"Equilibrium" (USA 2002) Kritik – Ohne Gefühle lebt sich’s leichter

„Im Herzen der Menschheit existiert eine Krankheit. Ihr Symptom ist Hass. Ihr Symptom ist Zorn. Ihr Symptom ist Wut. Ihr Symptom ist Krieg. Diese Krankheit ist die menschliche Emotion.“

Irgendwo zwischen Huxleys „Brave New World“ und Lucas’ „THX 1138“ hat sich 2002 ein weiteres Szenario der futuristischen Menschheit angesiedelt. Unter dem Titel „Equilibrium“ erzählt Kurt Wimmer eine relativ krasse Zukunftsvision: Nach einem dritten Weltkrieg wissen die Überlebenen, dass die Menschheit einen vierten nicht überleben würde und ziehen deswegen die einzig rational nachvollziehbare Schlussfolgerung: Die Gefühle müssen weg. Jeder Bewohner bekommt eine kleine Pistole und seine „Dosis“ in gut abgepackten Fläschchen, die er sich regelmäßig spritzen muss, und schon wird er zur gefühllosen Hülle. Hüter dieses Experiments sind die „Kleriker“, von denen Preston alias Christian Bale einer der Besten ist: Er erspürt Gefühle, weiß was andere denken und ist deswegen bestens dafür geeignet, „Sinnestäter“ (also die, die ihre Dosis abgesetzt haben) zu finden und dann umzubringen.

Und genau wie sein Charakter eine Autoritätsperson darstellt, spielt Bale selbst absolut umwerfend, haucht seiner Figur so viel Leben ein, dass seine Performance schlicht und einfach eine Augenweide ist. Sein Ausdruck des Gefühllosen, seine folgende Faszination von allem und die schließlichen emotionalen Ausbrüche sind jederzeit ernstzunehmen und grandios dargestellt.

Auf emotionaler Eben spielt „Equilibrium“ dann auch seine Stärken aus: Eine Hommage an menschliche Gefühle, eine Erinnerung, wie wichtig sie sind und vielleicht sogar eine kleine Hilfe, wenn die negativen mal überwiegen. Der Kampf um die Freiheit, etwas fühlen zu können. Und damit kommen wir auch schon zur Trumpfkarte von „Equilibrium“: Gekämpft wird viel. Viel, laut, schnell und absolut übertrieben. Ein-Mann-Armee metzelt sich durch Gegnerhorden, wechselt spektakulär seine Munition, hüpft hier hin und dorthin, die Kamera ist wirr, es knallt an jeder Ecke und man verliert irgendwann vollkommen den Überblick, bis besagte Ein-Mann-Arme schließlich mit einem End-Finishing-Move, bei dem er die Pistolen höchstwahrscheinlich in einer außergewöhnlichen Haltung anlegt, dasteht und der letzte Leichnam zu Boden geht. Das sieht cool aus und wenn man schon von Anfang an weiß, dass es unrealistisch wird, dann fühlt es sich auch cool an. Mag hier und da an „Matrix“ erinnern, mit dem „Equilibrium“ ohnehin gern verglichen wird, das stimmt aber nur zum Teil. Dessen Style ist im Großen und Ganzen ein anderer. Trotzdem: Wer auf „Matrix“ steht, macht mit „Equilibrium“ schonmal gar nichts verkehrt. Einzelne Szenen sind sehr spannend (Stichwort Kofferraum), Längen kommen keine Sekunde auf und die Geschichte ist höllisch interessant. Das gilt nicht nur für die Grundidee, sondern auch für den Aufbau der Storyline und die Präsentation mit einer astrein futuristisch-dunklen Atmosphäre. Einzelne mehr oder weniger große Logiklöcher sowie das zimlich aufgeblasene Ende verzeihe ich „Equilibrium“ gerne, denn Christian Bales Leistung ist schlicht spektakulär und dieser Film ein gelungener Spagat zwischen Action und Gefühl.

Bewertung: 7.5/10 Sternen