"Extrem laut und unglaublich nah" (USA 2011) Kritik – Aufgeblasene Gefühle ohne Ende

„Nur Menschen können Tränen weinen, wussten Sie das?“

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Jeder der den 11. September miterlebt hat, und wenn es nur am Fernsehbildschirm war, wird diese furchtbaren Bilder niemals vergessen. Nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt stand still. Tausende fanden ihr Ende in den flammenden Trümmern. Auch über 10 Jahre später ist der Schmerz noch tief in den Menschen verankert, vor allem bei denen, die Angehörige dabei verloren haben. Stephan Daldrys Romanverfilmung ‚Extrem laut und unglaublich nah‘ aus dem Jahr 2011 nimmt den Anschlag auf das World Trade Center als Rahmenhandlung und verliert sich in seiner eigentlichen Story in aufdringlicher Rührseligkeit und aufgeblasenen Gefühlen.

Optisch gibt es hier jedoch keinerlei Aussetzer oder Mängel. Kameramann Chris Menges fängt in warmen Hochglanzaufnahmen das New York um die Zeit der Anschläge ein und kann auch mit einigen starken Einstellungen auffahren, auch wenn er es an gewissen Stellen etwas übertreibt und unbedingt Nähe zum Zuschauer aufbauen will. Die Musik lässt sich wohl als genretypisch beschreiben. Alexandre Desplat komponiert einen Soundtrack, der eher austauschbar wirkt. Er unterstreicht die Szenen zwar nett, aber bleibt dabei nichts Besonderes.

Mit Tom Hanks und Sandra Bullock hat sich Peter Daldry gleich zwei Publikumslieblinge und Oscar Gewinner gesichert. Das was sie mal waren, vor allem Tom Hanks, sind sie jedoch sicher nicht mehr. Hanks spielt den Vorbilds-Daddy Thomas Schell ganz nach Schema F. Impulse setzen kann er keine, ist dafür aber auch nur gefühlte 10 Minuten im Bild. Noch schwerer hat es Sandra Bullock als Mutter Linda, die nur geschätzte 5 Minuten zusehen ist und gegen Ende plötzlich seriös schauspielern soll, damit aber direkt gegen die Wand fährt. Die große Bühne wird dem 14 jährigen Thomas Horn als Oskar geschenkt. Horn macht seine Sache sogar gar nicht mal schlecht, allerdings ist seine Rolle phasenweise einfach so störend geschrieben, dass er dem Zuschauer schon mal ein genervtes Schnaufen entlockt. Größtenteils überzeugt er aber dennoch. Der grandiose und Oscar nominierte Max von Sydow als stummer Untermieter von Oskars Großmutter bringt die stärkste Leistung des Films und das ohne auch nur ein Wort zu sagen. Sein ausdrucksstarkes Schauspiel überzeugt in jedem Punkt und durch seine Blicke erzählt von Sydow viel mehr als alle anderen. Einen Oscar ist seine Rolle dennoch nicht wirklich wert. In einer Mini-Rolle ist auch der tolle John Goodman zu sehen.

Der autistische 11 jährige Oskar führt eine enge Beziehung zu seinem Vater. Er kann mit ihm reden, toben und von ihm lernen. Gemeinsam geht er mit ihm auf Schnitzeljagden quer durch die Stadt und lernt sie durch die Augen seines Vaters zu sehen. Er erkennt seine Ängste, kann sich ihnen aber nicht stellen. Der schlimmste Tag, so bezeichnet Oskar ihn, hämmert unaufhaltsam auf die Welt ein. Am 11. September stirbt Oskars Vater bei den Anschlägen und Oskar verliert sich völlig traumatisiert in seiner eigenen Welt. Von seiner Mutter wendet er sich ab und bei einem Streifzug durch Haus findet er eine Vase in der sich ein Zettel mit der Aufschrift „Black“ befindet. Fest davon überzeugt, dass sein Vater ihm eine geheime Nachricht hinterlassen hat, zieht er durch die Straßen von New York und befragt jeden Menschen mit dem Nachnamen Black nach seinem Vater. Die Antwort auf das Rätsel ist jedoch ernüchternd und doch lernt Oskar auf seiner Odyssee viel für das Leben.

Der 11. September dient hier nur als Hintergrundgeschichte. Ganz klar geht es um die zerstörte Vater-Sohn-Beziehung, die Oskar, trotz des Todes seines Vaters, nicht verlieren will. Er will seinen Vater nicht loslassen oder ihn aus den Augen verlieren. Traumatisiert zieht er durch die Straße, in der Hoffnung, dass einer der nächsten Blacks etwas über seinen Vater erzählen kann und ihm etwas gibt, was sie auf ewig verbinden wird. Irgendetwas, das ihm für immer bleibt. Als Oskar vom Untermieter seiner Oma begleitet wird, lernt er sogar durch den stummen Mann seine Ängste (Brückenüberquerung, U-Bahn fahren) zu überwinden und findet jemanden, mit dem er sprechen kann. Doch der Untermieter macht sich urplötzlich aus dem Staub und die Wahrheit über seine Flucht wird im Nachhinein umso deutlicher.

„Es tut so weh…“

So schlecht klingt das alles gar nicht. Es hätte auch ein schönes Jugend-Drama werden können. Ein Abfinden mit Tatsache, dass der Tod zum Leben dazu gehört. Doch leider versucht Daldry zu manipulieren wo er nur kann. Er trägt immer wieder viel zu dick auf schreibt dem Zuschauer die Gefühle, die er jetzt fühlen soll, vor. Ganz nach dem Motto „Die Szene war traurig, ne? Also weine auch gefälligst“. Und wer lässt sich bitte vorschreiben, wie er sich fühlen muss? Vor allem von einem Film? Niemand. Gefühle können nicht erzwungen wurden und das drückt ‚Extrem laut und unglaublich nah‘ ganz, ganz tief in den Boden. Emotional wird es zwar auch mal, aber das sind wirklich die goldenen Aufnahmen. Vor allem in den Szenen mit Max von Sydow kriegt der Film einen Hauch von Tiefe, die eigentlich durchgehend vorhanden sein sollte.

Der 11. September in Verbindung mit dem Tod des Vaters ist auch kein besonders kluger Schachzug. Das Schicksal wird nicht persönlich genug, es ist kein Einzelschicksal. Berührend hätte es zwar schon sein können, dafür ist Daldrys Inszenierung aber einfach zu angestrengt und gewollt. Er will auf Biegen und Brechen berühren und drückt dabei ungemein auf die Tränendrüse. Nur leider funktioniert das kein Stück. Eine Atmosphäre kann so auch nicht entstehen und der Film plätschert einfach so vor sich hin. Was auch noch dazu kommt, ist das Verhalten von Oskar, der durch sein Tamburingeschüttel gerne einiges an Nerven raubt und auf den Zeiger geht. Der Erzählstil durch die Ich-Perspektive serviert uns das Innenleben von Oskar zwar auf dem Silbertablett, irgendeine Nähe können wir für den leidenden Oskar aber auch nicht aufbauen. Dazu sind die inneren Monologe auch gerne im Bereich des pseudointellektuellen. Weniger wäre hier deutlich mehr gewesen. Die Beziehung zu seiner Mutter, die sich in Trauer vergräbt, ihm aber zum Schluss noch eine große Hilfe ist, bleibt auch völlig in der Grauzone und wird maximal angekratzt.

Fazit: ‚Extrem laut und unglaublich nah‘ ist aufgesetztes Gefühlskino mit schrecklich übertriebener Rührseligkeit. Wenn jedoch mal etwas Emotionalität aufkommt, dann durch die Szenen mit dem tollen Max von Sydow. Am Ende bleibt ein schlechter und enttäuschender Film, der dem Zuschauer vorschreibt, wie er sich zu fühlen hat, ohne dabei irgendeinen Tiefgang vorzuweisen. Sterbenslangweilig wird es zwar nie, packend aber sicherlich auch nicht. Die schönen Bilder helfen da auch nichts mehr, denn auch eine Atmosphäre tritt erst gar nicht ein. Die Oscar-Nominierung für den besten Film ist auch ein absoluter Witz, abhaken und vergessen.

„Geschichten muss man mitteilen.“

Bewertung: 3/10 Sternen