„Ender’s Game – Das große Spiel“ (USA 2013) Kritik – Der bessere Kindersoldat

Autor: Jan Görner

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“In the moment when I truly understand my enemy, understand him well enough to defeat him, then in that very moment I also love him.”

Wird die Kinosaison 2013 in die Geschichte eingehen als das Jahr, das uns zwei Sci-Fi-Abenteuer mit Kindersoldaten beschert hat? Während sich im Juni das Familienunternehmen „Smith & Sohn“ in „After Earth“ vergeblich um Publikum bemühten, bringt Regisseur Gavin Hood („X-Men Origins: Wolverine“) mit „Ender’s Game – Das große Spiel“ nun einen der größten Science-Fiction-Romane der letzten 30 Jahre auf die Leinwand. Dabei begibt sich der südafrikanische Oscar-Gewinner (Bester nicht-englischsprachiger Film 2005 für „Tsotsi“) in ein Minenfeld, denn er muss nicht nur der Vorlage gerecht werden, Hood hat auch mit moralischen Fragen zu kämpfen, welche die Geschichte rund um Kriegsverbrechen, Völkermord und Militarismus aufwirft.

50 Jahre ist es her, dass die extraterrestrische Schwarmintelligenz der Formics versucht hat die Erde zu annektieren. Nur durch das Opfer des legendären Commanders Mazer Rackham konnten die Aggressoren zurückgeschlagen werden. Damit es nie wieder so weit kommt, sucht die Internationale Flotte unter Leitung des grimmigen Colonel Graff (Harrison Ford) nach der nächsten Generation von Supersoldaten. Mit dem jungen Ender Wiggin (Asa Butterfield) scheint der perfekte Kandidat gefunden. Isoliert von seinen Eltern und seiner mitfühlenden Schwester Valentine (Abigail Breslin) beginnt Ender ein striktes Ausbildungsprogramm, das ihm zum Kommandierenden der menschlichen Angriffsflotte machen soll. Diese hat inzwischen Kurs auf den Heimatplaneten der Formics genommen, um die außerirdische Gefahr ein für alle Mal auszuradieren.

Anders als Paul Verhoeven, der mit „Starship Troopers“ 1997 ebenfalls einen Kultroman aus der Feder eines Hardliners (Robert A. Heinlein) verfilmte, setzt Gavin Hood nicht auf beißende Satire, um den mitunter chauvinistischen Kern der Geschichte zu entlarven. Der 50-Jährige verlässt sich auf ein Ende, das die manipulativen Mittel der vorangegangenen drei Akte nicht bloßstellt, sondern nur deren Folgen abhandelt. Während der Zeit im Ausbildungslager befinden sich Zuschauer und Hauptfigur fast ausschließlich im Zugriff des Militärs. Selbstständiges Denken ist zwar erwünscht, aber nur solange es nicht die paranoide Doktrin vom Erstschlag untergräbt. Diese Vereinnahmung richtig zu deuten, mutet Hood dem Publikum zu. Es ist kaum vorstellbar, dass ein intelligenter und sensibler Filmmacher wie der Südafrikaner die Gamefication des Krieges absichtlich verharmlosen würde.

In der Figur des Ender, auf dessen schmalen Schultern das Schicksal der Menschheit lasten, kulminiert dieser Diskurs. Er ist ein Hochbegabter, dessen natürliche List und Grausamkeit ihn zum idealen Ausgangsmaterial für einen Krieger machen. Mit einigen fragwürdigen Entscheidungen wird Enders Eignung zum Oberkommandierenden begründet, so tritt er beispielsweise noch auf einen hänselnden Mitschüler ein als dieser schon am Boden liegt. Statt eines Gewaltexzesses sehen seine Vorgesetzten darin strategisches Denken. Die Abreibung wird dem Fiesling auf Dauer neue Konfrontationen vermiesen. Nun stellt Hood diese Wandlung der Hauptfigur nicht als das eine Pervertierung kindlicher Unschuld dar, sondern als in der Logik des Films nachvollziehbare Pflichterfüllung und auch als Spiel. Dementsprechend liest sich auch der Name des Protagonisten – „Ender“ ist von Andrew abgeleitet – verheißungsvoll. Soll er doch den „war to end all wars“ gegen einen Gegner führen, den man bedenkenlos auslöschen darf. Beim politisch korrekten deutschen Publikum sträuben sich derweil die Nackenhaare, ist der Schritt von „Ender“ zu „Endsieg“ doch kein weiter. Und so schließt „Ender’s Game“ mit einer Wendung, die eben gerade verfängt, weil der Film sich die ganze Zeit in einem nullsummentheoretischen Kosmos aufhält. Schwarz oder weiß, sie oder wir. Die Botschaft des Buches bleibt überdies intakt, weil sie nicht als nachgeschobene Distanzierung wirkt, sondern von vornherein in der Prämisse angelegt war.

Asa Butterfield („Hugo Cabret“) wird dabei seinem Ruf als aufstrebender Jungstar über weite Strecken gerecht. Er fängt die stoische Menschlichkeit seiner Figur passend ein, auch wenn eine ziemlich verpfuschte deutsche Synchro diesem Effekt beharrlich entgegenarbeitet. Zudem hetzt die Story durch die knapp zweistündige Laufzeit, um das abhärtende Stahlbad auch ja mit einem fulminanten Finale zu krönen. In der Folge ist für Zwischentöne leider recht wenig Zeit. Das ist schade, denn zu den starken Momenten des ebenfalls von Gavin Hood verfassten Drehbuchs zählen eben jene Momente, die das Spannungsverhältnis ausdeuten, in dem sich Ender befindet. Er ist ein taktisches Genie, besitzt aber auch Einfühlungsvermögen und Wärme. Momente mit seiner Vertrauten Petra (solide: Hailee Steinfeld) oder Schwester Valentine hätten diese Seite noch mehr herauskehren können. Unter Zeitdruck verrennt sich die Inszenierung als Ausgleichshandlung bisweilen leider in die Idee, die fehlende Nähe zu den Figuren mit extremen Close-Ups zu kompensieren. Der martialische Score von Michael-Bay-Protegé Steve Jablonsky unterstreicht die Tragweite bestimmter Szenen dann und wann zu nachdrücklich. Etwas mehr zusätzliche Spielzeit hätte „Ender’s Game“ vielleicht gut getan, das Material dazu wäre da gewesen.

Befürchtungen zahlreicher Hollywood-Zyniker schienen sich zu bestätigen als bekannt wurde, dass bei „Ender’s Game“ mit Digital Domain erstmals eine Effektschmiede als produzierendes Studio auftreten würde. Nun, der Untergang des Abendlandes bleibt aus, mehr auf Schauwerte bedacht als die Konkurrenz ist auch dieser Streifen nicht. Dafür sind die Effekte in jedem Fall erstklassig und es wird ihnen genug Zeit zum Glänzen eingeräumt. Insgesamt aber wirken die Tricks oft zu hochpoliert, mehr Charme oder ein zweckmäßigeres Design, beides hätte dem Look von „Ender’s Game“ sicher nicht geschadet. So wirkt er insgesamt zu austauschbar.

Fazit: „Ender’s Game – Das große Spiel“ hat mit einigen inszenatorischen Problemen zu kämpfen, ist aber dennoch ein unterhaltsamer und am Ende überraschend nachdenklicher Sci-Fi-Blockbuster. Wenn man in diesem Jahr nur einen futuristischen Kindersoldatenfilm sehen kann, sollte man lieber zu diesem greifen.