Dreschel, Nina Hoss und Uwe Ochsenknecht sind dagegen nur Randfiguren, die die Geschichte untermalen, aber nicht mit ihrem Schauspiel erweitern.

Zwei Halbbrüder. Zwei durch und durch unterschiedliche Individuen. Michael verschließt sich vor den weiblichen Annäherungen, bestreitet seinen Weg beinahe asexuell und sein Forschungsziel, den Geschlechtsverkehr von der Fortpflanzung zu trennen, kommt daher rein gar nicht von ungefähr. Michael scheut sich vollständig vor dem Körperkontakt und jede Form der physischen Zuneigung wird durch die blockierte Abwesenheit seiner selbst verweigert. Auf der anderen Seite steht Bruno. In seiner Pubertät benutzte er seine Mutter, die selber keinen Hehl um ihr offenes Sexualleben gemacht hat, als Masturbationsvorlage und seine erste Beziehung bringt er mit einer älteren Dame in Verbindung, die ihn mit den üppigen Brüsten zum Höhepunkt massiert hat. Brunos Beziehung ist ein Scherbenhaufen und der einzige Weg diese zu tolerieren, führt über den Alkohol. Das gemeinsame Baby wird mit Tabletten ruhiggestellt und die kreative Ader, die Bruno eigentlich gerne ausleben lassen würde, mundet in rassistischen Parolen, die jede Veröffentlichung von vornherein untersagen. Bruno ist immer auf der verzweifelten Jagd nach sexueller Erfüllung. Er jagt einer Schülerin hinterher, der er vorher auf den Schulaufsatz ejakuliert hat, er versucht sich selber zum Höhepunkt zu bringen, doch findet sich dazu inzwischen zu alt.

In „Elementarteilchen“ prallt diese menschliche Gegensätzlichkeit nach Jahren wieder aufeinander. Oskar Roehlers Inszenierung kann immer ausgerechnet dann punkten, wenn sich der Film vollkommen auf das Schicksal von Bruno fokussiert und seine Suche nach Liebe und Annahme, nach einer Person, die sich so unerfüllt fühlt wie er und mit der er einen möglichen Einklang finden kann, in den Mittelpunkt stellt. Wer sich mit der Buchvorlage vertraut gemacht hat, der wird verständlicherweise die Nase rümpfen, ist es doch gerade der Handlungsstrang um Michaels Wissenschaft und die Rückkehr zur unscheinbaren Jugendliebe, die den visionären und überaus philosophischen Aspekt des Buches ausmacht und den Leser durchgehend zum Nachdenken und Diskutieren verleitet. Hier ist es Michaels Geschichte, die die unsortierte Schwäche des Films darstellt und durchgehend einen halbgaren Eindruck erweckt, bei dem einfach von einem Ereignis zum nächsten gesprungen wird, nur um irgendwie an das gemeinsame Ende zu kommen. Allgemein hat „Elementarteilchen“, auch auf Seitens Brunos, damit zu kämpfen, dass sie zwischenmenschlichen Bindungen zu flüchtig zusammenfinden und keinen Hintergrund besitzen, auf dem sie sich in ihrer ganzen Breite stützen können. Dennoch weiß der Film in seiner ganz eigenen Art zu überzeugen, schlägt die berührenden, freizügigen und kritischen Brücken zwischen Schmerz und Sex, Beziehungen und Transzendenz, Wissenschaft und (gescheiterter) Erfüllungen gekonnt.

Fazit: Oskar Roehler hat sich dem „unverfilmbaren“ Stoff von Michel Houellebecq angenommen und bewiesen, dass man dieser grenzgenialen Vorlage einfach nicht gerecht werden kann. Dennoch erweist sich Roehlers „Elementarteilchen“ als guter Film, der die Hauptthemen des Buches anspricht, ihnen aber nicht die nötige Tiefe schenkt, und durch seine offene und gerne emotionale Inszenierung punkten kann. Dazu gibt es noch einen hervorragenden Moritz Bleibtreu, der sich als triebgesteuerter Bruno in Bestform zeigt und den schlussendlichen Eindruck durchaus in den positiven Bereich lenkt.