"Enter the Void" (FR 2009) Kritik – Gaspar Noés spiritueller Rausch durch die Zeit

„Ich bin kein Junkie…“

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Die Jahre vergingen und es wurde still um Skandalregisseur Gaspar Noé. Nach ‚Menschenfeind‘ und ‚Irreversibel‘ hat Noé seinen Standpunkt in der Filmwelt deutlich klargemacht. Provokant, schonungslos und doch mitreißend. 2009, 7 Jahre nach ‚Irreversibel‘, klopft Noé wieder an die Tür und hat seinen neusten Film ‚Enter the Void‘ mit im Gepäck. ‚Enter the Void‘ ist ein intensiver Drogenrausch, der den Zuschauer unaufhaltsam in seinen Sog zieht, allerdings einige schwere Längen mit sich bringt.

Oscar und Linda waren lange Zeit getrennt, nun leben die Geschwister zusammen in Tokio. Sie strippt und er vertickt Drogen. Einer der Deals geht gehörig schief und Oscar wird auf einem versifften Klo erschossen. Sein Körper stirbt, doch sein Geist bleibt und schwebt durch die Zeit…

Was ‚Enter the Void‘ an Bilder und Farben auf den Zuschauer loslässt, ist mit Worte fast gar nicht zu erklären. Neonfarbende Kaleidoskope und Spiralen hypnotisierenden den Zuschauer und lassen ihn durch einen einzigartigen Trancezustand schweben. Das Bild ist nicht selten verschwommen und das Nachtleben von Tokio wird zum Farbenmeer der Sonderklasse. Für die extravagante Kameraführung ist auch wieder Benoît Debie zuständig, der sich auch durch seine eindrucksvollen Kamerafahrten auszeichnen kann. Vogelperspektive ist das Stichwort. Untermalt wird der Film durch Thomas Bangalters Musik, die sich schon in ‚Irreversibel‘ durch ihre mysteriös-erschreckende Art auszeichnete und den Zuschauer noch tiefer in den Sitz drückt.

Die Schauspieler sind klare Nebensache. Vielmehr geht es um die überwältigenden Bilder. Es erweist sich also als äußerst schwierig, die Leistung der Darsteller zu loben oder zu kritisieren. Nathaniel Brown als Oscar ist die klare Hauptfigur, ins Gesicht blicken können wir ihm jedoch nur im Tode, sonst sehen wir seinen Hinterkopf als Verfolger, oder auch aus der Egoperspektive von Oscar. Paz de la Huerta als Oscars Schwester Linda bringt vollen Körpereinsatz und kann eine durchaus authentische Leistung zeigen. Cyril Roy als Alex und Freund von Oscar kann ebenfalls durch eine glaubwürdige Darstellung überzeugen und einige interessante Informationen über Drogen geben.

Oscar und Linda haben eine intensive Bindung. Seit ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen, während Oscar und Linda die zugerichteten Körper von der Rückbank betrachten mussten, schworen sie sich, einander niemals zu verlassen. Doch beide kamen in verschiedene Waisenhäuser und Jahre später, beide inzwischen erwachsen, treffen sie sich für ein neues Leben in Tokio. Beide versprechen sich wieder für immer zusammenzubleiben, doch ein Leben als Drogendealer und Nachtclubstripperin bringt so einige Gefahren mit sich. Quasi gerade das Versprechen abgegeben wird Oscar schon von der Polizei bei einer Razzia erschossen. Während sein Körper stirbt, will sein Geist sich noch lange nicht verabschieden und treibt durch die Nachtwelt von Tokio.

Wie wir es inzwischen von Gaspar Noé gewohnt sind, macht er keine halben Sachen. Er zeigt uns eine Welt voller Momente und Augenblicke, die wir nie erleben wollen, obwohl wir längst ein Teil dieser Hässlichkeit sind. Das zuzugeben fällt natürlich schwer und auch das zerreißen und hassen von Noés Filmen bietet sich mehr als nur an. Doch wenn man sich den Film hingibt, sich offen zeigt und die nötige Kraft für diese Filme besitzt, dann wird man auch feststellen, dass es sich hier nicht um bloße Grenzenüberschreitungen und Möchtegern Provokationen handelt, sondern das sie eine Aussagekraft besitzen, auch wenn es manchmal schwerfällt diese zu erkennen, anzunehmen und zu verarbeiten. Schwer zugänglich und kräfteraubend sind die Film natürlich in jedem Fall.

Das mit dem schwer zugänglich lässt sich perfekt auf ‚Enter the Void‘ übertragen. Wo wir in Noés anderen zwei Filmen wenigstens menschliche Dreh und Angelpunkte hatten, die zwar sicherlich keine Identifikationsmöglichkeit geboten haben und auch keine Entwicklungen vorzeigen konnten, so bietet ‚Enter the Void‘ und nicht mal einen wirklichen Charakter.

‚Enter the Void‘ lässt sich so weniger als Film bezeichnen, sondern eher als ein extremer Rausch. Die Odyssee beginnt mit Oscar, der aus seiner Wohnung die Dächer der Nacht beobachtet und das Farbenmeer auf sich wirken lässt. Danach begleiten wir Oscar durch einen Trip, der den Zuschauer einfach nur paralysiert. Kurz darauf kommt es schon zum Tod von Oscar und der Geist trennt sich vom Körper.

Was den Zuschauer nun erwartet ist ein Flug durch die dreckige Dunkelheit von Tokio, die durch das neonfarbende Farbengewitter zu einem wahrhaft beeindruckendem Höhepunkt für die Augen wird. Wir treiben durch die Häuserschluchten der Großstadt, streifen durch die Clubs, in denen wir immer wieder Linda treffen, die mit fragwürdigen Gestalten verkehrt und ihrem verstorbene Bruder hinterhertrauert.

Wir gleiten weiter, bis in die Kindheit der beiden. Erleben den grausamen Unfall der Familie, der immer wieder ohne Vorwarnung auf den Zuschauer einhämmert. Wir beobachten die Eltern beim Sex, sehen die Welt dabei immer durch die Augen von Oscar. Auch die Wahrheit darüber, wer Oscar bei der Polizei verraten hat wird deutlich. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden vermengt und lassen einen gewaltigen Bilderstrudel entstehen, der den Zuschauer nicht nur einmal äußerst verstört. Die außerkörperliche Reise führt bis tief in Linda, in der die Erwähnung des tibetanischen Buch des Todes deutlich wird und wir längst mitten in einer Reinkarnation stecken. Das verdeutlich natürlich auch die inzestuöse Beziehung der Geschwister, die sich durch einen Blutschwur nie trennen wollten und in einem unheimlich spirituellen Moment im sexuellen Einklang verschmelzen.

Mit seinen gut 160 Minuten Laufzeit erscheint ‚Enter the Void‘ nicht nur mächtig, er ist es auch. Einige Längen sind mehr als deutlich und ziehen sich leider ungemein, was den Film dann doch zum schwächsten Noé macht. Trotzdem bleibt ein einmaliges, besonderes und schweres Filmerlebnis.

Fazit: ‚Enter the Void‘ ist eine spirituelle Reise durch die Zeit. Voller Sex, abschreckenden und verschreckenden Einstellungen. Vor allem beeindruckt der Film durch seine extreme Farbenpracht und die wirklich faszinierenden Bilder. Durchhänger gibt es leider auch einige, die dem Film dann doch etwas schaden. Am Ende bleibt ein brennender Rausch, der den Zuschauer in einen Strudel zieht aus dem es kein Entkommen gibt. Harter Tobak.

Bewertung: 8,5/10 Sternen