"Endstation Schafott" (FR 1973) Kritik – Die Frage nach Gerechtigkeit

„Schießen, schießen! Weiter könnt ihr wohl nichts! Warum sprecht ihr nicht mit ihnen?!“

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Nicht nur die Unterhaltung sollte in Filmen zählen, sondern auch die Aussage. Der perfekte Film wäre natürlich ein unterhaltsamer mit ebenso nachhaltiger Wirkung durch seine Eindringlichkeit und Tiefe. Einer der Filme, die man mit Fug und Recht als unterhaltsam und aussagekräftig bezeichnen kann, ist José Giovannis Todesstrafen/Sozial-Drama ‚Endstation Schafott‘ aus dem Jahre 1972. Besetzt mit den französischen Superstars Alain Delon und Jean Gabin inszenierte Giovanni eines der größten und wichtigsten Meisterwerke überhaupt.

Grobe Bilder, mit all ihren Ecken und Kanten bestimmten ‚Endstation Schafott‘. Jean-Jacques Tarbet zeichnet ein durch und durch kaltes und graues Bild der fragwürdigen Gerechtigkeit und ist dabei optisch absolut berauschend. So auch die Musik von Philipp Sarde. Im ersten Moment scheint sie nicht wirklich betreffend oder berührend. Doch im Laufe des Films nimmt sie unglaubliche Kraft an und verfeinert die Szenen nicht nur durch ihren Klang, der immer mehr aufbaut, sondern belebt förmlich die gefühlskalte Welt. Die Musik wird hier keinesfalls nur eingesetzt, um irgendwie Gefühle zu erzwingen. Die Musik wird blendend eingefügt und in den Momenten, in denen viele Regisseure nicht auf Musik hätten verzichten können, gibt Giovanni seinem Film den Raum für Stille. Genau das ist in seiner Wirkung mehrere Klassen besser. Ein melancholischer und düsterer Faden zieht sich durchgehend durch den Film, immer verfolgt von bitteren Wahrheiten, Entscheidungen und Fehlern.

Jean Gabin und Alain Delon zum letzten Mal in einem Film vereint. Ein letztes Zusammenspiel von zwei der größten Schauspieler überhaupt. Ich weiß, ich wiederhole mich schon bei den beiden, aber man kann es nicht oft genug sagen. Alain Delon darf wieder einmal in die von ihm bekannte Ex-Häftling-Rolle schlüpfen. Nur mit dem Unterschied, dass er hier keine neuen Verbrechen begehen will. Er spielt Gino, einen Mann, der für seine Verbrechen gesessen hat und ein neues Leben beginnen will. Delon spielt wieder herausragend, feine Gesten, große Mimik und unvergleichliche Coolness in den kleinsten Bewegungen, aber hier geht es nicht um Coolness in seiner Figur, sondern um Zerbrechlichkeit. Delon ist nie ein Mann der vielen Worte. Er spricht vor allem durch seine Augen, denn die verraten jedes Gefühl und das ist ohne Wenn und Aber die ganz große Schauspielkunst. Jean Gabin steht dem natürlich in nichts nach. Gabin, der hier seine vorletzte Rolle spielte, gibt den gutherzigen Sozialarbeiter Germain, der sich für ein neues Leben von Gino einsetzt und mit jedem Mittel kämpft, damit die Welt erkennt, dass Gino sich geändert hat. Gabin spielt wieder voller Herz und Kraft und liefert eine grandiose Vorstellung ab, wie man es von so oft erleben durfte. Auch Michel Bouquet als eisenharter Inspektor Goitreau bietet eine mehr als starke Leistung und gibt einen wirklich hassenswerten Charakter. In einer kleinen Rolle sieht man noch den blutjungen Gérard Depardieu, als ehemaligen Gauner-Kumpel von Gino.

Schafott, die Hinrichtung, in dem Fall Enthauptung. Eine Todesstrafe, die in Frankreich bis zum Jahre 1977 immer benutzt wurde und dann im Jahre 1981 schlussendlich abgeschafft wurde. Regisseur Giovanni steckte selbst einmal in dieser mehr als bedrängenden Lage. Er selbst wurde bei einem Einbruch erwischt und bei der darauffolgenden Verfolgung kamen sein Onkel, Bruder und drei Polizisten ums Leben. Giovanni selbst war ohne jede Waffe, wurde aber zum Tode verurteilt. In seinen 10 Jahren Gefängnis fing er an zu schreiben und verfasste unzählige Romane und Drehbücher, auch das für ‚Endstation Schafott‘. Giovanni, dessen Vater eine Begnadigung erreichte, kam mit dem Leben davon, war aber um eine Erfahrung reicher: Die Bedeutung von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit.

Giovanni inszenierte mit ‚Endstation Schafott‘ an erster Stelle ein feinfühliges Charakter-Drama. Er charakterisiert Gino, den auf Bewährung entlassenen Mann, endlich wieder auf freiem Fuß und trotzdem noch so eingegrenzt. Er kann sich nur in bestimmten Städten aufhalten und für jeden Besuch in einer anderen Stadt braucht er eine Aufenthaltsgenehmigung. Auch die Augen des Inspektors sind immer in Ginos Nacken, nur darauf wartend ihn endlich zu ertappen. Doch Gino hat seine Fehler eingesehen und erkannt. Er will endlich ein Teil der Gesellschaft sein und nicht mehr wie ein Außenseiter behandelt werden. Er will sich ein neues Leben aufbauen, ohne Verbrechen und er will die innere Leere endlich füllen. Seine alten Kollegen aus der Verbrecherzeit schickt er in die Wüste, er findet Arbeit, bei der er gern gesehen wird, und er findet eine Frau, die ihn liebt. Sein Leben bekommt endlich wieder einen Sinn und durch die Hilfe des Sozialarbeiters Germain bekommt Gino den nötigen Rückhalt, der eine Freundschaft aufbaut, die Gino so dringend braucht. Die schöne Zeit hält nicht lange an und durch einen schrecklichen Unfall wird Ginos Leben wieder aus den Fugen gerissen. Völlig neben sich stehend, versucht er standhaft zu bleiben, doch seine Welt wankt bedrohlich. Inspektor Goitreau, der Gino, wo er nur kann, drangsaliert und zum Brodeln bringt, schafft es ihn doch noch zum Fehler zu zwingen und das Schicksal nimmt so seinen Lauf. ‚Endstation Schafott‘ erzählt uns also die Geschichte von drei verschiedenen Personen. Dabei immer aus der Sicht von Germain. Gino, der sich ändern will, Germain, der das Gute in Gino erkennt und ihn fördert und Goitreau, der nicht an eine mögliche Veränderung glauben kann.

In ‚Endstation Schafott‘ geht es aber um viel, viel mehr. Wir erleben hier in nur knapp 90 Minuten eine der vielschichtigsten Geschichten überhaupt, die in jeder ihrer Minuten das Maximum an Nähe und Gefühl rausholt. Giovanni stellt viel in Frage: das französische Rechtssystem, die Polizeiarbeit und natürlich die Todesstrafe selbst. Er versucht uns zu vermitteln, dass Menschen sich wirklich verändern können und eine zweite Chance verdient haben, einige von ihnen jedenfalls. Natürlich kann man Massenmörder nicht in diesen Kreis einbinden, das will ich hier auch natürlich nicht. Aber Menschen begehen Fehler, das muss so sein, manche größere und manche kleinere. Einige Bezahlen für ihre Fehler, andere kommen ungeschoren davon. Die Menschen, die für ihre Fehler ihren Teil bezahlt haben, sollten wenigstens eine Chance bekommen ein neues Leben zu beginnen. Was Giovanni hier geschaffen hat, ist auf der einen Seite unglaublich feinfühlig und einfühlsam und auf der anderen Seite erschreckend ehrlich, bedrängend und wirklich präzise beobachtet. Wenn die letzten 15 Minuten vom Film überstanden sind, sitzt man als Zuschauer regungslos vor dem Bildschirm. Gänsehaut kommt auf, völlig überrumpelt und betroffen von dem, was man eben gesehen hat. Die Frage, ob es Gerechtigkeit gibt, kommt auf und findet keine Antwort. Lohnt es sich um etwas zu Kämpfen, jahrelang, aber nie irgendeinen Sieg zu erzielen? Der Glaube an das, wofür man eigentlich lebt, zerbricht Stück für Stück. Bis man nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Eine leblose Hülle in einer Welt voller Verlierer.

Fazit: ‚Endstation Schafott‘ ist ein unter die Haut gehendes Plädoyer gegen die Todesstrafe. Ein Aufruf an Anerkennung, Verzeihung und Einsicht. Mit seinen fantastischen Darstellern, der groben Optik und der tollen Inszenierung erleben wir einen Film, der nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern noch Stunden nach dem Ende unglaublich stark wirkt. Ein schmerzhafter und aufwühlender Film, der viele Fragen aufkommen lässt und den Zuschauer festhält. Ein düsterer Film, der selbst in Momenten der Freude und Wärme weiß, wie er sie vertreiben kann.