Regisseure im Fokus: Entfremdung, Liebe und die (Schein)Realität – Drei Werke des Michelangelo Antonioni

„Die Nacht“ (IT 1961)

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Ein Jahr bevor Michelangelo Antonioni mit „L’eclisse“ die Liebe als unerreichbare Begierde darstellte, als unstillbare Sehnsucht, sklavisch schweifend zwischen Hingabe und Pein, knöpfte sich der prägende Filmemacher mit „La Notte“ eine zerbrochene Ehe vor. Giovanni (Marcello Mastroianni) und Lidia (Jeanne Moreau) haben sich nichts mehr zu sagen – die Kommunikation, die soziale Interaktion der einstigen Liebenden, der wichtigste Aspekt in einer fundamentierten Beziehung, ist auf dem Nullpunkt angekommen. Antonioni komprimiert sich dabei vollständig auf die Entfremdung von Giovanni und Lidia. In Lidias Augen spiegelt sich die tiefe Trauer, die ganze Enttäuschung, während Giovanni Anteilnahme heuchelt und sich in Wahrheit als verständnisloser, längst mit der Ehe abgeschlossener Gegenpart offenbart. Beide lassen sie auf ihre Art und Weise los, symbolisch gehen sie auf der Party am Abend getrennte Wege. Lidia quält sich, Giovanni ist der Reizüberflutung der 22-jährigen Gastgebertochter ausgeliefert.

„La Notte“ thematisiert die Vergänglichkeit von Werten, die Zwecklosigkeit von Schwuren und Gelübden, während sich der Kontrollverlust über die eigene Gefühlslage mit der Aufgabe von allem was war und sein wird verschweißt. Menschliche Schwäche und die Akzeptanz von Verlust stehen hier im Raum, in einer Zeit, in der der technische und wirtschaftliche Fortschritt das Land in einen antiphilosophischen Strudel herabgesetzt hat, bleiben nur noch Desillusion und Resignation. Die letzte Szene ist da stellvertretend für jeden einzelnen Augenblick der Ehe und hätte besser nicht umgesetzt werden können.

„Liebe 1962“ (FR 1962)

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Wir alle sind auf der Suche nach der großen Liebe. Nach dem perfekten Partner. Nach einer erfüllenden und standhaften Bindung mit schützendem Fundament. Doch wie sollen wir uns sicher sein, wenn wir den Schritt in eine festen Beziehung wagen, wenn wir einen Menschen gefunden haben, auf den wir uns einlassen wollen, an dem wir Gefallen finden und Interesse entwickeln konnten, dass wir hier wirklich eine Aussicht auf ein ewiges Zusammensein haben? Liebe kann vergehen, verwelken, eine Beziehung kann sich als Fehler offenbaren, als trügerischer Wunsch nach gleichbedeutender Zweisamkeit, Nähe und Akzeptanz. Sie kann jede Rationalität verleugnen und dann im tiefsten Schmerz ihren Untergang reflektieren. In Michelangelo Antonionis „L’eclisse“ spielt die Liebe in jedem Augenblick die erste Geige, allerdings nicht im affirmativen Sinne, sondern als durchdringende Sehnsucht, als inbrünstiger Traum vom hingebungsvollen Miteinander.

„L’eclisse“ schlägt dabei durchgehend einen pessimistischen Ton an, mal unterschwellig und subtil, mal kraftvoll und entblößt, dem Zuschauer direkt in die Augen blickend. Vittoria (Monica Vitti) und Piero (Alain Delon) stehen dabei im Mittelpunkt. Beide suchen sie einen Sinn im Leben, treiben ziellos durch die Gegenwart und fühlen sich schnell voneinander angezogen. Die Hoffnungen, das Ersuchen und die Intimität kochen auf, aber haben sie wirklich eine Chance? Gibt es eine Zukunft? Antonioni behandelt die zermürbende Klarsicht der unnahbaren Liebe, der alles überschattenden Emotion, und durchleuchtet dabei den Wert der Kommunikation und der Verständigung, innerhalb dieser scheiternden Wünsche. Mit einer famosen wie trostlosen Bildsprache streifen wir durch Zuneigung, bitteren Realisierungen und stummer Finsternis und ertappen uns immer wieder aufs Neue, wie wir uns in der Melancholie und Tristesse wiederfinden.

„BlowUp“ (GB 1966)

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Maestro Michelangelo Antonioni führt uns in die trügerische Welt der Wahrnehmungskraft und der Täuschung. „BlowUp“ dokumentiert das pulsierende Feeling der Swinging-Sixties, Zeitgeist trifft auf Periodenstudie. Wieder einmal bekommen wir einen Hauptakteur, in diesem Fall Thomas (Fantastisch: David Hemmings), der sich weder in die Kategorie des Protagonisten, noch in die des Antagonisten eingliedern lassen kann. Die wahre Ambivalenz von Thomas äußert sich durch den unvorhergesehenen Bruch seiner Situation. Thomas langweilt sich, sein Dasein ist für ihn reizlos geworden, die Models, die er tagtäglich fotografieren muss, sind ein purer Störfaktor, makellose Fratzen die jedes Interesse für ihn verloren haben. Sein Atelier ist ein charakterloser Unterschlupf, ohne Magie, ohne Wärme, nur unterkühlte Gleichgültigkeit. Thomas sehnt sich nach Abwechslung, er wünscht sich Veränderungen, Unvorhersehbares, schließlich ist er schon lange ein Teil der Eigenentfremdung, immer auf der Suche nach einem Sinn. Es muss erst zu einem tödlichen Zwischenfall kommen.

Plötzlich ist Thomas‘ Leben nicht mehr die Tortur aus Monotonie und Einöde, sondern er forscht besessen wie detailliert nach Hinweisen, er begibt sich auf die Suche nach Wahrheiten und dringt dabei in eine Welt, in der sich Realität und Illusion, Schein und Sein oft nicht mehr unterscheiden. Es ist ausgerechnet der Ort des Geschehens, der Platz, an dem sich das Verbrechen zugetragen haben soll, der die fühlbarste Schönheit ausstrahlt – welch Ironie. Antonioni stellt dem Anfang dem Ende gegenüber und umgekehrt, eine Reflexion von Verfälschung und Tatsachen – Was ist passiert? Was er hat er wirklich gesehen? Wovon wurde er Teil? Wozu fühlt er sich nun verpflichtet? Der Wunsch nach Dynamik wird zu einer abgekapselten wie ruhelosen Psychographie. „BlowUp“ ist formvollendete Filmkunst, ein Meisterwerk in jedem Punkt, mit beeindruckender Bildkomposition und der wunderbaren Untermalung von Herbie Hancock. Großartig.

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