Kritik: eXistenZ (CA/GB 1999)

„Es macht noch mehr Spaß, wenn es sich echter als echt anfühlt.“

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In der Zukunft sind die Designer interaktiver Spiele an der Macht. Spieler messen sich in einer VR-Welt, die von der realen Welt kaum noch zu unterscheiden ist. Eine Game-Community trifft sich in einer abgelegenen Kirche, um das neueste Spiel von Designerin Allegra Geller (Jennifer Jason Leigh) zu testen. Doch dann versucht jemand die berühmte Spieledesignerin zu töten. Sie flieht zusammen mit dem unerfahrenen Marketingpraktikanten Ted Pikul (Jude Law).

Man sollte schon mal ein Videospiel gespielt haben, um den Detailreichtum in „eXistenZ“ überhaupt überblicken zu können. Cronenbergs langjährige Production Designerin Carol Spier hatte sichtlich Spaß an diesem Film und schuf bizarre Welten, Level und Räume. Jude Laws Figur Ted Pikul urteilt einmal über die Welt im Film „Das ist alles so grotesk.“ und gibt damit zu verstehen, dass er das künstliche entlarvt hat.

Während die Realität ein Ort der Willkür ist, dessen Sinn und Bedeutung der Mensch erst durch seine kognitiven Fähigkeiten verstehen muss, wo er vielleicht sogar Bezüge herstellt, die gar nicht existieren, da geht der virtuelle Raum respektive das Leveldesign eines Videospiels den umgekehrten Weg. Diese Welten sind nicht willkürlich erschaffen worden, sie folgen einer inneren Logik. Ihre Gestaltung folgt Mustern. Dementsprechend nimmt die virtuelle Welt bereits die kognitiven Fähigkeiten des Subjekts in ihm vorweg. Dieses Paradox nimmt der gesunde Geist sehr schnell wahr, weshalb Ted Pikul zum Schluss kommt „Das ist alles so grotesk.“

Darin erscheint nicht nur ein Dilemma virtueller Welten, sondern aller Künste, welche die Realität als Vorlage haben, das Kino zum Beispiel. Das Gleichnis zwischen der Gamedesignerin und dem Regisseur zwingt uns der Film förmlich auf und Allegra Geller wird dadurch zum ersten weiblichen Alter Ego Cronenbergs. Ähnlich wie Geller sich im Film zahlreicher Gegner ihrer Kunst stellen muss, so ist auch Cronenberg in seiner Karriere mit vielen Zensoren aneinander geraten.

Nichtsdestotrotz erscheint der Konflikt Kunst und Realität das eigentliche Hauptthema von „eXistenZ“ zu sein. Die Frage ist: Führen virtuelle Welten zu einer neuen kopernikanischen Wende? Denn inwieweit und vorallem wie lange kann Ted Pikul sich noch sicher sein, dass er sich in einem künstlichen Raum befindet? Beim Filmemachen, wie auch beim Videospielkreieren geht es darum das Unglaubwürdige glaubhaft zu machen. Wann hat sich Pikuls Verstand daran gewöhnt, dass die Welt um ihn herum grotesk ist? Wie kann er sich dem noch sicher sein, wenn seine kognitiven Fähigkeiten zunehmend verkümmern und die Welt das Denken übernimmt?

Cronenberg wurde vielfach Kultur-, Wissenschafts- und Medienpessimismus vorgeworfen. In Wahrheit sind seine Filme weder pro noch kontra, auch in „eXistenZ“. Während in „Matrix“ oder später „Inception“ der Realitätsverlust stets negativ betrachtet wird, stellt Cronenbergs Film unverhohlen die Frage, wofür man die Realität überhaupt noch bräuchte. Die meisten Figuren in „eXistenZ“ spielen diese Spiele nicht um sich gefangen nehmen zu lassen, sondern um frei zu sein. Die Realität hat nur den Sinn, den ich ihr gebe und selbst dann weiß ich nicht ob ich richtig liege. Ein Videospiel belohnt dich dafür, dass du den richtigen Sinn erkannt hast. Es geht weiter. Dementsprechend folgt der Spieler der Logik des Spiels, denkt was das Spiel denkt und handelt wie der Schöpfer es will. Nicht ohne Grund wird Allegra Geller von manchen Fans als Gottheit verehrt und wiederum gibt es andere Gruppierungen, die in ihr eine Dämonin sehen. Hier geht es um einen Glaubenskrieg. Falls Gott unsere Welt erschaffen hat, brauchen wir sie jetzt nicht mehr. Wer direkt in den Himmel will, braucht nur die Konsole anzuschalten. Das gilt auch für die Hölle.

Innerhalb von Cronenbergs Werk nimmt „eXistenZ“ eine Sonderstellung ein. Nach dem reduktionistischen „Crash“ und vor dem sanften „Spider“, wirkt „eXistenZ“ wie der Nachruf zu Cronenbergs Frühwerk, wie der späte Abschluss einer Trilogie, die mit „Videodrome“ und „Naked Lunch“ begann.

Vielleicht lag es auch an der Jahreszahl 1999, dass Cronenberg sich auch das erste mal zu einer wirklichen Zukunftsvision hinreißen ließ. Alle seine anderen Sci-Fi-Filme spielen praktisch in der Gegenwart, da ihre wissenschaftlichen Novi nicht Teil einer gesellschaftlichen Utopie sind. Anders als in „eXistenZ“, wo die Erfindung virtueller Welten zu einem neuen Religionskrieg geführt hat.

All das konnte man noch nicht vorhersehen, doch das neue Jahrtausend ist geprägt durch „Ismen“ und Glaubenskonflikte, Wirtschaftskollaps und Umweltzerstörung. Unsere heutige Welt ähnelt einem Super-Mario-Level indem es darum geht möglichst oft in einen Abgrund zu springen. Wo wir wieder bei Kant wären, eine Nebenwirkung der Aufklärung vielleicht? Warum also sollte man sich nicht wieder in die Unmündigkeit begeben? Wir flüchten einfach in virtuelle Welten, die man nicht kaputt machen kann, wo man niemanden wirklich verletzt und die einem trotzdem das Gefühl geben Ziele zu erreichen, die von Belang sind, solange man fest genug daran glaubt. Unser realer Körper bleibt einfach liegen und kann niemandem etwas antun. Er vegetiert einfach vor sich hin und lässt die Welt in Frieden, die sowieso nicht für ihn geschaffen wurde. Ist das grotesk? Am Ende von „eXistenZ“ stellt jemand eine einfache, aber weitreichende Frage: „Sind wir noch im Spiel?“ In Zukunft wird die Antwort lauten: Wen kümmert’s?