"Excision" (USA 2012) Kritik – Kontroverse Realitätsflucht in sozialer Abkapselung

Autor: Pascal Reis

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„Your girlfriends friend thinks you’re gay.“ – „Excuse me?“ – „You’re not pretty enough.“

Man kann sie nur vermissen, die Zeit im Leben, in der man noch unbeschwert und mit tonnenschwerer Naivität auf den Schultern durch die Weltgeschichte spazieren durfte. Eine Zeit, in der es keine erdrückenden Vorurteile gab, in der man den eigenen Körper nicht als wollüstiges Instrument der Befriedigung erkannte und den infamen Fängen der (Geschlechts-)Reife noch getrost abwinken konnte. Doch machen wir uns nichts vor, die Lebenskonstellation verändert sich stetig, das muss sie natürlich auch, die Lügen über den Klapperstorch, der die Kinder bringt, werden durchschaut und die Hormone entpuppen sich als pochende Akkordarbeiter, die der Reizüberflutung durch die Umwelt hilflos die Hände reichen und den Organismus durchgehend zum Brodeln bringen. Die Pubertät hat ihren Höhepunkt erreicht, alles verändert sich, alle Menschen strapazieren die Nerven und nicht nur leibeigene Intimitäten werden ausgetestet, das andere Geschlecht zeigt sich ebenfalls aphrodisierender als je zuvor. Das dieser Abschnitt im Leben kein leichter ist, weiß man aus eigener Erfahrung, aber auch Filme über diese Thematik, gebündelt im sogenannten Comig-Of-Age-Subgenre, führen uns die Gefühle und Gedanken noch einmal auf dem Silbertablett vor. Im Regelfall jedenfalls. Richard Bates Jr. schlägt da mit seinem Spielfilmdebüt „Excision“ schon eine ganz andere Kerbe ein.

Pauline ist ein Außenseiter in allen Bereichen. In ihrer Highschool hat sie keine Freunde und fällt vielmehr durch ihr ungepflegtes Äußeres auf und in der Familie findet sie nur bei ihrer Schwester Grace eine gewisse Zugehörigkeit, während ihr Vater unter dem Pantoffel der strenggläubigen Mutter steht. Wie das Schicksal es so wollte, leidet Grace an Mukoviszidose und ihre Zeit läuft konsequent gegen sie. Aufgrund ihrer sozialen Abtrünnigkeit, kann Pauline ihre Wünsche nur in ihren bizarren Träumen ausleben, die Teenagerin strebt nämlich das Berufsziel einer Chirurgin an. Dementsprechend extrem sind auch ihre Fantasien, die allerdings nicht immer im Kopf von Pauline bleiben können. Eine Katastrophe bahnt sich Schritt für Schritt an…

Die ersten zynischen Harken schlägt Regisseur Bates Jr. bereits in seiner Besetzungsliste, in der er jeden Darsteller gegen den Strich besetzt hat. Annalynne McCord, die einigen sicher als blondes Starlet Naomi Clark aus „90210“ bekannt sein dürfte, zeigt als Pauline mal ihre unattraktive Seite und kann dadurch gerade durch ihr vorhandenes Charisma punkten, welches eine gewisse Empathie für ihren Charakter hervorruft. Ihre Person trägt den Film, sie ist die Säule des Geschehens, doch wenn die Nebenakteure ins Spiel kommen, hat McCord damit zu kämpfen, dem Schauspielkollegen nicht zu unterliegen. Wie ich erwähnte, sind die Rollen mit einem zynischen Händchen ausgewählt worden, denn wer hätte sich schon einmal vorstellen können, dass John Waters, ein kultiger Skandalregisseur, der sich für keine Geschmacklosigkeit zu schade ist, einen Pfarrer gibt, oder Tracy Lords, eine ehemalige Hardcore-Pornodarstellerin, die erzkonservative Mutter Phyllis verkörpert. Den Cast rundet dann noch Malcolm McDowell („Uhrwerk Orange“) als Mathematiklehrer ab und fertig ist das interessante Quartett, welches Ariel Winter als Schwester Grace nur bedingt aufnehmen kann, denn dafür ist ihre Performance einfach nicht gewichtig genug.

Die amerikanische Vorstadtidylle wird ja seit jeher bekanntlich mit Genuss in ihre Einzelteile gelegt. Ob „Little Children“, „American Beauty“ oder „Happiness“. Die Fassaden stürzen in eindringlicher und mit satirischen Querschlägern gespickt in sich zusammen und zeigen das wahre Gesicht der scheinheiligen und geschniegelten Kleinstädte. „Excision“ darf sich ebenfalls in diesen Kreis zählen, denn wenn wir uns die Darstellung von Suburbia anschauen, sind die Klischeeelemente problemlos bedient: Die Zäune sind makellos gestrichen, die Gärten kasuistisch gemäht und die Häuser weisen keine Makel auf. Äußerlich versteht sich. Hinter den Türen befinden sich die Abgründe, die familiären Diskrepanzen und die geschundenen Individuen.

Dabei fokussiert sich Bates Jr. vollkommen auf seine Scheinprotagonistin Pauline und zeichnet ein Bild aus verzweifelten Sehnsüchten und widernatürlicher Realitätsflucht. Die psychologischen Kniffe, mit denen „Excision“ den Charakter der Teenagerin entfaltet sind nicht von analytischer Natur, sondern kommen durch die symbolische wie antithetische Bedeutung zum Tragen. Pauline ist immer auf der Suche nach Annahme, sie will geliebt werden, doch von ihren Mitmenschen erfährt sie nur die kalte Schulter und muss ihre seelische Pein in Fantasien ausleben, der einzige Ort, in dem sie die kettenlose Freiheit ausleben kann.

Dabei muss gesagt werden: Wer mit extremen Sequenzen nicht umgehen kann und von Haus aus schon einen recht empfindlichen Magen besitzt, wird mit „Excision“ in einen abstoßenden Kampf gestoßen, bei dem man nur als Verlierer den Ring verlassen kann. Verlierer in dem Sinne, da man den Subtext, den der Film natürlich beinhaltet, nicht erfasst und sich bloß an dem visualisierten Verlangen aufhängt. Epileptisch geht es in diesen Momenten zu, der kommissive Soundtrack prügelt ohne Gnade, die exzentrische Pauline wird zur großen Chirurgin und bearbeitet die Körper nicht nur mit dem Skalpell, sondern such auch die physische Nähe. Da badet man in Wannen voll Blut, wirft Föten in die Waschmaschine und zieht seinen eigenen Kopf aus Bäuchen. Es wird deutlich, dass Pauline nicht nur eine Ausgestoßene der Gesellschaft ist, sondern sich auch durch die Sprünge der Ebenen einen spezifischen Plan meißelt.

„Exicision“ ist ein subversiver Wellenritt durch das Innenleben eines pubertierenden Mädchens, das inständig nach Akzeptanz fleht, aber durch die Prüderie der amerikanischen Engstirnigkeit keinen Halt in ihrer Situation findet. Und auch wenn Richard Baker Jr. in der metaphorischen Narration ab und an in plakativer Art und Weise übertreibt und das eigentlich nicht zentral positionierte Ziel der kontroversen Provokation zu sehr in den Mittelpunkt stellt, anstatt das emotionale Chaos von Pauline weiterhin zu sezieren, ist „Excision“ doch ein sensitiver und einträglicher Film, der mit ästhetischer Grenzüberschreitung durchaus etwas bewirkt und diesen nicht nur als Selbstzweck verkauft – Die Sexualethik in Bezug auf die amerikanische Engherzigkeit verträgt die grotesken Backpfeifen doch immer noch am besten.