“Elysium” (USA 2013) Kritik – Wenn die Tage gezählt sind

Autor: Philippe Paturel

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„Dafür werden sie dich bis ans Ende der Welt jagen.”

Eigentlich sollten die Kinosäle dieses Jahr geradezu mit guten Science-Fiction-Filmen überschwemmt werden. Doch aufgrund CGI-überfrachteter Desaster wie „Oblivion“, „After Earth“ oder „Star Trek: Into Darkness“ müssen anspruchsvolle Genrefans einen cineastischen Tiefflug nach dem anderen ertragen. Einer der am heißesten erwarteten Genreableger diesen Jahres ist der neue Film von Regisseur Neill Blomkamp, der 2009 mit seinem gesellschaftskritischen Science-Fiction-Drama „District 9“ überraschend Begeisterungsstürme bei Kritikern und Publikum auslöste. An diesen Erfolg, der auch vier Oscarnominierungen nach sich zog, wird Blomkamp mit „Elysium“ allerdings nicht anschließen können. Zwar ist „Elysium“ ein durchaus ansehnlicher Science-Fiction-Kracher geworden, doch leistet sich Blomkamp dieses Mal zu viele Fauxpas in der Dramaturgie.

Im Jahr 2154 ist die irdische Bevölkerung in zwei Lager geteilt. Die Reichen leben auf der luxuriösen Weltraumstation Elysium, deren Atmosphäre so rein ist, dass dort Krankheiten ausgeschlossen sind. All diejenigen, die sich dieses Paradies nicht leisten können, müssen hingegen weiterhin ihr Dasein auf der verseuchten Erde fristen. Einer der Erdbewohner ist Max (Matt Damon), ein ehemaliger Verbrecher, der nun einem routinierten Job in einer Fabrik nachgeht, die für Elysium Sicherheitsroboter produziert, doch über kurz oder lang ist dieses ruhige Leben nichts für ihn. Seinem tristen Alltag wird ganz überraschend ein Ende gesetzt, als er während eines Arbeitsunfalls atomar verstrahlt wird. Ab diesem Zeitpunkt hat er noch fünf Tage zu leben. Zeit genug, seiner Meinung nach, um den Versuch zu starten, illegal nach Elysium zu reisen und sich dort heilen zu lassen. Doch der Weg dorthin verläuft nicht ohne Schwierigkeiten, sodass letztendlich viel mehr als nur sein eigenes Leben auf dem Spiel steht.

Subtilität ist mit Sicherheit keine von Blomkamps Stärken. Das war sie in „District 9“ nicht und das ist sie in „Elysium“ noch viel weniger. Doch wie schon in seinem Debütfilm beweist Blomkamp ein gutes Händchen, wenn es darum geht, zwei grundverschiedene Welten gegenüberzustellen. Jede Sekunde, die wir Max zunächst auf der Erde und später auf der Raumstation Elysium folgen, ist eine inszenatorische Augenweide. Ausdrucksstarke Kameraaufnahmen gepaart mit dreckiger, famos in Szene gesetzter Action und guten Schauspielern, das bekommen Science-Fiction-Fans schließlich nicht alle Tage geboten. Dass CGI-Effekte nur eingesetzt werden, wenn es wirklich nötig ist, ist ebenfalls löblich.

Doch sind knapp eineinhalb Stunden Spielzeit einfach zu kurz, um noch tiefer in der Dystopie versinken zu können, zumal Blomkamp fast die komplette zweite Hälfte in Action erstickt. Zwar in äußerst spektakulärer Action, die einem den Schweiß auf die Stirn treibt, doch aufgrund des Potentials, welche die originäre Ausgangslage bietet, ist das am Ende ungenügend. Die teils blassen Figuren und eine oberflächliche abgehandelte Liebesgeschichte verstärken dann nur noch mehr den Eindruck, dass Blomkomp in „District 9“ für gewisse Dinge ein besseres Gespür an den Tag legte. „Elysium“ hingegen ist nicht viel mehr als eine utopische Darstellung einer besseren Welt, für die der südafrikanische Regisseur immer den richtigen Ton findet. Anstatt jedoch noch mehr Zeit den Charakteren und der Gegenüberstellung der zwei Bevölkerungsschichten und den damit verbundenen Konflikten zu widmen, entscheidet sich Blomkamp recht schnell, den actionreichen Weg einzuschlagen. Zumindest das funktioniert insofern recht gut, da Blomkamp ausreichend Narrenfreiheit geschenkt wurde, welche ihm erlaubt, die Action blutig, körperbetont und somit nachhaltig in Szene zu setzen – explodierende Köpfe inklusive. Allerdings ändert das nicht an der Tatsache, dass die eigentlich kreative Geschichte gegen Ende immer konventioneller wirkt – so dass ein Vergleich mit gelungeneren Dystopien wie John Carpenters „Die Klapperschlange“ oder eben Blomkamps „District 9“ naheliegt.

Trotz des übertriebenen Actionanteils und der konventionellen Dramaturgie bietet „Elysium“ aber die ein oder andere interpretatorische Möglichkeit. So zum Beispiel, dass viele Menschen krank sein müssen, damit sich die Reichen ihren individuellen Luxus leisten können. Dass die Kranken durchaus geheilt werden könnten, davon will allerdings niemand etwas hören. Was zählt, ist allein der Profit. Dabei ist es spannend zu beobachten, wie sich die anfänglich dystopische Welt mit Hilfe von wenigen mutigen Menschen in eine Lebenswertere verwandelt, die man in Zeiten von Hungersnöten den Menschen von Herzen wünscht, aber sich dann wiederum eingestehen muss, dass es eine Utopie bleibt, solange die Menschen auf die gleiche unbekümmerte Weise wie Elysiums Sicherheitssekretärin Delacourt handeln.

Fazit: Die 110 Minuten vergehen aufgrund des spielfreudigen Casts, der adrenalingeladenen Action und der durchaus zeitgemäßen Thematik im Nu. Die Hoffnung, endlich wieder einen mehr als nur sehenswerten Science-Fiction-Film auf der großen Leinwand bestaunen zu dürfen, schwindet aber auch mit „Elysium“ weiter, da Blomkamp lieber auf adrenalingesteuerte Action als auf eine komplexe Ausarbeitung des an sich spannenden Themas vertraut. So ruhen die hohen Erwartungen nun auf den Schultern von Regie-All-Star Alfonso Cuarón („Children of Men“, „Y Tu Mamá Tambien“), der mit seinem Lost-In-Space-Drama „Gravity“ neue Maßstäbe setzen könnte.