Kritik: Enemy (CA, ES 2013)

Autor: Conrad Mildner

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„The last thing you need is meeting strange men in hotel rooms. You already have enough trouble sticking with one woman, don’t you?“

Das Leben des Geschichtsprofessor Adam Bell (Jake Gyllenhaal) besteht in erster Linie aus Arbeit und abendlichem Sex mit seiner Freundin Mary (Mélanie Laurent). In einem Film aus der Videothek entdeckt er eines Tages einen Kleindarsteller im Hintergrund, der ihm frappierend ähnlich sieht. Er schafft es über Umwege mit dem Mann Kontakt aufzunehmen, der Anthony Claire heißt und mit seiner Frau Helen (Sarah Gadon) ein Kind erwartet. Während Adam eher schüchtern und unsicher ist, gibt sich Anthony dominant und selbstbewusst. Als auch Helen Adam begegnet, kann sie die Ähnlichkeit kaum fassen und die Leben beider Doppelgänger beginnen unaufhaltsam miteinander zu kollidieren.

In Fjodor Dostojewskis Erzählung „Der Doppelgänger“ wird ein schüchterner Beamter von einem Doppelgänger stückweise aus seinem bisherigen Leben gedrängt, während der Identitätskrieg in José Saramagos „O homem duplicado“ weitaus unklarer verläuft. Interessanterweise wurden beide Stoffe aktuell verfilmt. Richard Ayoyade („Submarine“) hat sich Dostojewskis Geschichte mit Jesse Eisenberg als „The Double“ angenommen und der kanadische Regisseur Denis Villeneuve legt mit der Saramago-Verfilmung „Enemy“ sein englischsprachiges Debüt vor, welches, um genau zu sein, vor seinem letztjährigen Thriller-Hit „Prisoners“ gedreht wurde, es aber erst jetzt in unsere Kinos schafft.

So offenkundig die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Filmen sind, desto deutlicher sind auch deren Unterschiede. Ayoyades Film ist beinah altmodisch stilisiert. Ausstattung und Lichtgestaltung schwelgen in alten Kinozeiten, ganz besonders im deutschen Filmexpressionismus der zwanziger Jahre. Villeneuve geht nicht so weit in der Zeit zurück. Kameramann Nicolas Bolduc („Aloft“) knüpft gestalterisch eher an das Siebziger-Jahre-Kino eines z.B. David Cronenberg an, ganz besonders, wenn es um die Einbindung von Architektur geht. Die Brutalität dieser lebensfeindlichen urbanen Räume wird noch durch ein giftiges Gelb verstärkt, das sich wie ein Schleier über die Bilder gelegt hat. Alle Figuren sind gefangen in Räumen und können sich nur zwischen diesen Gefängnissen bewegen, ihnen aber nie entkommen, selbst wenn sie sterben.

Dieses allgegenwärtige Gefühl gefangen zu sein macht Villeneuves Film bereits faszinierend. Es ist weniger die schon jetzt unübersichtliche Menge an Interpretationen und Analysen im Internet, die versuchen den Film zu „entschlüsseln“, was „Enemy“ zugegebenermaßen in seinen schwächsten Momenten deutlich forciert. Adam spricht in mehreren seiner Vorlesungen über die Werkzeuge totalitärer Systeme, die eigene Ordnung aufrecht zu erhalten, was bei solch einem überwiegend nonverbalen Film umso stärker zur Subtext-Akquise verführt. Die völlig unausgewogene „Don’t tell and even don’t show“-Mentalität lässt ihn zwischenzeitlich zur nervigen Puzzle-Box anschwellen, die durch oberflächliche Formspielereien Aufmerksamkeit zu erhaschen versucht, die aber auch leider zu Lasten der Atmosphäre gehen. „Chaos is merely order waiting to be deciphered“ prangt es am Anfang des Films und drängt das Publikum förmlich zur Entschlüsselung, aber Chaos kann doch auch sehr spannend sein.

Schmeißt man den ganzen intellektuellen Überbau mal über Bord und konzentriert sich auf die Geschichte von Adam Bell, der anscheinend mit einer seltsamen, sexuellen Obsession zu kämpfen hat. Der elliptische Beginn zeigt Adam/Anthony als schuldigen Voyeur einer erotischen Performance in der nicht nur nackte, blonde Frauen, sondern auch Vogelspinnen involviert sind, die den ganzen Film über immer wieder vereinzelt und in verschiedenen Formen auftauchen. Nun ist die Spinne nicht gerade das einfallsreichste Symbol irrationaler Ängste, dennoch geht von ihr im Kontext von Bolducs modernen Bilderwelten eine nicht zu verleugnende Faszination aus. Sie ist ein Fremdkörper, der sein Netz immer enger um Adam und Anthony, Helen und Mary webt. Ist sie vielleicht der titelgebende Feind?

Auch die Frauen ähneln sich äußerlich, könnten aber als Figuren nicht unterschiedlicher sein. Während sich der Film für die distanzierte und schweigsame Mary kaum interessiert, heftet er sich umso ausführlicher an die Perspektive der schwangeren Helen, die dank Sarah Gadon den beiden Gyllenhaals zwischenzeitlich locker die Show stiehlt. Die Annäherung zwischen Adam und ihr inszeniert Villeneuve sehr ausführlich, was sich emotional besonders im letzten Drittel des Films auszahlt, auch weil in diesen Momenten die Figuren mal nachvollziehbare Dialoge führen und sich nicht nur traurig anschweigen. Ebenso reizend, wenn auch unnötig, ist ein kurzer Auftritt Isabella Rossellinis als Adams Mutter, die mit ihrer leichten Art so gar nicht zum Rest des Films passen möchte.

„Enemy“ ist leider ein Stückwerk geworden. Villeneuve hat seinen Film zu vordergründig chiffriert und denkt dafür zu selten an die Charaktere. Es ist gar nicht so entscheidend, ob das nun eine kompliziert erzählte Variation des Bodysnatcher-Motivs ist oder die Kritik an einem unscheinbar repressiven, politischen System, das nur nach außen hin frei erscheint. Einzelne Szenen bestärken die eine oder die andere Theorie. Wiederum nicht theoretisch ist die atmosphärische Stärke des Films; diese beißende Sehnsucht endlich auszubrechen. Und der Feind: Das bist letztendlich du selbst. Der Rest sind Hirngespinste, egal wie viele Beine sie haben.