"Eraserhead" (USA 1977) Kritik – Mitternachtskino voller Angst und verschwommener Realität

„I’m losing my mind.“

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David Lynch hat sich schon früh einen Namen machen können. Mit seinen Kurzfilmen wie ‚The Alphabet‘, die in jedem Fall sehr experimentell und eigen waren, wies er uns in die Richtung, in die wir später noch einige Male mit ihm zusammen beschreiten würden. Die Zeit für den ersten großen Spielfilm musste natürlich auch kommen und sollte im Jahr 1977 seinen Weg an die Öffentlichkeit finden. ‚Eraserhead‘ ist das genaue Bindeglied zwischen Lynchs Kurzfilmen und den darauffolgenden Meisterwerken. Lynch zeigte uns dieses Mal in knapp 90 Minuten genau das, was schon bei ‚The Alphabet‘ für Kopfzerbrechen gesorgt hatte: düsterster Surrealismus in Reinform.

Henrys Leben gleicht einem trostlosen Trümmerhaufen. Das einzige was ihm vorerst noch bleibt ist seine schwangere Freundin Mary. Doch mit der Schwangerschaft kommt das nächste Problem ins Haus: Mary bekommt ihr Baby viel zu früh und es scheint alles zu sein, außer menschlich. Mary verlässt Henry darauf und lässt ihn mit dem seltsamen Wesen allein. Henry weiß nicht wie er handeln soll und verfällt zunehmenden in Halluzinationen, bis er sich zu einem schwerwiegenden Schritt gezwungen sieht…

So abgehoben und surrealistisch klingt das ja erst mal nicht. Das dachte ich mir im ersten Moment auch. Doch Lynch beweist uns gleich das direkte Gegenteil. Henry treibt in der Schwerelosigkeit umher und hinter ihm offenbart sich ein kleiner Planet, dessen Bewohner ein seltsamer, verschmierter Mann ist, während außerhalb seiner Behausung Föten aus dem Nichts fallen. Wer sich an dieser Stelle schon überfordert fühlt, wird sich noch so manches Mal verdutzt die verschreckten Augen reiben. Wir werden dann in das Leben von Henry, wenn man das überhaupt noch als solches bezeichnen kann, eingebunden. Henry ist orientierungslos und treibt richtungslos durch sein Dasein. Zerbrochen guckt er auf den Rest, den die Welt ihm hinterlassen hat. Doch es soll sich nichts bessern, sondern immer schlimmer werden. Die Familie seiner Freundin ist vollkommen gestört. Der Vater lächelt den Dreck der Gegenwart weg, die Mutter drängt Henry nicht nur verbal in Ketten und die tote Großmutter wird als Küchenhilfe missbraucht. Doch nun hat Henry eine Familie und muss Freundin samt Kind in seiner engen Einzimmerwohnung aufnehmen. Das Kind gibt keine Ruhe, wird krank und Mary ergreift die Flucht. Henry tut das ebenfalls, nur flüchtet er immer tiefer in seine Halluzinationen, in denen er der hübschen Nachbarin in Dunkelheit nahe ist. Doch auch das ist noch nicht alles. Hinter dem Heizkörper seiner Wohnung scheint es eine weitere Welt zu geben, in der eine Frau im Kleid und mit aufgedunsenen Wangen von der Schönheit des Himmels singt und die Föten zu ihren Füßen nach und nach zertritt. Diese Parallelwelt wirft unendlich viele Fragen auf und zeigt Henry, nachdem er in sie eingedrungen ist, seine eigene hoffnungslose Bestimmung.

David Lynch zieht hier seine Eigenart konsequent und ohne Rücksicht durch. Ihm geht es nicht um Unterhaltung oder Spaß. Wieso er diesen Film in einer solchen Art dargestellt hat, weiß er im besten Fall ansatzweise selber. ‚Eraserhead‘ ist ein purer Alptraum. Eine durch und durch verstörende Version einer schwarzen und unstillbaren Sehnsucht. Lynch vermischt Träume mit der Realität. Alles was war, wird zu endloser Leere. Ein apokalyptischer Wind pfeift durch den Film und schlingt die grauenvollen und frostigen Finger um den Körper des Zuschauers. Von Minute zu Minute fester. Die Interpretation von ‚Eraserhead‘ fällt sicher bei jedem Menschen anders aus, denn was man hier selber sieht, ist nicht das, was andere in diesem Film erkennen. Die Kernpunkte und Eckpfeiler sind jedoch deutlich: die Industrialisierung der neuen Welt, das moderne Leben, welches am Scheidepunkt von allem steht und die essenziellen Themen wie das Leben, der Tod und das Zeugen und direkte Nehmen von neuem Leben. All das verknüpft, verwirbelt und verdreht David Lynch zu einem interessanten und unvergesslichen halluzinierenden Wachzustand, der niemanden loslassen wird und wie ein nie enden wollender Alptraum auch tagsüber verfolgt.

Mit spärlichen 20.000 Dollar gelang David Lynch ein verblüffendes Ergebnis. Das Budget sieht man dem Film zu keiner Zeit an und die kräftige schwarz-weiß Optik zeigt ein grandioses Bild nach dem anderen. Dazu trägt natürlich auch Cardwelles und Elmes‘ hervorragende wie ausgefeilte Kameraführung bei, die jeden Zuschauer zu einem Gefangen des Bilderregens macht. Richtige Musik gibt es erst im Abspann, während des Films wird Henry Situation nur von kratzenden, summender und brodelnden mechanischem Getöse begleitet, welches ‚Eraserhead‘ noch fremder und angsteinflößender erscheinen lässt.

Als Darsteller ist wohl nur Jack Nance als Henry Spencer wirklich erwähnenswert. Ohne viele Worte, auf die der Film sowieso verzichtet, zeigt er eine hervorragende Leistung und gibt den bemitleidenswerten und ebenso leidenden Vater wieder willen grandios. Nance ist absolut perfekt besetzt und ankert sich mit seiner Darstellung in die Köpfe der Zuschauer.

Fazit: Das David Lynch hier Regie, Drehbuch, Musik und Schnitt übernommen hat, ist wie immer deutlich zu spüren. ‚Eraserhead‘ ist angsteinflößendes, ekelhaftes, unvergessliches und abartiges Alptraum-Kino welches man gesehen muss, wenn man sich seinen eigenen Grenzen stellen will. Mit Sicherheit ist dieser Film keine Empfehlung und anschauen ist nur auf eigene Gefahr erlaubt, doch wer sich dem eindringlichen Lynch-Universum öffnen kann, erlebt einen Trip sondergleichen mit unendlicher Genialität. Lynch inszeniert hier nicht, sondern zeichnet.

Bewertung: 9/10 Sternen